Interview | Video

Interview mit Werner Krisch vom 14.6.1995

Quellenbeschreibung

Bei dem hier gezeigten Interview handelt es sich um den Auszug aus der Videoaufzeichnung mit Werner Krisch, geboren 1919 in Berlin, Deutschland. Eine Lebensgeschichte, basierend auf diesem Interview, findet sich in Peter Hochmuth, Gerhard Hoffmann (Hrsg.), Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen. Lebensbilder, Berlin 2007, S. 123-138, https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Publ-Texte/Texte35.pdf Das Interview wurde von Eva Bauer und Annette Leo geführt.

Werner Krisch erinnert sich an seine Schulzeit; den Schulverweis nach Verabschiedung der Nürnberger Gesetze; vergebliche Versuche, mit seinem Bruder legal und illegal auszuwandern; die Zerstörung jüdischer Geschäfte in der Reichspogromnacht, wodurch Arbeitsmöglichkeiten wegfielen; die Verrichtung körperlicher Arbeit; die Deportation seiner Eltern in das Ghetto Litzmannstadt (Łódź) im Oktober 1941; seinen Nachzug wenige Wochen später; das freiwillige Verlassen des Ghettos zusammen mit seinem Bruder; Verlegung nach Rawitsch; Zwangsarbeit; öffentliche Hinrichtungen; Tod seines Bruders durch Schläge; Verlegung nach Auschwitz/Birkenau im Jahr 1943; Auswahl für die Gaskammer; vierzehntägiges Verstecken in einem Loch; Anlegen des Mantels eines vergasten Häftlings und Beitritt zu dessen Gruppe; Entdeckung; Einweisung in den Strafblock; Verlegung nach Sachsenhausen; Krankenhausaufenthalt wegen Typhus; Verlegung nach Buchenwald; Befreiung durch US-Truppen; die Amerikaner zwingen Einheimische, das Lager zu besuchen; Rückkehr nach Berlin; Suche nach Hilfe beim Roten Kreuz, um überlebende Verwandte zu finden (es gab keine); Heirat; und die Geburt seines Sohnes. Herr Krisch spricht über Details des Lagerlebens, darunter die Hierarchie; seine Überzeugung, dass er nicht überleben würde, aber gleichzeitig seine Hoffnung nicht verlor; Gespräche im Lager, in denen festgestellt wurde, dass niemand ihre Erfahrungen glauben würde, wenn sie überlebten; das Verschweigen seiner Erfahrungen, insbesondere gegenüber seinem Sohn; einen kürzlichen Besuch in Auschwitz/Birkenau; wiederkehrende Alpträume; und sein anhaltendes Zugehörigkeitsgefühl zu Deutschland.

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1995

    [00:00:14] Geboren wurde ich in Berlin am 14.07.1919. Also 14. Juli, ja ein denkwürdiger Tag in der Geschichte der Welt. Sohn jüdischer Eltern in Berlin, habe ich glaube ich schon gesagt. Naja, dort habe ich dann meine Jugend verbracht in Berlin und war bis zu meiner Deportation 1941 Berliner Bürger. Was soll ich groß erzählen, ich habe die Schule besucht wie jeder andere junge Mensch, Volksschule, Königstädtische Oberrealschule hieß es, und habe dann später in meinem beruflichen Werdegang das Zeichnen erlernt, ich war Modezeichner, ich wollte Bühnenbildner werden, aber dann nicht geworden. [00:01:16] Ich habe in einer Konfektion gearbeitet als Modezeichner bis 1938. 1938 wanderte der Konfektionsinhaber aus, und dann wurde ich vom Arbeitsamt zwangsarbeitsverpflichtet bis zur Deportation.

    Rolltext: Nach mehreren vergeblichen Bemühungen um eine Emigration wurde das Textilgeschäft der Eltern 1938 enteignet. Werner K.s Versuch, gemeinsam mit dem Bruder nach Belgien zu flüchten, schlug fehl. 1941 wurde die gesamte Familie von Berlin in das Ghetto Lodz deportiert.

