Interview | Video

Interview mit Hertha B. vom 22.05.1996

Quellenbeschreibung

Bei dem hier geführten Interview handelt es sich um ein Gespräch mit Hertha B., welches am 22. Mai 1996 im Rahmen des Projekts „Archiv der Erinnerung“ von Irene Diekmann und Matthias Cohn mit Hertha B. durchgeführt wurde. Es handelt sich um eine halbstündige Version des Interviews, welches für die pädagogische Verwendung in Schule, Erwachsenenbildung und Universität ediert wurde.

Herta B. berichtet über die starke deutsche Identität ihrer Eltern, den Dienst ihres Vaters im Ersten Weltkrieg, ihr Studium bei Regina Jonas, einer Rabbinerin, ihren Schulverweis 1936 aufgrund antijüdischer Gesetze, ihren Besuch eines jüdischen Seminars zur Ausbildung zur Kindergärtnerin, ihre Anstellung in einem Kinderlager in der Nähe von Schmiedeberg (heute Kowary, Polen) und Hirschberg (heute Jelenia Góra, Polen), die Einheimischen, die in der Reichspogromnacht alle Fenster zerbrachen; die Rückkehr mit den Kindern nach Berlin; die Vorbereitung auf die Auswanderung nach Palästina mit einer Gruppe in Havelberg; die Begegnung mit ihrem Mann; die Heirat; die strapaziöse Schiffsreise zur illegalen Auswanderung nach Palästina im Oktober 1939; die Ankunft im Januar 1940 nach der Aufbringung durch die Briten; eine sechsmonatige Inhaftierung in Atlit; Leben in einem Kibbuz; Niederlassung in der Nähe von Haifa; Erhalt eines Briefes von ihren Eltern im Oktober 1940 (sie hörte nie wieder etwas von ihnen); Geburt ihres Sohnes; Militärdienst ihres Mannes in den Kriegen von 1948 und 1956; Rückkehr nach Berlin im Jahr 1957. Frau B. spricht darüber, dass sie sich in Berlin zu Hause fühlt; sich als Jüdin identifiziert; erfährt, dass ihre Eltern nach Theresienstadt deportiert wurden; und dass alle ihre Verwandten bis auf einen während des Holocaust ums Leben kamen.

1996

    00:00:00 Rolltext: Hertha B. wurde am 11. Oktober 1920 in Berlin-Prenzlauer Berg geboren. Sie war die einzige Tochter des Ehepaares Agnes und Arthur C. Die Mutter war Hausfrau, der Vater Angestellter beim Finanzamt.

    00:00:36 Hertha B.: Ja, es wurde ja bekanntgegeben, dass die jüdischen Schüler und Schülerinnen von den städtischen Schulen und von den Lyzeen und Gymnasien zu entlassen sind. Ja, also, das war ja... musste man ja. Und man hatte ja die Möglichkeit... damals gab es ja noch jüdische Schulen in Berlin, es gab auch noch Grundschulen. Und man hatte ja die Möglichkeit, die hatten, hätten uns ja aufgenommen. Also, dass ich nicht wollte, das war nun mein eigenes Pech oder Glück, wie Sie wollen [lachen].

    Ich wollte da lieber gleich einen Beruf lernen und ich wusste, ich wollte Kindergärtner... Ich wollte eigentlich... ursprünglich wollte ich mal Kinderärztin werden, aber nachdem ich kein Abitur machen konnte, war das ja nicht möglich. Also dann, habe ich gesagt, dann werde ich Kindergärtnerin. Ich habe ein Praktikum gemacht in einem jüdischen Kindergarten, also von der Gemeinde in Weißensee, in der damaligen Berliner Allee. Da war ein in einem Haus ein Kindergarten und Hort und da habe ich ein Praktikum gemacht, und die haben mich sofort angenommen. Das hat den irgendwie gefallen, wie ich da rangegangen bin und dann habe ich gleich den Platz bekommen im Seminar. Allerdings mussten meine Eltern das bezahlen, das war dann ich glaube – schon zu damaliger Zeit monatlich 40 Mark oder 20 Mark... oder 40 Mark? Das weiß ich nicht mehr so genau. Und das waren sie selbstverständlich bereit. Aber ein Staatsexamen habe ich nicht machen können. Ich habe nur die Abschlussprüfung gemacht, und Staatsexamen wurden wir ja nicht zugelassen.Schnitt

