Interview | Video

Interview mit Kurt Gutmann vom 10.09.1996

Quellenbeschreibung

Bei dem hier gezeigten Interview handelt es sich um den Auszug aus der Videoaufzeichnung mit Kurt Gutmann, geboren 1927 in Krefeld, Deutschland. Das Interview wurde von Eva Lezzi und Maximilian Preisler geführt.

Kurt Gutmann erzählt von der deutschen Identität seiner Familie und davon, dass diese seit dem Mittelalter dort gelebt hat; von den wenigen Erinnerungen an seinen verstorbenen Vater; vom Besuch einer jüdischen Schule; vom Umzug nach Mülheim im Jahr 1934; davon, dass sein nächstälterer Bruder nach Schottland geschickt wurde; von antisemitischen Schikanen in der Schule; davon, dass sein ältester Bruder der Verhaftung in der Reichspogromnacht entging; vom Schulverweis; vom Einkaufen, da er arisch aussah; von der Unterbringung in einem Kindertransport im Frühjahr 1939; den schmerzhaften Abschied von seiner Mutter und seinem Bruder; die Reise nach London; den Umzug zu seinem Bruder in ein jüdisches Waisenhaus in Schottland; die schwierigen Beziehungen zu seinem Bruder; den Kontakt zu seiner Mutter über das Rote Kreuz bis 1940; die Unterbringung bei einer christlichen Familie in Annan nach Kriegsbeginn; die liebevolle Beziehung zu seiner Pflegefamilie, mit der er noch immer in Kontakt steht; die Unterbringung in einem jüdischen Heim in Glasgow im Juli 1940; die Arbeit in der Kriegsindustrie, sobald er alt genug war; Beitritt zur FDJ (deutsche antifaschistische Jugendgruppe); Eintritt in die britische Armee 1944; Dienst in Triest; Versetzung nach Deutschland im Herbst 1945; Übersetzertätigkeit in Kriegsgefangenenlagern; Rückkehr nach Mülheim 1947; Nachricht, dass sein Bruder sich freiwillig bereit erklärt hatte, seine Mutter zu begleiten, als diese deportiert wurde; Antisemitismus seitens der Deutschen; Auffinden einiger Verwandter seiner großen Familie; Beitritt zu linken deutschen Gruppen; Niederlassung in Deutschland.

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1996

    Rolltext: Kurt G. wurde am 18. Februar 1927 in Krefeld als jüngster von drei Brüdern geboren. Sein Vater starb, als Kurt G. eineinhalb Jahre alt war. Die Mutter lebte mit ihren drei Söhnen von einer geringen Witwenrente. Die Familie zog 1934 zur Großmutter nach Mülheim an der Ruhr.