    [02:02] Und wie gesagt, da kam man nach Lodz, das war ein furchtbarer Anblick, wie wir da hinkamen, trübsinnig, trüber Tag auch, alles irgendwie kam mir vor... wie der Horrorfilm, diese ganze Atmosphäre dort. [00:02:21] Und mein Gedanke war natürlich, dort so schnell wie möglich irgendwie wieder rauszukommen. – Interviewerin: Willst du beschreiben, wie das dort war? – Ja, wir wurden, wie sagt man, dort von Leuten abgeholt, und die führten uns in irgendwelche Hinterhöfe und alten Häuser, die waren... und dann durften wir uns einrichten, auf der Erde schlafen. Das Gepäck selbst musste irgendwie in einem besonderen Raum untergestellt werden, von allen, die da waren, das war ja eine ganze Gruppe. Es war ziemlich irgendwie, ich will mal sagen, anarchisch alles, irgendwie ohne festen Ablauf. Man war eben da, man wurde getrieben, man war da und nun sieht man zu, was nun kommt. Zu essen gab es kaum was, [00:03:24] das, was man mithatte noch – haben wir noch ein paar Schnitten gekriegt und so weiter im Grunewald, von der Hilfsorganisation, von der jüdischen Gemeinde wohl auch, die haben das organisiert und haben uns Schnitten mitgebracht. „Nehmt mit, nehmt mit.“ Da haben wir gesagt, können wir doch gar nicht alles essen. „Ihr werdet schon sehen, was damit ist.“ Und dann haben wir gemerkt, warum sie uns das mitgegeben haben, weil wirklich nichts zu essen gab. Dann waren wir froh, dass wir es hatten. Ich habe dann mit meinem Bruder gemeinsam einmal versucht, irgendwie rauszukommen aus dem Ghetto, indem wir sagten, es wird ja, irgendwo in Deutschland werden Arbeitskräfte gebraucht. Es ist Krieg und es muss ja irgendwie die Möglichkeit geben, in irgendein Arbeitslager zu kommen, wo man eben als Arbeiter arbeitet, so wie wir vorher in Berlin auch im Straßenbau und im Tiefbau gearbeitet haben, so auch dort. Und da haben wir uns gemeldet, eine ganze Gruppe. [00:04:27] Also wir waren ja aus Berlin mehrere junge Leute, und dann haben wir uns dort gemeldet, haben gesagt, so jetzt versuchen wir auf diese Art und Weise hier aus dem Ghetto rauszukommen, und das hat auch geklappt. Wir kamen aus dem Ghetto raus und kamen dann in ein Zwangsarbeitslager nach Rawicz. (..) Rawicz, das ist, wie soll ich sagen, zwischen Posen und Breslau die Strecke etwa. Und dort wurden Drainagearbeiten durchgeführt in dem, auf dem Land, also dort wurden Gräben reguliert und so weiter, und dort mussten wir unter Bewachung arbeiten. – Interviewerin: Ihre Eltern? – Die Eltern blieben in Lodz, sie waren ja schon älter, ja, und wie ich das später erfahren habe, sind sie von dort mit einem Transport weggekommen und nie wiedergekehrt, also ich nehme an nach Treblinka oder nach Majdanek, und sind dort getötet worden. – [00:05:31] Interviewerin: Wie haben Sie das erfahren? – Das habe ich erfahren, weil 1944 wurde das Ghetto aufgelöst, und viele kamen, also einige, die Überlebenden, kamen nach Auschwitz-Birkenau. Und einer war mit dabei, der meine Eltern kannte, und der sagte, dass er gesehen hat, wie sie wegtransportiert worden sind und wie sie wegkamen. Also, wohin kann man sich ja vorstellen, also dazu gehört nicht viel Phantasie, was damals geschah. Das war in Lodz, so bin ich da also rausgekommen, ja. Ich bin dann, wir waren im Arbeitslager, ohne Entlohnung selbstverständlich dort, klar, es gab nur gegen Essen. Also von wegen Bezahlung, wir waren dort umsonst, freie Arbeitskräfte, wie man sagt. Haben dort für eine Oberwasserbauinspektion gearbeitet, [00:06:32] und diese, dieses Lager wurde ab und zu kontrolliert von SS. Die kamen dann hin, um zu sehen, ob auch wirklich, ob wir richtig bewacht werden, ob wir auch unter Stacheldraht gut aufgehoben sind. Und dann wurden wegen Nichtigkeiten einige rausgesucht aus dem Lager, die wurden sozusagen aufgeschrieben, angezeigt, angeblich durch ein Prozessverfahren, angeblich, zum Tode verurteilt. Und dann war so alle Monate einmal im Wald, wurde dann eine Stange zwischen zwei Bäume gebunden, Stricke rangebunden, und dann wurden so fünf, sechs Leute immer da aufgehängt. Wir mussten zugucken, und wie ich das erste Mal das so miterlebt habe, das war 1941, im... so kurz vor Beginn des Winters, ich hab’ ja sowas noch nie gesehen, [00:07:32] ich hab’ nicht mal einen toten Menschen gesehen, ich hab’ mich fürchterlich gefürchtet vor einer Leiche, aber irgendwie... Und dann mussten wir um die Aufgehängten rumlaufen und hochgucken. Ich konnte das nicht sehen, und weil ich da nicht hochgeguckt habe, hat ein SS-Mann mit einem Gewehrkolben mir meine Zähne eingeschlagen, da saß der eine Zahn direkt hier unterm Auge drin. Der Oberwasserbauinspektor, ich kenne sogar noch den Namen von dem, der hieß Grashorn, ob er wirklich so hieß, weiß ich nicht, aber dort hieß er Grashorn, der stammte irgendwo aus Norddeutschland. Der äußerte bei jeder Hängerei: „Ach, das ist für mich direkt eine Wohltat, wenn ich die Juden dort hängen sehe.“ Also ich meine, das sind so die... Ja, ich wurde öfter... denn mal auch so in diesem... ich meine, es war ja nur in den Arbeitslagern trotzdem, dann hieß es mal abzählen, jeder fünfte wurde rausgesucht, der wurde dann später auch wieder gehängt. Und so, das war sozusagen die, wie sagt man, die kulturellen Spiele der SS in diesen Arbeitslagern.