    00:02:09 Dann hat man mir den Vorschlag gemacht, ich sollte in einem jüdischen Kinderheim arbeiten, und dann hat man mich angestellt. Da gab es in Hohenwiese bei Schmiedeberg/Hirschberg im Riesengebirge ein jüdisches Kinderheim. Das hat einer privaten Frau Anna Lewi gehört. Die hatte hier eine Wohnung, in der Paulsborner Straße, und die hat jemand gesucht. Das war ein kleines Heim und da waren nur 30 Kinder und die jüdische Gemeinde hat alle vier Wochen 30 Kinder dahin geschickt, mit dem, vom Schlesischen Bahnhof bis Hirschberg und dann mit dem Zug weiter nach Schmiedeberg. Und von Schmiedeberg musste man dann laufen, glaube ich, nach Hohenwiese, das war aber nicht, ein Waldweg bloß und wir sind... Und ich hab’ das angenommen, ich bin da hingekommen, irgendwann im Frühjahr 38. Ich weiß nicht mehr genau, ob es März... [stottern] nein, das war im Mai, glaub’ ich. Es waren Maiglöckchen da. Also, es war Mai. Und da blieb ich bis zum 9. November. Die Frau Lewi, die Frau Anna Lewi, die hat selbst, ich weiß nicht genau, sie war schon eine ältere Dame, aber sehr nett und freundlich und sehr, sehr, so mütterlich, würde ich sagen, die hatte noch eine Buchhalterin, die da wohnte, und eine Hausdame, die von dem Ort kam, frühmorgens, und da die Küche besorgte – das Essen und alles – und dann natürlich Personal zum Saubermachen. Und dann hatte sie noch eine... hatte sie noch Angestellte in Breslau, ein junges Mädchen, die aus der Haushaltungsschule kam. Die kam zur gleichen Zeit, die Käthe Brauer, die, mit der ich dann sehr befreundet war, auch hinterher noch, und wir haben dann mit 30 Kindern dort die Gegend unsicher gemacht. Es war eigentlich eine sehr schöne Zeit, aber dann, am 9. November 1938, der berühmten „Kristallnacht“, dann haben die plötzlich – die Dorfbewohner, ich habe keine Ahnung... wir haben denen nie was getan – alle Scheiben eingeschlagen. Und die Polizei aus Schmiedeberg ist gekommen und hat die Frau Lewi, die Anna Lewi, nach Breslau ins Gefängnis geschleppt. Und dann stand ich da, mit der Käthe Brauer und ohne Personal, mit 30 Kindern und wusste nicht, was ich machen sollte. Dann habe ich nach Berlin telefoniert und in die Rosenstraße. Das war ja das damalige Jugendreferat der Gemeinde, und da haben die gesagt, du musst mit den Kindern zurückkommen. Ich bin ja jedes Mal mit dem Zug mit den 30 Kindern da hingefahren und auch wieder zurückgefahren. Aber damals konnten man ja sagen: „Bleib sitzen“ und dann sind die auch sitzengeblieben. Das ist ja jetzt nicht mehr möglich. Und da habe ich versucht zurückzukommen, also die Bahn hat mir keine Möglichkeit gegeben zu fahren. Ich hatte die Wach- und Schließgesellschaft angerufen, in Hirschberg und in Schmiedeberg, und die sind auch nicht gekommen und haben das Haus geschützt, weil es waren ja keine Scheiben drin. Es war November und dann habe ich aber doch aus Schmiedeberg einen Tischler gefunden und der hat überall Bretter vorgenagelt, also Sperrholzplatten. Und dann war... gab es einen einzigen Busunternehmer, glaube ich, der war in Hirschberg, Herr Teichmann, der ist dann gekommen und hat uns mit dem Bus nach Berlin zurückgebracht – das war dann 12./13./14. November, Mitte November – bis zur Rosenstraße mit den Kindern.Schnitt

    00:05:56 Während der Zeit, in der ich in der Ausbildung war, hatte ich da eine Gruppe gefunden. Die waren nicht... man kann noch nicht mal sagen, dass die zionistisch waren. Das war... das gab hier eine ZVSD, d.h. zionistische Gruppe von Erwachsenen, die haben eigentlich nur Geld gesammelt und für... hebräischen Unterricht gesorgt. Hin nach Israel, nach Palästina, damals ist keiner gegangen. Aber von denen die Kinder, die Jugendlichen, hatten sich dann zusammengeschlossen und die haben sich einmal in der Woche getroffen, in der Schönhauser Allee. Und zwar war da ja eine von der jüdischen Gemeinde ein... ein Büro, wo der alte jüdische Friedhof in der Schönhauser Allee war. Vor dem Friedhof gab es ein Büro von der jüdischen Gemeinde, und da haben die sich abends einmal in der Woche getroffen und haben da... Ja, was haben sie? Sie haben sich unterhalten und sind zusammengekommen und haben Erfahrungen ausgetauscht. Und der Leiter dieser Gruppe war der Alfred Selbiger. Das ist ja auch ein Mann gewesen, der im Palästina-Amt gearbeitet hat, und der versucht hat, junge jüdische Menschen nach Palästina zu bringen. Und er hat ja, glaube, zwei- oder dreimal von der Jugendalija Gruppen auch hingebracht, ist aber immer wieder zurückgekommen. Und ich habe dann in Israel gehört, dass er und seine Frau Eka Katz... die hatte dann geheiratet, die Erika und die Schwester von der Erika Katz, die Ruthi, und die... seine Eltern... Sein Vater war Lehrer in der Großen Hamburger Straße und die Eltern von den Mädchen sind dann alle erschossen worden, hier in Berlin. Und zwar hat er dann während des... es muss wohl 41/42 gewesen sein, ich habe das dann in Palästina gehört, dass... er hat sich geweigert, Listen aufzustellen, zur Deportation, für die Gestapo, und dann haben sie die ganze Familie erschossen, ihn und seine Frau und die Schwester und seine Eltern und die Eltern von den Frauen auch. Und durch diese Gruppe bin ich nach Havelberg gekommen.Schnitt

    00:08:36 Meine Eltern wollten das nicht, aber ich habe gesagt: „Es tut mir leid, ich kann da nicht drauf Rücksicht nehmen, was ihr nun wollt oder was ihr nicht wollt. Ich bleibe hier nicht. So geht das nicht, unter solchen Zuständen kann man nicht leben.“ Und ich fahre, nachdem ich aber dort doch gemeldet war...in Hirschberg, da hatte ich da auch die erste Kennkarte bekommen, mit den Fingerabdrücken... die es damals gab. Dann bin ich nach Hav... nach Breslau gefahren, ins jüdische Krankenhaus und musste untersucht werden, denn zur Hachschara musste man untersucht werden. Und da war ich dort... und bin dann nach Berlin gefahren und habe meine Eltern vor die... vor vollendete Tatsache gestellt.