    [00:00:39] Ich bin 1933 in eine jüdische Schule gekommen. Also... als ich aber dann nach Mülheim kam, kam ich in eine evangelische Volksschule. Es gab in Mülheim Volksschulen sowohl katholische als auch evangelische, ich kam in eine evangelische. Meine Mutter bevorzugte die evangelische, ich weiß nicht warum, und kam in diese evangelische Volksschule... [00:01:04] Aber ich muss sagen, war nicht der glücklichste Schritt. Der Rektor war ein höherer SA-Führer und ein ganz gemeiner Antisemit, und ich wurde sehr stark von ihm schikaniert. Ich weiß nicht, ob noch andere jüdische Kinder an der Schule waren. Ich glaube nicht. Aber ich kann mich erinnern, dass ein... mein Geschichts- und Sportlehrer, ein Kriegsfreiwilliger aus dem Ersten Weltkrieg, der dann ohne großes Examen in die Schule übernommen wurde, der an und für sich eine nicht gerade sehr große Bildung... war aber umso mehr ein Antisemit und Nationalist... war... und Nazi, [00:02:08] von denen wurde ich schikaniert auf folgende Weise, wenn ich bei diesem Lehrer Unterricht hatte, sowohl Sport als auch Geschichte, was ja fast jeden Tag war, schickte er mich mit einem Auftrag zum Rektor. Und es war verlangt, dass man „Heil Hitler“ sagte... ich meine, wenn ich „Heil Hitler“ gesagt hätte, hätte er mir genauso viel mit dem Stock gegeben, weil er gesagt hätte: „Wie kann ein Judenschwein ‚Heil Hitler‘ sagen.“... aber ich sagte natürlich nicht „Heil Hitler“. Weil ich nicht „Heil Hitler“ sagte, kriegte ich zehn mit dem Rohrstock und wurde dann zurückgeschickt... und dann, ohne den Auftrag erfüllt zu haben, aber... „Was ist die Antwort auf den Auftrag?“... „Keine Antwort!“... „Warum nicht?“... „Ich habe nicht ‚Heil Hitler‘ gesagt.“ Dann gab es nochmal zehn mit dem Rohrstock. Das macht sich zum Spaß, also.... [00:03:09] Ich war aber danach ja doch ein bisschen abgebrüht und habe das dann weggesteckt. Aber es war natürlich nicht sehr angenehm. Viel schlimmer war in der Schule, dort im Laufe der Jahre, dann der steigende Antisemitismus seitens der Mitschüler. Ich kann wirklich nicht von „Schulkameraden“ sprechen, sondern Mitschülern muss ich, muss man sagen. Die mich ständig verprügelten, so dass ich dann – da ich doch ziemlich stark war – die aufforderte, einzeln zu kommen, dass sie zu feige wären, einzeln zu kommen. Und dann hatte ich ziemlich Ruhe, weil ich sie dann verprügelte. Ich war Linkshänder und schaffte es immer – da waren sie nicht drauf vorbereitet – sie in den Schwitzkasten zu kriegen, mit links, [00:04:12] das war ja ungewohnt, und da habe ich sie verprügelt, und dann haben sie das nicht mehr gemacht, aber dann aufgelauert hintenrum... Irgendwo hinter einer Ecke lauerten sie dann auf und verprügelten mich, mit dem Tornister über dem Kopf, von hinten, und mir geht es heute noch so, dass wenn jemand mir auf die Schulter klopft, und ich bin nicht darauf vorbereitet, dass ich so einen Schreck bekomme, dass ich eine halbe Stunde zittere, also das ist, das ist nun mal aus der Kindheit zurückgeblieben. Aber so war es nun mal, also... und da haben praktisch fast alle... ich weiß, da war der Sohn eines Bergarbeiters, der... früher, von dem gesagt wurde, dass er früher mal Kommunist gewesen war, der Vater, der hat da nicht mitgemacht. [00:05:14] Aber ansonsten haben sie alle da auch mitgemacht und sind... mit so verhetzt worden, dass sie da mitgemacht haben.

    [05:28] (19)38 musste ich aus dieser Schule heraus, nach der „Kristallnacht“, und kam in eine einklassige jüdische Volksschule, die vom Kantor – der gleichzeitig auch Lehrerausbildung hatte – der jüdischen Gemeinde geführt wurde. Ein Herr Emanuel, Hans Emanuel.... Und da waren alle – von der ersten bis zur achten Klasse – in einem Raum, und ich war der Einzige in der siebten Klasse. Ich war damals in der siebten Klasse, ich war der Einzige. Ich hab’ auch noch das Zeugnis irgendwo zu Hause, glaube ich, von dieser jüdischen Schule. [00:06:19] Ich hatte recht gute Noten trotzdem noch... er gab sich große Mühe, ja er musste eben fast alles alleine lernen... lernen, nicht...