    Rolltext: Werner K.s Bruder überlebte das Lager nicht. Er wurde im Alter von 26 Jahren von einem SS-Mann erschlagen. Im Spätsommer 1943 wurde Werner K. nach Auschwitz deportiert

    [00:09:04] Und dann wurden die Waggontüren aufgerissen, SS, die haben aufgerissen. „Alles liegen lassen, nichts mitnehmen, keine Sachen mitnehmen, alles drinnen liegen lassen, aussteigen, aussteigen, schnell, schnell, schnell Aufstellung nehmen!“ Und dann mussten wir runter, da haben wir Aufstellung genommen dort, da gingen die durch, haben geguckt: „Wer nicht laufen kann, kann nach vorne gehen, da stehen Lastkraftwaren, da kann er raufsteigen!“ Irgendwie hatte ich das Gefühl gehabt, da ist irgendwas nicht ganz, wie sagt man, koscher, dass da nicht was in Ordnung ist. Und immer schön, wenn gesagt von wegen „nach vorne gehn“, bin ich wieder Schritt zurückgegangen, also von wegen. Und so bin ich dann von dort, sind wir dann von der Rampe, das heißt vom Bahnhof Auschwitz bis ins Lager Birkenau gelaufen. Da gab’s jetzt noch nicht diese sogenannte Todesrampe in Birkenau selbst, [00:10:06] die war noch nicht gebaut. Und dann sind wir dort, kamen wir rein, das war da in einem Frauenlager. Wussten wir nicht, dass das Frauenlager war, das habe ich erst später gemerkt, dass das Frauenlager war. Da musste man vollkommen nackend ausziehen. Dann wurden Personalien aufgenommen, das heißt Personalien, Geburtsdatum, Name. Dann haben wir eine Nummer gekriegt, hier, soll ich die zeigen hier, ja? Ich hatte einen Künstler gehabt, der hat sie so schön klein gemacht, hier kann man sie sehen, ja? Und dann wurden wir rübergetrieben in eine sogenannte Waschhalle, oder Sauna nannte sich das, dann wurden wir dort gebadet, dort war eine Dusche, dann sind wir geduscht worden, und dann wurden wir untersucht, ob wir nicht irgendwie doch was versteckt haben, Geld oder Wertsachen. [00:11:07] Den After haben sie untersucht, ob nicht einer was da hineingeschoben hat, solche Sachen, ja. Und dann am nächsten Morgen haben wir dann Häftlingskleidung gekriegt, das heißt, eine Hose, eine Jacke und eine Mütze. Und dann sind wir so, wie wir waren, Sandalen, also haben wir noch nicht gekriegt, die gab es ja später im Lager, im Quarantänelager, und so sind wir von dort ins Quarantänelager gebracht worden in Birkenau, ohne Schuhe. Und jetzt dort haben wir dann, wie es dann anfing, später mal, wie es kälter wurde, haben wir Holzpantinen bekommen. Bis dahin mussten wir ohne Schuhe rumlaufen, und ohne Schuhe rumlaufen, das ist ungefähr so gewesen, über, wie waren sie gleich, diese Steinchenwege dort lang lief. Und es war ja alles steinig dort, steinig und lehmig, dann schmerzte das natürlich mächtig an den Füßen, [00:12:10] und dadurch, langsam laufen gab es nicht, es musste immer schnell gelaufen werden. Es wurde eben wirklich alles dran gesetzt, um uns das Leben sehr, sehr schwer zu machen und, man kann sagen, zu vergellen. Ja, das war das Lager, hier im Quarantänelager, das war in Auschwitz II Lager A. Und dort war ich bis, man kann sagen, bis Einbruch des Winters 1943 in diesem Quarantänelager. Das bedeutete für viele, die das nicht überlebt haben, dass sie dort schon in diesem Quarantänelager starben. Es wurden ständig Selektionen durchgeführt, das heißt, es kam der Lagerarzt durch, der sogenannte Lagerarzt, der die Leute raussuchte, war glaubt, die sind Muselmänner*, [00:13:14] die wurden dann zur Gaskammer geschickt. Ich will mal sagen, noch dieser Eindruck, den ich hatte, wie ich da kam, das war meine Frage. Man sah in der Ferne drei Schornsteine, die mächtig qualmten. Da habe ich den einen gefragt. „Was ist denn da hinten?