    00:09:18 Rolltext: Voraussetzung für die Ausreise nach Palästina war die Ausbildung in einem Hachschara-Lager. Deshalb ging Hertha B. im Januar 1938 in’s brandenburgische Havelberg.

    00:09:42 Ja, also Havelberg, das waren zwei Häuser, ein Jungshaus und ein Mädchenhaus, in einem haben die Jungs gewohnt und in dem anderen die Mädchen. Wir hatten ein Ehepaar, die haben im Jungshaus, unten, ein Zimmer zusammen gehabt. Die hatten auch so ein kleines... einen kleinen Jungen, Peter. Im Haupthaus war unten die Küche, ein Esssaal, ein Aufenthaltsraum und oben war eine Wohnung für den Verwalter. Also erstmal wurde doch festgesetzt, wer „Kuhstall“ hatte, „Pferdestall“ hatte, „Hühnerstall“ hatte. Die Mädchen wurden in der Küche eingeteilt oder im... in der Wäsche und... oder zum Bügeln oder auch zum Saubermachen.... Elektrisches Licht gab es nicht, es gab nur Petroleumlampen.Schnitt

    00:10:35 Und dann gab es einen Kartoffelacker und am Zaun war Spargel. Und den haben wir aber nie zu Essen bekommen, der wurde immer verkauft. Und... Na ja, also wir haben praktisch den ganzen Tag gearbeitet. Pausen und so, ja, zum Mittagessen ist man gegangen in den Esssaal und hat gegessen. Und das mit dem Essen war auch so eine Sache. Wir hatten da verschiedene jüdische Mädchen, aus Chemnitz und aus... Eine war aus Chemnitz, eine war aus Leipzig, und die... wenn ich mich recht erinnere, war die ganze Atmosphäre irgendwie immer sehr nett und lustig, und keiner hat was übel genommen. Gut, es gab mal Zank und Streit, aber das hat sich dann wieder erledigt, und drei Pärchen haben sich da zusammengefunden, unter anderem auch ich mit meinem Mann, die sind auch zusammengeblieben dann, die haben dann später geheiratet und sind auch zusammengeblieben, auch in... in Israel zusammengeblieben. Ich erinnere mich an etwas, ich weiß nicht, ob Ihnen das gefallen wird. Da hatten wir ein Mädchen, die hieß... Pienchen wurde sie gerufen. Sie ist nach Holland gegangen, sie lebt auch nicht mehr. Die kam aus dem Büro und hatte von Kochen überhaupt keine Ahnung. Und dann hatte man die in die Küche gesteckt und da standen so ’ne hohen Töpfe, mit Wasser, schon am Tag vorher aufgestellt, und das waren noch ... Öfen, die mit Kohle geheizt wurden, und da hat die da ein Ei reingeschmissen und hat gesagt, sie muss ein Ei kochen. Und dann hat sie mich einmal gefragt, wie ich das mache. Wir haben Spiegelei... dass das Gelbe in der Mitte bleibt... werd’ ich nicht vergessen. Also irgendwie war die Atmosphäre sehr humorvoll, fand ich. Es war wirklich... man war dort irgendwie gegenüber der Umwelt ja wie eine Insel – abgeschirmt, man hat das nicht so furchtbar empfunden, weil man da doch in einer Gruppe war und die war intakt und es ging eigentlich ganz gut so.

    00:12:47 Rolltext: Mitte Oktober 1939 konnten Hertha B. und ihr Mann schneller als erwartet die Ausreise nach Palästina antreten. Erst Ende Januar 1940 erreichten sie ihr Ziel. Die Fahrt wurde zur Odyssee, weil Deutschland bereits den Zweiten Weltkrieg begonnen hatte. Zudem galten Flüchtlinge, die versuchten, das englische Hoheitsgebiet Palästina zu erreichen, als feindliche Personen. Die von deutscher Seite genehmigte Ausreise begann in Berlin.

    00:13:17 Und dann sind wir abgerufen worden, am 13., also am 12. Oktober, nach Berlin, und am 13., sind wir von der Rosenstraße, da wurden die Rucksäcke gewogen, acht Kilo... sind wir dann verfrachtet worden in einen plombierten Zug mit Gestapo-Begleitung nach Wien, da sind wir die ganze Nacht gefahren.

    00:13:42 Irene Diekmann: Ein ganzer Zug, ein richtig langer Zug?