    [06:28] Meine Mutter hat sich nicht auf die Straße getraut und meine Großmutter... Ich bin dann noch für sie und noch für andere jüdische Familien, da ich blond... nicht zwar sehr hellblond oder dunkelblond war und blauäugig und nicht jüdisch aussah, bin ich dann einkaufen gegangen, nicht also... Geh’ heute noch für die [lacht] Familie einkaufen... aber, das habe ich dann gelernt, gut einzukaufen.... [lacht] – Interviewer: Sie hatten da keine Angst? – Ich hatte keine Angst, allerdings... ich hatte Angst, manchmal bei diesen furchtbaren Umzügen, die die Nazis hatten, mit... [00:07:21] wo sie dann mit Wagen durch die Stadt zogen mit... Stürmerfiguren, wo Juden aufgehängt waren und gezeigt wurden als, weiß ich als... wo dann stand „Judas verrecke“ und furchtbare Figuren mit furchtbaren Nasen und, also... und dann wurde dann gesungen: „...und wenn das Judenblut vom Messer spritzt, dann geht’s nochmal so gut“, alles solch ein Mist, also da, in solche Umzüge, von denen ich doch etliche erlebt habe, da hatte ich ja dann doch ein bisschen Angst, da hab ich denn... Interviewer: Was haben Sie dann gemacht? Na ja, ich habe dann von oben dann vielleicht zugeguckt, aber bin dann auf keinesfalls auf die Straße gegangen, nicht... [00:08:22] denn ich hatte ja Erfahrung – das mit dem Schlagen und so weiter – von meinen Mitschülern, ja wie das ging, und dass das auch mal bös’ ausgehen könnte, das war mir auch klar...

    [08:40] Interviewer: Wie war das mit den Nachbarn? Hatten Sie da noch Verbindung in der „Kristallnacht“? Ich hatte nur... also nur noch Verbindung zu einem Nachbarn, einem Jungen, mit dem ich hin und wieder mal im Dunkeln gespielt habe, „Mensch ärgere dich nicht“ und so weiter... wo der Vater Wert darauf legte, dass... er war von den..., Bankangestellter, er war in der... vorher in der Verwaltung, war in einer katholischen Partei, damals... hatte also eine sehr... den Nazis nicht wohlgesonnen und den Judenpogromen schon gar nicht, [00:09:30] ein Herr Reusch, und dessen, Sohn Bernhard, der hat mal hin und wieder mit mir gespielt. Das war das einzige Kind. Ich weiß auch noch, wie ich mal mit meiner Mutter durch die Straßen ging: Es sprach, das werde ich... irgendwie vergesse ich das nie, sprach uns eine Frau an und hat mit meiner Mutter gesprochen und sagte... sie unterhielten sich die Judenverfolgung, sagte sie: „Ja, ist ja schlimm, was Sie mit Ihnen machen, Sie sind ja eine anständige Jüdin, aber das mit den anderen, das ist schon richtig, nicht?“ Man unterschied... mit denen, die man kannte, das waren die guten und die anderen, das musste ja... musste ja stimmen, was in den Zeitungen stand, was die Medien so verbreiteten, das musste ja stimmen, und das Schlimmste war ja diese Schleicherzeitung, „Stürmer“, „Stürmer“, also ich weiß nicht, ob Sie die jemals [00:10:34] gesehen haben, also das war ja, schlimmer ging es ja nicht, aber es warern andere Zeitungen... waren nicht viel besser. Das gleiche stand ja nur wieder drin, auch dieselben Figuren waren auch in den anderen Zeitungen zu sehen. Interviewer: Hat man Sie auch beschimpft? – Natürlich, „Judensau“, „Judenschwein“. So von den Schülern und... na ja, wir durften... ich durfte auf keiner Bank, Parkbank mehr sitzen, ich... wir durften nicht ins Theater, durften nicht ins Kino, durften in kein Café. Ich... also überall stand „Für Juden verboten“ oder „Juden unerwünscht“... Ja, also es war noch der höfliche Ausdruck für das gleiche. Und man wurde auch von niemandem angesprochen oder sonst wie [00:11:39] auf der Straße.