“ „Ja, da ist eine Bäckerei, und nebenan eine Werkstatt, da wird gearbeitet.“ Aber was das für eine Bäckerei war, hat man schon am nächsten Tag gemerkt, als man merkte, dass da Hautfetzen durch die Luft flogen von Verbrannten, und von dem Geruch, der da rüberkam, dass da alles andere als Brot gebacken wurde. Das hat man sehr schnell mitbekommen, dass da – dass da Menschen vernichtet werden. Und das hat man auch sofort gemerkt, also, das Ganze war sofort, will mal sagen, war auch ausgerichtet, man hat es auch gemerkt, dass hier ist ein Lager, wo gemordet wird. [00:14:16] Das waren die Eindrücke, die man sofort bekam. – Interviewer: War das auch Gesprächsstoff? – Bitte? – War das auch Gesprächsstoff? Naja, auch mit, na ja. Gesprächsstoff war eigentlich, man hat sich kaum unterhalten, man hat überhaupt nicht viel gesprochen dort. Ich möchte sagen, ich weiß nicht die Namen derjenigen, die neben mir geschlafen haben, man hat sich kaum unterhalten, jeder war mit sich selbst beschäftigt, würde ich mal sagen. Keiner hat sich um den anderen gekümmert. Die größte Frage war immer, wie groß das Stückchen Brot, was wir kriegen, wieviel Essen kriegen wir? Und mittags, es war ja so, dass dort aus Blechschüsseln das Essen gegessen wurde, es kamen große Holzbottiche, und die Lagerältesten, die haben da eine Kelle gehabt, so eine Art Literkelle, so wie man das schöpft, eine Art Schöpfkelle. [00:15:18] Da wurde von dort das Essen da reingeschüttet, und meistens hat er das so gemacht, dass immer noch ein Teil in der Kelle übrig blieb, und wenn dann der Häftling dort sagte: „Ich will noch haben“, dann hat er die Kelle wiederkriegt, gleich in den Kopf gekriegt mit dem Zeug, was da drin war. Und dann die Nächsten, weil ja nicht genug solche Schüsseln da waren mussten, die anderen warten, und hatte einer schon auf den anderen gewartet, dass er endlich ausgegessen hat, und dann hat jeder ja nun versucht, auszulecken und auszukratzen, was noch da zu essen drin war. Dann gab es Mord und Totschlag, nur alleine, um so eine Schüssel wiederzukriegen unter den Häftlingen. Aber man kann sich das nicht vorstellen, es ist so, wie man sagt, so ein Inferno, so ein Grusel, ja, also das kann man eigentlich überhaupt nicht richtig beschreiben, was da sich abgespielt hat. Und das ist ja auch das Schlimme, wie ich dann länger drin war im Lager. Wir haben uns dann mal unterhalten mit Kameraden, wo ich dann später war. „Wenn wir einmal lebend dieses Lager verlassen, und wir erzählen, was wir hier erlebt haben, [00:16:25] dann glaubt uns das kein normaler Mensch.“ Das war so schrecklich, also, man kann es auch gar nicht richtig beschreiben. In jedem Fall, mir fehlen die Worte, und auch wenn man selbst Literatur liest über Auschwitz, das kann keiner, auch die wortgewandten Literaten wie Herr Langbein oder wer, ja, der in seinem Bücher schreibt, der beschreibt nur das, was sich wirklich abgespielt hat. Aber das Innerliche, was sich wirklich im Menschen selbst abspielt und was sich dort ereignet hat, das kann man furchtbar schwer beschreiben. Ich weiß nicht, mir geht es jedenfalls so.