    Hertha B.: Ja, es war ein langer Zug. Es waren angeblich 750 Leute, aber ich habe sie nicht gezählt. Das war ein Illegalentransport von der Makkabi, von der tschechischen Makkabi, von der Makkabi-Prag. Wir sind abgefahren. Wir sind darauf auf so einen Salondampfer gekommen, von der Donaudampfschiffahrtsgesellschaft. Und da waren wir, also wir... ich glaube, also über 700 Menschen bestimmt...Das heißt wir haben praktisch gelegen, auf der Erde, alle. Es gab ganz wenige... es gab auch keine älteren Leute. Die Kabinen waren von der Mannschaft besetzt, soviel ich mich erinnern kann. Kabinen habe ich keine gesehen. Da war vorne ein Esssaal und hinten ein Esssaal und wir haben praktisch auf der Erde gelegen, mit Decken. Und da sind wir gefahren von Wien die ganze Donau... wie sagt man: rauf oder runter?

    Irene Diekmann: Runter.

    Hertha B.: runter nach Konstanza.

    Irene Diekmann: Rumänien.

    Hertha B. Ja, und jedem Hafen sind wir stehengeblieben, warum? Wasser, Kohle und Kohl... Und in Preßburg, glaube ich, ja Preßburg, ist noch so ein Schiff gekommen, da waren 750 Tschechen drauf. Das waren nämlich die eigentlichen, die... von da ging es aus und dann sind wir umgeschifft worden, am... Ende Dezember, vor Weihnachten, glaube ich war das. Wir durften nicht schreiben, wir haben keinen Kontakt zu keinem Land gehabt, wir sind umgest... wir hatten... die Besatzung auf dem Donaudampfschiffsdampfer, die waren noch irgendwie... Aber da sind wir im Schwarzen Meer irgendwann nachts auf einem Dampfer gebracht worden mit Schlauchbooten, soviel ich mich erinnern kann. Daß keiner ertrunken ist, ist ein Wunder. Auf ein Schiff... das war ein Mehlfrachter, der ist 1880 in Glasgow gebaut worden und hatte Vorderschiff und Rückschiff Stellagen mit Sandsäcken für alle, die da drauf kamen. Vorderschiffs waren die Tschechen, Rückschiffs waren wir, mit so Stallaternenbeleuchtung. Und es war Ende Dezember, und es war saukalt, es war so kalt, dass man... wenn man auf den... auf diesen Sandsäcken geschlafen hat, das man... da die Haare, die sind dann innen angefroren, an der Schiffswand. Und wir bekamen Schiffszwieback: Jeden Morgen einen und jeden Abend einen. Das war so ein großes Ding, wie der Teller hier und so dick. Und wer das nicht verstand zu essen, der hat sich alle Zähne ausgebrochen. Und so, dann hatten wir so eine Emailleschüssel, da hat man heißen Tee gekriegt, also das Zeug musste man erst in den Tee tauchen, damit es weich wurde, und dann konnte man das essen. Und am Tage gab es dann eine Mahlzeit, ja, Gries mit Pflaumen: Backpflaumen und Gries oder Gries mit Backpflaumen oder Backpflaumen mit Gries. Einmal und dann gab es... Am Anfang gab es noch irgendwelches Hammelfleisch. Ich weiß nicht, wo das herkam, mit Reis. Also es ist... unwichtig darüber zu reden. Man wurde irgendwie satt, aber es war also ekelhaft... es hat keiner darüber gesprochen. Man konnte sich aber auch nicht waschen, es gab gar kein Wasser zum Waschen. Wir hatten einen Süßwassertank und da sollen angeblich – ich habe es nie nachkontrolliert – Ratten drin geschwommen sein. Aber da wurde ja Tee draus gekocht. Und die Toiletten waren ja oben an Deck. Und das waren so... das waren eigentlich keine Toiletten. Das waren Türen, die konnte man... oder zuhalten oder es musste jemand mitgehen, der sie zuhielt oder nicht zuhielt. Und dann gab es einen Stock, da konnte man da denn so ins Meer schippen.Schnitt

    00:18:31 Unsere Besatzung hat ja aus Seeräubern bestanden. Die wussten ja alle, dass es ein Illegalen-Schiff war. Die haben sich das auch natürlich bezahlen lassen und die wussten ja auch alle, dass sie, wenn sie nach Haifa kommen und dort gepackt werden von den Engländern, dass sie dann interniert werden, dass sie nicht frei bleiben. Und ich erinnere mich, ob es stimmt, weiß ich nicht. Das sind Seeräuber gewesen und angeblich hätten sie auch Mädchen vergewaltigt. Aber ich habe es nicht gesehen, und ich war auch nicht dabei. Also weiß ich nicht, was da wirklich vorgefallen ist. Wir sind losgefahren, und wir sind durch die Dardanellen gefahren und dann wurden wir gestoppt von der englischen Kriegsmarine, mit riesenhaften Scheinwerfern, und die englischen Offiziere sind an Bord gekommen und haben uns alle sehr freundlich beruhigt, auf Englisch natürlich. Wer nicht verstanden hat, hat nicht verstanden, dass sie uns nichts tun würden. Sie würden uns auf Konterbande Untersuchung... und auf Untersuchung... nach der Fünften Kolonne – wir kamen ja aus Deutschland – nach Haifa bringen ... mehr wollten wir ja gar nicht. Die Schiffspapiere sollen angeblich gewesen sein nach Port Said. Ich habe sie nicht gesehen und wir hatten alle keine Papiere. Wir durften alle keine Papiere haben, wir mussten ohne Papiere reisen, hat man uns aber vorher gesagt.