    [11:39] Natürlich, man war in der Familie sehr eng zusammen. Ich sagte ja schon, meine... mein Bruder war ja nun nur abends spät... der arbeitete in Oberhausen... [hustet] nachher, als er am Bau war, war er im ganzen Ruhrgebiet, da gab es ja einen Zwölfstundentag, nachher... es wurde ja für den Krieg gebaut, überall und... Da war das so... Und dann, und dann, meine Mutter brachte mir alle ihre Sorgen, alle ihre Probleme, all... wenn sie Gold abliefern musste und Gold und Silber... hat sie ihren Ehering... musste sie dann noch abgeben, und durfte sie nur ihren eigenen Ring behalten. Da hat sie aus dem... Einrillungen machen [00:12:39] können, damit sie sich zeigen konnte als Witwe, das war nun mal früher so, dass man, dass unbedingt zeigen wollte, sie durfte nur ihren eigenen Ring, den von meinem Vater, den sie ja auch trug, weil sie ja Witwe war, den musste sie abliefern, also alles, wir hatten ja nicht viel... Meine Großmutter hatte noch Silber, Besteck, das musste abgeliefert werden. Die haben sich auch nicht getraut, irgendwas abzugeben und alle Ringe und alles, was sie hatten, das wurde dann abgeliefert.

    [13:10] Meine Mutter hat sich mehrmals auch mit Selbstmordgedanken befasst. Und nur weil wir da waren, hat sie es nicht ausgeführt, hat sie auch direkt geäußert, ja... Interviewer: Hat sie es ihnen gesagt? Ja, ja, also ein Versuch war sogar einmal, aber dann hat sie sich dann doch... meine... hat wohl meine Großmutter [00:13:45] sie dann gefunden und es ist dann glücklicherweise schief gegangen. Aber sie hat dann immer noch gedacht, dass die Großmutter sich dann um uns kümmern würde, aber sie war verzweifelt... sie ist ja auch zusehends dann gealtert und... Interviewer: Wie war das für Sie? – Na ja, war natürlich auch sehr bedrückend. Ich hab’ natürliche auch die ganzen Jahre, jeden Tag, immer gehofft, es... an meine Mutter gedacht und gehofft, dass sie doch eine von denen sein würde, die überlebt haben... und mein Bruder.

    Rolltext: Im Juni 1939 konnte Kurt G. als Zwölfjähriger mit einem Kindertransport nach Großbritannien entkommen. Sein Bruder Fritz lebte dort bereits seit mehreren Jahren in einem jüdisch-orthodoxen Waisenhaus in Glasgow. Der älteste Bruder Hans-Joseph war bereits siebzehn und damit zu alt für die Kindertransporte. Er mußte in Deutschland bleiben.