    [17:00] Einmal am Tage eine Suppe von ungefähr ein halb bis dreiviertel Liter, schlecht gekocht, und abends, wenn man in den Block kam, ein Stückchen Brot, ungefähr so 200 Gramm im Höchstfalle, und darauf ein bisschen Marmelade, und am Wochenende gab es sogar auch mal eine Scheibe Blutwurst, gab es auch mal. [00:17:27] Das war die ganze Verpflegung, und man hat sich natürlich jetzt Brot dann aufgehoben, abends ein bissel, morgens noch ein bissel was, irgendwie was zu knabbern hatte; auf dem Arbeitskommando gab es warmes Essen, also wenn man mit auf Arbeitskommando gegangen ist, und das war die ganze Verpflegung. Und die war so ausgerichtet, möchte ich sagen, dass wer nicht die Gelegenheit hatte, irgendwie durch irgendwelche Maschen oder durch Löcher in den Maschen, sich was zusätzlich zu organisieren, nach einem halben Jahr verhungerte. Also, es war eben so aufgebaut: arbeiten, arbeiten, verhungern und dann sterben. Und daraus hat immer noch dieses ganze Regime, und damals ja, Geld bezogen. Einmal wurden Arbeitskräfte an die Industriebetriebe abgegeben, die dort umsonst arbeiten mussten, nur für Verpflegung. [00:18:31] Wenn sie krank wurden, die Arbeitskräfte kamen nach Birkenau ins Lager, wurden dort vergast und verbrannt. Irgendwelche medizinische Hilfe gab es nicht. Und die Firmen selbst haben gesagt: „Naja, wir haben ja der SS dafür bezahlt, dass die hier arbeiten durften“, die SS hat wohl pro Häftling 80 Pfennig bekommen, oder weiß ich wie viel, irgend so etwas. Ja. Also auf Deutsch, man hat erstmal die Arbeitskraft der Häftlinge ausgenutzt, dass sie dort produzieren, dann hat man ihnen, wenn sie eine Leiche waren, die Goldzähne rausgerissen, oder wenn sie einen Goldring am Finger hatten, den Finger abgeschnitten und den Goldring abgezogen. Die Haare hat man verwertet, die Haare wurden abgeschnitten, die wurden an die Industrie geschickt für Stoffe und für Füllung, Matratzen. [00:19:33] Dann hat man die Leichen verbrannt, und die Asche wurde noch für die Chemie benutzt. Ich habe zum Beispiel gesehen in dem einen Krematorium, was ich vorhin zeigte, das Krematorium IV, wie dort die Häftlinge drin waren und mit Stampfer, die Knochen klein stampfen mussten, die dann in Säcke verladen wurden. Also wie gesagt, man hat einen Raubmord, einen staatlich organisierten Raubmord dort durchgeführt, bis zum Letzten, was ein Mensch überhaupt besitzt. Und das ist das, was einige heute nicht mehr wahrhaben wollen: diese industrielle Tötung von Menschen und die Ausbeutung, bis zum geht nicht mehr. Ja.