    00:20:12 Irene Diekmann: Wo waren Ihre Pässe da?

    Hertha B.: Meine sämtlichen Papiere und die Papiere von meinem Mann haben wir nach Amsterdam geschickt, von Berlin aus, mein Mann hatte Verwandte dort. Und die sollten die aufheben, wir waren in telefonischer Verbindung gewesen von Berlin nach Amsterdam. Und die sollten dort aufgehoben werden bis wir die wiederkriegen konnten. Wir hatten sie nicht vernichtet, aber wir haben sie nicht in Deutschland gelassen. Auf jeden Fall haben die uns beruhigt, sie übernähmen das Schiff, sie übernähmen die Funkerkabine und sie übernähmen das Schiff. Und sowie die an Bord erschienen, ist die ganze Besatzung abgehauen. Jetzt haben die Engländer uns gesteuert und das war ein... Das war ein Glück, im nachhinein gesehen. Denn wir kamen vor der Insel Kos in einen furchtbaren Sturm. Und es ist... man konnte schon sehen, wenn man auf diesen Pritschen da gelegen hat, wie das Wasser stieg im Schiff. Beim Schaukeln wurde das immer höher, und wir hatten also keine Rettungsboote, aber so... ja was sind das, so Bretter, Pontons oder so was, als Notbehelf. Aber die Engländer haben damit gar nichts gemacht. Wir hätten auch das nicht machen können, wenn die nicht gewesen wären. Die sind auf der Insel Kos, sind die in den Hafen eingefahren und haben dort eine Nacht geankert, im Hafen von der Insel Kos, bis der Sturm vorüber war. Also wir wären bestimmt alle untergegangen damals. Und am nächsten Tag haben sie uns dann nach Haifa gebracht und haben uns weiter interniert. Wir kamen aus feindlichem Ausland, mussten untersucht werden, Papiere hatten wir nicht, auf Konterbande, das Schiff, und auf Fünfte Kolonne die Besatzung und wir sind dann nach Atlit gekommen, das war ein neu erbautes Lager von englischen Militär für englisches Militär, war aber noch neu, war noch nicht benutzt. Und da haben sie uns hinter Stacheldraht... und dann wurden wir einzeln vernommen und bekam eine Identity Card mit einem Foto und, nein, ohne Fingerabdruck, nur Unterschrift, mit einer Nummer und einem Foto. Also ich habe die noch, aber die habe ich jetzt nicht dabei. Also da sehe ich herrlich aus [lachen]. Und dann wurden wir also in Atlit interniert und das war zu der Zeit... Das war ja Ende Januar 1940. Dann fing ja an die Bombardierung der... Die Italiener haben die Haifa Bay bombardiert und dann flogen dort die 50 Kilo-Bomben runter und Atlit, ist ja dicht bei Haifa, aber nach der südlichen Seite, die Haifa Bay nördlich ist ja die Refinery. Und da sollte... die sollte ja getroffen werden, aber sie haben sie nicht getroffen. Aber da gingen dann immer bei Vollmond die Bomben runter. Das war ein herrliches Gefühl: Sie waren ja hinter Stacheldraht, was konnten sie denn machen. Da haben wir ein halbes Jahr zugebracht, wir wurden zwar verpflegt, aber es gab doch nur Holzbaracken und ich glaube, wir haben Frauen und Männer getrennt, ich glaub zehn Betten, so ne Pritschen und Duschräume... also ein richtiges Camp. Schnitt

    00:23:59 Wir waren da und nicht da, so war das. Ja, also mein Mann, mein Mann hatte ja einen Onkel in Tel Aviv und eine Großmutter und die Frau von dem Onkel. Die waren in Tel Aviv und die sind dann ab und zu mal... Besuch hat man kriegen können, aber nur per Stacheldraht, von da bis da, durch Stacheldraht. Und Päckchen konnte man auch kriegen und man konnte auch schreiben, aber das wurde zensiert, es ist aber angekommen. Und... der kam auch mal und... die Tante kam auch mal, und dann haben wir auch ein Päckchen bekommen, mit Verschiedenem, was wir gebraucht haben. Also wir haben ja dann praktisch keine Waschmittel gehabt. Die hatten, ich weiß nicht... Seife hatten wir zu Anfang, haben wir glaube ich ein Stück bekommen, naja nicht mehr. Und dann... also der hat schon ab und zu dafür gesorgt, dass wir was bekamen. Aber er war ja nun nicht interessiert, dass wir da alle... also alle – mein Mann und ich da... Wie das so ist bei einer angeheirateten Tante: „Ja wenn du alleine gekommen wärst, aber mit einer Frau gleich.“ Schon, hat Platz genug gehabt, so ist es nicht, und... wir sind... und er hat da in Tel Aviv ein Hotel gehabt. Das war ja nicht sein eigenes, aber er hat das, er war der Manager und er hat gesagt: „Wenn ich das nicht hier auf meinem Kopp hätte, da würde ich ja Straßenbauen gehen.“ Das hab ich ihm nie abgenommen, aber er hat das mindestens gesagt. Also im Kibbuz... Wir sind nach Kiryat Anavim gegangen, in einen Kibbuz und das ist bei Jerusalem und da hat von Motza, das ist von der Patrolim eine Heilstätte, eine Rehaklinik. Das ist auf halbem Wege zwischen... Ja, das ist auf dem Weg nach Jerusalem... Das ist auf so halber Höhe. Das waren russische Alija, vom erste und zweite russische Alija... Die waren da schon von Anfang des 20. Jahrhunderts da eingetroffen, nach den Pogromen in Russland, die konnten kein Wort Deutsch. Sie konnten Russisch, aber wir nicht, aber die konnten Ivrit, und wir haben da gelernt.