    [14:??] Meine Mutter war sehr, sehr traurig, und ich natürlich [00:14:59] auch, aber es war wirklich das erste Mal, dass ich überhaupt von meiner Mutter wegkam und gesagt habe, aber du wirst es gut haben bei deinem Bruder, hast ja... bist ja wenigstens mit deinem Bruder zusammen, du bist nicht allein. Das war ihr Trost. Und, na ja, war schon sehr, sehr schwierig. Ich glaube für beide... für mich sehr... ach ja, meine Mutter, mein alles... und wir hatten ja die Jahre von (19)33 und bis (19)39... waren ja Jahre, wo wir so eng zusammen waren, und sie all ihre Probleme und ihre Sorgen mir erzählt hat. Und ich war eben wirklich schon erwachsen in der Beziehung, in meinem Denken und Handeln, obwohl ich so verwöhnt war, aber im Denken... Ich war [00:16:03] mit den allen Gedanken, Sorgen und Kummer meiner Mutter vertraut. Wem sollte sie auch erzählen? Sie hat sich natürlich, wenn sie konnte, mal mit meinem ältesten Bruder unterhalten, sicherlich auch noch... anders, aber... doch, das war schon sehr, sehr schwer für uns beide, also für mich.... Ich werde auch nie vergessen, wir... kamen dann in Kindertransport. Der wurde zusammengestellt. Der ging dann über Holland. Wir fuhren sogar noch durch Krefeld, ich weiß gar nicht, wo wir über die Grenze fuhren, nach Holland. Wir fuhren nach Hoek van Holland, von Hoek van Holland nach Harwich, dann mit dem Schiff. Und als wir über die Grenze fuhren, wir fühlten uns ja alle... alle Kinder, die wir da waren, [00:17:06] als Deutsche, als deutsche Kinder, wir sangen dann, als wir über die Grenze fuhren, das werde ich nie vergessen [weinend]: „Nun ade, du mein lieb Heimatland.“ Die Nazis, Zöllner und SS-Leute an der Grenze, die uns dann noch begleiteten... haben uns dann noch komisch angeguckt. Verbieten konnten sie uns nicht, wir waren ja schon über der Bank, über der Grenze, aber... das hätten sie uns wahrscheinlich auch noch, denn wir wurden ja „ausgebürgert“. Meine Mutter musste ja unterschreiben, dass ich nie wieder nach Deutschland zurückkehren würde. Aber bei mir gab es nie einen anderen Gedanken, als dass ich zurückkommen würde... weil ich einfach das deutsche Volk den Nazis nicht gleichgesetzt habe.... niemals. Das werde ich auch nie machen, weil ich weiß, das stimmt nicht. [00:18:17] Davon bin ich überzeugt. Und... dass... sonst wäre ich sicherlich auch nicht nach Deut... ganz bestimmt nicht nach Deutschland zurückgekommen. Aber das war auch mein persönlicher Sieg über die Nazis, mit... Mein zweiter Sieg waren meine Kinder. Denn es sollten ja nie wieder deutsche in... Juden in Deutschland leben... aber.. na ja, das... sind wir nach London gekommen, in diesem Kindertransport. Wir müssen so 200 gewesen sein. Und wurden dann aufgeteilt in die Familien und Heime. Und ich eben nach Schottland, nach Glasgow, in das Waisenhaus dort. Es waren noch mehrere... wir kamen nicht direkt, als wir ankamen, nicht direkt [00:19:19] im Waisenhaus an, kam ich nicht direkt im Waisenhaus an, sondern ich kam in das Glasgower Elendsviertel, wo es auch sehr viel arme Juden gab, nach... in die Gorbals. Na ja, das ist inzwischen niedergerissen, ein furchtbares Slumviertel. Und ich war entsetzt über das erste Bild: Was ich sah, waren Kinder, die auf der Straße spielten mit der englischen Krankheit, also mit diesen O- und X-Beinen aufgrund der schlechten und einseitigen Ernährung. Und... dass sie also... wenig Vitamine und.... und es war erst während des Krieges, dass man dem richtig begegnete, indem man [00:20:20] Orangensaft mit Lebertran an die... für die kleinen Kinder ausgab. Es war ein furchtbares Bild... ich werde... ich vergess’ das nie... Also wegen den Straßen, also wenn ich diese Armut sah, und die Folgen davon. Und ich war ja von meiner Mutter im sozialen Sinne erzogen worden... – Interviewer: Haben Sie mit der Mutter zusammen Ihre Sachen gepackt? – Bitte? – Haben Sie mit der Mutter zusammen die Sachen gepackt, bevor Sie wegfuhren? – Ja, also sehr, sehr traurig bin ich über eine Sache: Meine Mutter hatte noch ein kleines Fotoalbum zusammengestellt, mit allen meinen Angehörigen. Und das Waisenhaus hatte irgendwie eine Politik, [00:21:20] dass man nicht an die Vergangenheit denken sollte. Und hat das fort... weggenommen. Ich habe das nie wieder gesehen. Diese... Sie werden sehen, das sind Kopien, einzelne Bilder, die mein Bruder hatte, zufällig, die ich dann kopiert habe. Das sind alles Kopien, die ich später kopiert... die entweder um meinen Bruder gebeten habe, mir die zu kopieren oder die ich kopiert habe. Alle diese Bilder, die ich habe von meiner Mutter... – Interviewer: Können Sie uns das Bild... – Von meinem Großvater? – ...bitte mal zeigen? – Das [weinend] ist das letzte Bild, was ich von ihr habe. Und das ist mein ältester... das letzte Bild von meinem ältesten Bruder Hans...