    Irene Diekmann: Im Camp?

    Hertha B.: Wir haben da untersucht... nein, im Camp auch, aber wir haben dann im Kibbuz da auch Ivrit gelernt. Wir haben die größten Fehler gemacht, aber wir haben gelernt. Und mit den 8 Kilo Gepäck... wenn ich Ihnen das erzähle, glauben Sie es nicht: Das waren 300, mit Kindern und zwei Jugendalija-Gruppen: 350 Leute, ziemlich groß, belieferten Jerusalem damals mit... Die hatten, ich weiß nicht, Hunderte von Kühen mit Milch, die Glowa diese – das ist die Milchwirtschaft in Israel – die hat da ganz Jerusalem von Kiryat Anavim mit Milch beliefert, fuhren morgens die Milchautos um fünf Uhr in der Früh schon los. Und Weinberge, noch und noch Weinberge, das ist ja die Gegend. Und... Also wir haben uns da... wir wussten ja gar nicht, wo wir hinkommen, also der hat gesagt: „Na, bei uns könnt Ihr nicht bleiben. Ihr müsstet in den Kibbuz gehen.“ Also sind wir in einen Kibbuz gegangen. Wenn man nicht Bescheid weiß, muss man das ja machen. Ich habe gesagt: „Ich bin... ich bin Ganenet Hebräisch für Kindergärtnerin גננת, ich bin Kindergärtnerin, ich muss im Kinderhaus arbeiten.“ „Du kannst nicht genug Hebräisch! Und wenn die Kinder mit Dir sprechen, kannst Du nicht antworten. Das geht nicht!“ Haben sie mich in den Weinberg geschickt. Schnitt

    00:27:59 Und dann bin ich nach Haus gekommen, nach acht Stunden, und mittags war ja Mittagspause, weil es so heiß war. Und am... ging das natürlich abends länger. War ich krumm und schief. Ich konnte mich nicht mehr rühren vor Rückenschmerzen. Also irgendwann, eines Tages, habe ich dann gesagt: „Ich kann nicht. Es tut mir leid. Es tut mir weh. Ich habe Schmerzen. Ich kann nicht.“ Also musste mich die Krankenschwester, das war eine Krankenschwester aus der Hadassa in Jerusalem, die war entzückend, die hat mich dann begutachtet und hat gesagt: „Nee, das... mit den Schmerzen kannst Du nicht arbeiten. Du kommst zu mir ins Säuglingshaus. Die Säuglinge brauchen noch nicht Ivrit.“ Die hat das Säuglingshaus, die hat die Babys gehabt... Und die hat mich dann zu sich genommen, und dann habe ich da Babys gefüttert. Das war mir schon lieber. [lachen] Und dann hatte ich in dem Rucksack zwei Sommerkleider: eins war hellblau, ursprünglich, und das andere wohl, ich weiß nicht mehr, rosa. Und dann habe ich die tagsüber getragen und nachher habe ich sie ausgewaschen und wieder angezogen. Und dann waren sie nur grau-weiß oder weiß-grau. Die Sonne hat die Farbe ausgebleicht, sauberer wurden sie ja nicht. Und dann hat die eines Tages gesagt: „Du kannst damit nicht mehr arbeiten, Du kannst das nicht mehr anziehen. Zieh’ was anderes an.“ Sage ich: „habe ich nicht.“ Dann ist sie mit mir gegangen in die... hatten dort Masan Alev, d.h. es werden alle Klamotten zusammengeschmissen und jeder kriegt von jedem. Also ich hatte nichts zum geben und da ist sie mit mir gegangen in diese Nähstube da und hat gesagt: „Du nimm mal Maß. Die muss zur Arbeit ein Kleid haben, die kann […].“

    00:00:00 „[…] so nicht mehr bei den Kindern arbeiten.“ Und wenn die gesagt hat, dann wurde das. Ich habe dann zwei Kleider gekriegt. Die wurden da genäht, aus irgendeinem Leinenstoff, und dann konnte ich die wechseln. Und eine Schürze dazu, eine weiße und... Dann hatte ich endlich was zum Arbeiten anzuziehen.

    00:00:19 Matthias Cohn: Inwieweit haben Sie sich mit dieser doch besonderen Lebensform des Kibbuz denn auseinandergesetzt?

    Hertha B.: Ich kannte ja da keinen Menschen. Da waren zwei Leute, die Deutsch konnten: die eine Familie Zinkuwa war aus Hamburg, mit den konnte man reden, und dann war noch eine, die... weiß ich nicht. Ja doch, noch eine aus der Tschechoslowakei. Der Mann war Bäcker, aber wie der hieß, weiß ich nicht mehr, so ein Kleiner. Gut, ich habe ja vorher schon gehört gehabt, von dieser Lebensform, ja, also dort bleiben wollte ich nicht und mein Mann auch nicht.

    00:00:57 Rolltext: Hertha B. und ihr Mann verließen diesen Kibbuz. Kurze Zeit lebten sie in Mazuba an der libanesischen Grenze und siedelten sich schließlich in Kiryat Bialik in der Nähe von Haifa an.

    00:01:14 Hertha B.: In Kiryat Bialik bei Haifa, d.h. in der Haifa Bay, war ein großes englisches Camp, und die haben immer Arbeitskräfte gesucht, also Handwerker praktisch, Maler, Tischler... ich weiß nicht was. Und wenn man in Israel was konnte, ob man das gelernt hatte oder nicht, dann war man das eben. Und da sind wir dort nach Kiryat Bialik gegangen und haben uns da ein möbliertes Zimmer gemietet. Da hatte wir 80 Piaster Währung damals und das hat, glaube ich, 50 Piaster im Monat gekostet, und für die 30 musste man halt irgendwie verdienen. Und mein Mann hat sich da gemeldet und dann ist er auch angenommen worden – die haben immer Arbeitskräfte gebraucht und hat da gearbeitet. Ich weiß nicht, ich glaube, er hat damals 18 Piaster pro Tag bekommen, als Arbeiter, und ich habe dann als Helferin in der... Kiryat Bialik ist ja eine Rassco-Siedlung gewesen, also eine deutschsprachige praktisch. Da brauchte man gar kein Ivrit, man konnte mit Deutsch alles, und da sind wir dann dort klebengeblieben. Und haben uns da also langsam... versucht uns hochzuarbeiten, „hoch“ ist übertrieben, aber irgendwie klappte es doch. Man konnte leben. Man musste arbeiten, aber man konnte leben. Man ist auch zurechtgekommen, irgendwie, und man hat auch Menschen gefunden, mit denen man sich verstanden hat, mit denen man zusammengekommen ist. Und wir waren praktisch ja... das ist ja ganz nah bei Haifa, mit dem Bus sind es 20 Minuten. Waren wir dann dort 17 Jahre.Schnitt

    00:03:05 Im übrigen, unsere Papiere haben wir nie bekommen, weil die in Amsterdam, die das bekommen haben, sind auch deportiert worden. Und zwar sind die nach Frankreich geflüchtet und sind in Frankreich umgebracht worden. Aber die haben noch vor Paris das nach Haifa geschickt. Nein, nach Tel Aviv. Und eines Tages hat der Onkel von meinem Mann uns angerufen in Kiryat Anavim – ein Telefon gab’s ja im Büro – und hat gesagt, dass die Papiere gekommen sind. Aber er konnte sie nicht behalten. Man hat sie ihm auch nicht ausgehändigt. Das war ja während des Krieges. Das hat die... das britische Militär hat das beschlagnahmt, und wir sollten uns erkundigen. Das wäre in der... am Headquarter in Jerusalem, im King David Hotel war das Headquarter von den Briten und das wäre.... Dort wäre es und wir sollten uns erkunden, vielleicht kriegen wir es heraus. Da war der Gesellenbrief von meinem Mann und meine Zeugnisse, unsere Geburtsurkunden... was war denn da noch? Heiratsurkunde und alles mit Hakenkreuzen natürlich, und das hat die natürlich geärgert. Aber das können wir ja nichts... Da sind wir einmal hingefahren, ins Headquarter, ins King David Hotel, und haben uns da schlau machen wollen und wollten uns erkundigen, und da hat man uns gesagt, das käme aus feindlichem Ausland, sie können uns das nicht aushändigen. Wenn der Krieg zu Ende ist, könnten wir das bekommen. Nachdem das King David Hotel aber vor Kriegsende noch in die Luft gesprengt wurde, d.h. dieses ganze Headquarter ist doch in die Luft gegangen, sind die Papiere auch mit hochgegangen. Also wir haben die nie bekommen. Das sehen Sie, das hatte ich vergessen. Das gehört noch dazu.

    00:05:01 Irene Diekmann: Wie lange waren Sie ietzt in Israel, dann?