    [22:20] (19)39, als ich hinkam, war ich im Vorbereitungsalter [00:22:24] zur Bar Mitzwah. Also ich wurde ja... wäre dann ja bald vierzehn geworden, war ja zwölfeinhalb, also dreizehn geworden. Mit dreizehn, nicht mit... und ich wurde dann auf die Bar Mitzwah vorbereitet. Ich musste jeden Tag vorbereiten... helfen... lernen, Teffilin legen, was wir aus Deutschland überhaupt nicht konnten, was also nur bei den Orthodoxen gemacht wird, also Teffilin legen. Und darauf wurde ich vorbereitet und das Torah lesen... ich konnte ja... und das Tora lesen musste ich ja auswendig lernen, weil ja die Torah ohne Umlaute ist. Ja, ich konnte zwar Hebräisch lesen, ohne es zu verstehen, aber natürlich nicht in der Torah, weil die Tora ist ja ohne Umlaute. Und da musste ich den [00:23:24] Abschnitt, den ich sogar mit verlesen musste, aus der Tora auswendig lernen. Das geschah also stundenlang, jeden Tag. Außerdem hatten wir morgens Gebet... sowieso schon beten, und dann hatten wir noch Religionsunterricht und so weiter und so fort. Die einzige freie Stunde in der Woche war, dass wir eine Stunde am Schabbesnachmittag in den nahegelegenen Queenspark gingen. Das war im Stadtbezirk Queenspark, wo das Waisenhaus war, gingen dann in den Queenspark. Da spazieren... sonst kamen wir überhaupt nicht, wenn wir spielten, konnten... wir, also ich kam sowieso nicht zum Spielen... wurde dann im Waisenhaus, im kleinen Waisenhausgarten gespielt.

    [24:13] Mit Beginn des Krieges wurden wir alle evakuiert mit unseren Schulen, wir nach Annan, in Ayrshire, an der schottisch-englischen Grenze. Ich kam in ein Fischerdorf zu den Fischern. – [00:24:31] Interviewer: In eine Familie? – In eine Familie und die sich rührend um mich gekümmert haben. Mit denen ich... Angehörigen... heute noch in Verbindung stehe, und wobei es sich um eine nicht jüdische Familie handelt, die mich aber adoptieren wollten. Aber da das jüdische Waisenhauskomitee.. hat nicht die Genehmigung gegeben, dass ich in eine nicht jüdische Familie adoptiert werden sollte. Obwohl sie selbst recht ärmlich waren und selbst zwei Kinder hatten damals... ein drittes kam da noch. Auch die Verwandten und die Umgebung, die waren sehr, sehr freundlich zu mir. Ich werde auch heute noch in dem Dorf freundlich aufgenommen. Die sind ganz stolz auf mich, dass ich dann später auch Soldat – freiwillig britischer Soldat im schottischen Regiment – war. Sie dann auch als Soldat besucht habe und das fanden sie... das hat sie sehr imponiert. [00:25:41] Mich hat natürlich sehr imponiert, wie wohl sie ärmlich waren, wie sie liebevoll sich um mich gekümmert haben. – Interviewer: Es waren Christen, haben Sie gesagt? – Ja. – Sind Sie dann mit, jeweils in die die Kirche auch? Oder? – Nein, sie haben akzeptiert, dass ich zum jüdischen... wir hatten dann noch jüdischen Gottesdienst für die Kinder aus dem Waisenhaus. Es waren auch noch mehr jüdische Kinder dort evakuiert. An der Schule, die ja zusammen evakuiert wurde in den Ort, waren ja noch mehr. Es war ja ein Bezirk, wo auch noch mehr Juden wohnten. Und das haben sie akzeptiert. Sie waren sehr, sehr tolerant, und sie haben – ich meine, ich war ja Deutscher, nicht, das war Krieg – aber sie haben mich niemals als Deutschen, als Feind betrachtet.

    [00:26:59] Anfang 19(48)/Ende (19)47 wohl, wurde ich nach Mühlheim – auf meinen Wunsch – nach Müllheim/Ruhr versetzt, um nochmal genauer zu erfahren, was mit meiner Familie geschehen war. Das wurde mir genehmigt. Ich wurde dann von Triest nach Müllheim/Ruhr versetzt, und dort hatte ich ein ganz blödes Erlebnis. Ich war auf Wache dort, und auf einmal kam da so eine Truppe junger Leute ran, von einem Tanz, und grölten: „Wir werden weiter marschieren, bis alles in Scherben fällt, denn heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt.“ Und das habe ich ihnen natürlich gesagt, sie möchten stehen bleiben, in Deutsch. Dann sind sie stehen geblieben. Da habe ich über den Kopf geschossen. Dann sind sie stehen geblieben, und dann kamen sie vor ein Militärgericht. Allerdings nicht wegen ihrer Äußerungen, sondern weil sie nicht gleich stehen geblieben waren, [00:28:02] als ein Mitglied seiner britischen Majestät... sie dazu aufforderte. Und das war ja immerhin schon ein kalter Krieg, ja, leider... also nicht wegen ihrer... obwohl ich darauf bestand... das als viel schlimmeren Grund anzusehen.... Das war ja auch der Grund, warum ich sie zum Stehen aufgefordert hatte. Zu dieser Zeit hatte ich auch ein anderes Erlebnis. Ich traf mich mit... ich sagte schon, ich hatte den einzigen Freund, der mit mir gespielt hatte, der Bernhard Reusch, mit dem bin ich durch die Straßen gegangen in Mülheim. Wir trafen einen Bekannten von ihm und er zählte, wer ich sei und so weiter und so fort. Und der sagte dann: „Ja, es ist schlimm, was man mit den Juden gemacht hat. Entweder hätte man sie alle umbringen können oder keinen. Heute sind die, die noch leben, da... sind nur da, um sich zu rächen.“ Nun ja, also ich war erschüttert über solch eine... Es war ja immerhin das Jahr (19)48. [00:29:08] Über solche... über... wie man zu solch einer Meinung kommen könnte... Aber ich muss sagen, man hört es auch heute noch.

    Rolltext: Kurt G. erfuhr, daß alle in Deutschland verbliebenen Mitglieder seiner Familie ums Leben gekommen waren. Seine Mutter und sein Bruder Hans-Joseph waren im September 1942 nach Izbica, einem Durchgangslager im Bezirk Lublin, deportiert worden.