    00:05:06 Hertha B. Wir waren bis... fünf, sechs, sieben... warten Sie mal, bis 25. oder 26. November 1957. Mein Mann hatte dann in... der hat dann in Haifa gearbeitet, bei der Warsole Bone. Das ist eine Regierungsfirma gewesen, im Hafen, die haben da Bauten gemacht, auch in dem... auch in Mizchav Haifa... Haben sie von der Firma Bauarbeiter, Bautischlerei... Ja, und er hat dann Amöben gekriegt und hat mal irgendwie Evianis und wurde immer weniger und der Arzt hat dann gesagt: „Hör’ zu, das hat keinen Sinn. Die kriegen es hier nicht los. Sie müssen nach Europa.“ Ich wollte gar nicht, aber ich habe gesehen, das geht nicht so. Mein Sohn war damals acht Jahre und ich hatte eigentlich nicht vor, schon zu Besuch zu fahren und so. Meine Cousine lebt hier in Zehlendorf, aber die ist inzwischen schon 95 und fragt mich dreißig Mal dasselbe... Aber damals war sie ja jünger und... da habe ich also, da habe ich gesagt: „Gut, ich fahre zu Besuch, aber nur drei Monate fahren wir rüber.“ Ich habe inzwischen die Entschädigung eingereicht, für Schulunterbrechung und Berufsunterbrechung. Und habe dann auch einmal 5.000 Mark... habe ich 1.800 Schekel gekriegt. Das ist weniger als die Hälfte aber mindestens hat es gereicht um, zweieinhalb Fahrkarten, Flugkarten zu kaufen. Und dann sind wir dann einmal, eben um diese Zeit, nach Berlin gefahren. Nach Breslau konnte man ja nicht fahren. Und dann habe ich das Theater gehabt, hier mit der Ausländerpolizei: „Ja, Sie können hier bleiben mit Ihrem Sohn. Ihr Mann muss nach Breslau.“ „Das ist polnisch. Da kann er nicht hin. Das war... wie er da gelebt hat, war das deutsch, jetzt ist das polnisch. Da kann er nicht hin.“ „Ja, dann tut uns das leid.“ Sag ich: „Mir auch.“ Und dann hatte uns aber irgendein anderer, ich glaub’, das war von meiner Cousine der Mann, der ist inzwischen leider verstorben, gesagt: „Du brauchst Dir hier nichts mehr gefallen zu lassen. Wenn der so zickig ist, dann sei genauso, hau’ auf den Tisch.“ Es gibt Beweise, dass... ja wir hatten ja keine Papiere. Ich bin aufs Rathaus nach Wedding gegangen und habe mir meinen Geburtsschein geholt. Habe sofort die Zweitausfertigung gekriegt. Mein Mann konnte das nicht, der hat nach Breslau geschrieben. Er konnte auch nicht Polnisch, aber irgendein Bekannter hat das geschrieben. Und dann hat er einen polnischen Geburtsschein gekriegt. Mit dem konnte er auch nichts anfangen. Und dann haben wir erfahren, dass in der Papestraße gibt es ein Lager von Unterlagen, vom Ersten und Zweiten Weltkrieg. Von Krankenbuchlager und von Soldaten, die gefallen sind und die eingezogen wurden und die sich gemeldet haben, freiwillig. Wir sollen doch mal da hingehen. Und da ist mein Mann hingefahren, und da hatte er gesagt, er braucht das, um zu beweisen, dass er deutscher Staatsbürger ist. Und da hat der gesagt: „Das ist gar kein Problem. Ich guck’ nach, und wenn sie warten wollen.“ Der war sehr nett und freundlich, und da ist er irgendwie in den Keller runtergegangen und hat nachgeguckt. „Ja sie haben zwei Nummern von seinem Vater: Freiwilliger im Ersten Weltkrieg, aus Breslau.“ Da war der Vater von ihm 19 Jahre alt. Er hätte gar nicht gehen müssen. Oder 18, ich weiß nicht, gleich 1914... sagte er: „Na ja, das konnten ja nur Deutsche. Die konnten sich freiwillig melden. Das ist ja damit bewiesen.“ Hat ihm davon Ablichtungen gemacht und das gleich unterschrieben und dann haben sie nichts mehr gesagt. Schnitt

    00:09:17 Rolltext: In Berlin legte Hertha B. ihr Staatsexamen als Kindergärtnerin ab. Die letzte Nachricht von den Eltern erhielt sie im Oktober 1940. In einem Brief teilten sie ihr mit, daß sie „verreisen“ müßten. Nach dem Krieg erfuhr Hertha B., daß die Eltern 1942 nach Theresienstadt deportiert worden waren. Dort verliert sich jede weitere Spur. Bis zu ihrer Pensionierung arbeitete Hertha B. im Kindergarten der jüdischen Gemeinde in Berlin. Ihr Sohn wurde Kinderarzt.

    00:09:48 Irene Diekmann: Hatten Sie in all den Jahren irgendwie... so etwas wie eine... ja Sehnsucht nach Israel zurück? Weil es ja doch ein Stück Heimat geworden war, oder ist das nicht im Bewusstsein drin gewesen?

    00:10:00 Hertha B. Doch es ist schon. Ich will Ihnen sagen, es gibt einen schönen Spruch: Wie wir jung waren, hatten wir keine Jugend. Die Generation, von der ich jetzt spreche. Wie wir nachher älter waren, haben wir sehr, sehr schwer gearbeitet und für nichts und wieder nichts, denn wir haben nichts davon gehabt. Wir haben... gut, wir haben aufgebaut. Ja, mein Mann hat sehr gehangen, mehr als ich. Weil er hat gekämpft für Israel. Aber ich habe mit aufgebaut, sagen wir mal so, Tag und Nacht, und jetzt sind wir alt praktisch und haben nur – wie sagt man so schön auf Ivrit Zores, Sorgen: Krankheiten, Schmerzen und haben auch nichts. Es ist doch so.

    Empfohlene Zitation

    Interview mit Hertha B. vom 22.05.1996, veröffentlicht in: Archiv der Erinnerung, <https://ade.juedische-geschichte-online.net/quelle/ade:source-1> [28.07.2026].