    [29:42] Von meiner Mutter und meinem Bruder gibt es keine Spur. Ich sagte schon, weil ich gehört habe... ist aus diesem Lager... nie ein Überlebender, hat es nie einen Überlebenden gegeben. Die sind all dann ins... es war nur ein Zwischenlager, zu diesem Vernichtungslager, das wahrscheinlich nur immer wieder aufgefüllt wurde, weil zu viele Transporte gerade da waren. Und sie nicht dahin gebracht werden konnten, [00:30:15] da hat man sie eben „zwischengelagert“, nicht. [heftig] Es war ja ein industrieller Mord, nicht, es waren ja keine Menschen oder sonst was. Es waren eben... Juden, das waren für sie keine Menschen. – Interviewer: Sie wussten von dem Schicksal Ihrer Mutter und Ihres Bruders? Als Sie als Mitglied der Rheinarmee dann in Mühlheim waren, Sie haben das erfahren? – Nun ja. – Und Sie waren als Soldat der siegreichen britischen Armee jetzt da. Was war das für ein Gefühl für Sie? – Also, ich habe kein Gefühl des Hasses gehabt oder so. Ich hab’ natürlich ein Gefühl des Hasses gegen die direkten Mörder gehabt, aber ich hatte mich zu einem Standpunkt durchgerungen, schon länger, [00:31:21] dass eben die Masse des deutschen Volkes verführt worden war. Und diejenigen, die nicht die Verbrechen begangen hatten, natürlich in gewissem Maße auch schuldig waren, weil sie sich hatten verführen lassen. Es waren ja... die Duldung von Unmenschlichem, ohne was dagegen zu tun, was also dem menschlichen Gefühl und dem menschlichen Wesen widersteht... widerstrebt. – Interviewer: Sie hatten erzählt, jemand von der jüdischen Gemeinde hat Ihnen das erzählt, das Schicksal Ihrer Mutter und Ihres Bruders, wie ging es Ihnen in dem... ? – Na ja, ich war natürlich sehr, sehr traurig. Aber ich hatte irgendwie ein sehr starkes Gefühl des Stolzes bei meinem Bruder... [00:32:26] war denn... Ich bin noch heute noch der Meinung, dass... mein Bruder wäre ja so oder so umgekommen, aber er wusste ja, wohin es ging. Es war damals in Deutschland bekannt. Aber er hatte die menschliche Stärke und den Mut, mit seiner Mutter zu gehen und seine Mutter nicht alleine diesen Weg gehen zu lassen. Und ich glaube, was Höheres kann kein Mensch tun. – Ich habe immer versucht, im ähnlichen Sinne zu handeln. Das sind immer meine Lebensmotive gewesen. Natürlich macht jeder Mensch Fehler und keiner ist fehlerlos. [00:33:29] Es wäre falsch, jemals so etwas zu behaupten. Und ich will auch nicht behaupten, dass mein Bruder fehlerlos war. Der hat sicherlich auch seine Fehler gehabt in seinen... in den wenigen Jahren, die er leben durfte. Aber er konnte nicht anders handeln, weil er von meiner Mutter so erzogen war. Und ich kann auch nicht anders handeln, weil ich von meiner Mutter so erzogen worden bin.

    Rolltext: Nach Beendigung der Armeezeit entschied sich Kurt G. aus politischen Gründen für ein Leben in der sowjetischen Besatzungszone, der späteren DDR. 1953 heiratete er. Mit seiner Frau Inge bekam er zwei Kinder. Er arbeitete als Dolmetscher und Übersetzer und lebt bis heute in Berlin.

    [34:35] Und ich versuche auch – auch meine Frau, sehr stark, und auch meine Kinder – die Enkel in gleichem Sinne zu erziehen. [00:34:41] Wir haben die Kinder, unsere Kinder so erzogen, und wir hoffen, dass unsere Kinder auch ihre Kinder so erziehen. Was wir tun können, tun wir. Und ich bin auch heute noch aktiv im Bund der Antifaschisten und versuche junge Menschen im Geiste des Antifaschismus, der Menschlichkeit, des Antirassismus zu erziehen, und trete dem auch entgegen. Und vielleicht noch ein Beispiel, warum ich auch meine Frau als Kamerad sehe und sie so sehr achte. Es gab nach der Wende einen Fall, da war sie in einer Straßenbahn, wo Afrikaner von Neonazis, jungen Neonazis, angegriffen worden sind. [00:35:47] Und sie ist dagegen aufgetreten, hat sie verjagt. Und man hat sie zwar nicht fassen können, aber ich glaube, das zeigt doch, dass das, was man tun muss, und dass das in meiner Familie glücklicherweise lebt, auch bei meiner Frau. Darauf bin ich sehr stolz. Ich danke Ihnen, dass sie mir die Gelegenheit gaben, über mein Leben zu erzählen, und ich hoffe und wünsche mir, dass... auch wenn ich einmal nicht mehr leben sollte – das wird ja nicht in allzu ferner Zukunft mal so sein... das ist nun mal der Weg des Lebens – , dass dann doch andere junge Menschen [00:36:49] vor allem daraus die Lehren für ihr Leben ziehen, dass man ein Leben nur im sozialen Miteinander der Menschen wirklich leben kann. Vielen Dank.

    Empfohlene Zitation

    Interview mit Kurt Gutmann vom 10.09.1996, veröffentlicht in: Archiv der Erinnerung, <https://ade.juedische-geschichte-online.net/quelle/ade:source-2> [20.09.2026].