    [20:31] Im Januar 1944 war eine Selektion im Block 16, in dem ich untergebracht war, [00:20:39] und da wurde unter anderem ich auch mit ausgesucht und aufgeschrieben für die Vergasung. Obwohl es ja nicht heißt „zur Vergasung“, es hieß für einen „Sondertransport“, wurden dort die... aber da man ja schon einige Monate in diesem Lager war, wusste man ja, was das bedeutet. Und so versuchte ich, irgendwie einen Weg zu finden, wie ich diesem Prozess des Vergasens aus dem Weg gehen kann, denn ich wollte mich nicht so leicht umbringen lassen, und Lust hatte ich auch noch nicht zu sterben, also überlegte ich. Und da war, gab es im Lager selbst zwischen zwei Blöcken einen sogenannter Holzhof, in diesem Holzhof war quer die Werkstatt, in der ich gearbeitet habe, die Schlosserei und auch eine Tischlerei war dort. Und außerdem gab es in diesem Holzhof ein Loch, in dem eine Sandkuhle war. [00:21:44] Das war dort alles Lehmgebiet dort, aber das war das einzige Sandloch in diesem Lager. Das wusste ich, weil ich ja dort arbeite, dass es dort existierte. Und zum Beheizen der Baracken wurde in das Lager Stumpenholz reingefahren, und dieses Stumpenholz wurde dort gelagert über dieser Sandkuhle, auf Deutsch gesagt, und wurde damit das Sandloch verdeckt. Ich war ja damals ein schmales Bürschchen, weil schon, man kann sagen, nicht verhungert, aber doch sehr abgemagert im Lager und konnte sozusagen beinahe durch jede Ritze kriechen. Und dadurch hatte ich die Möglichkeit, mich dort durch diese Stubben, das sind ja solche Wurzeläste, hindurch zu schlängeln in das Loch nach unten. [00:22:47] Und dort habe ich mich dann am Abend nach der Selektion versteckt und blieb dann bis zum nächsten Tag da drin. Am nächsten Tag wurde ein Appell durchgeführt und man merkte, einer fehlt. Und da wurde dann Alarm ausgelöst, das heißt, im Lager, wenn einer dort geflüchtet war oder abhanden gekommen war, der nicht registriert war, dass er nicht mehr da ist, gingen die Sirenen. Dann gab es für alle Blöcke, die mussten dann Appell stehen, die Häftlinge, und mussten so lange stehen, bis der Geflüchtete entweder gefunden wurde oder auch nicht gefunden wurde. Und man muss sich das ja vorstellen, es war im Januar, kalt, Winter, paar Grad Frost, und alle mussten stehen, weil ich mich nicht vergasen lassen wollte. [00:23:48] Und man hat mich überall gesucht, man hat mit Hundestaffel raus aus dem Lager und überall hin, hat ein paar Stunden gedauert. Man hat mich natürlich nicht gefunden, weil sie mich ja außerhalb des Lagers gesucht haben, die sind ja nicht auf die Gedanken gekommen, dass ich mich im Lager versteckt gehalten habe, Gott sei Dank. Ja, nach dieser Prozedur, nach diesen fünf Stunden vergeblichen Suchens wurde dann dieser... der Stehappell aufgehoben, und man ging dann zur Tagesordnung über. Und dann habe ich mit gesehen, wie die ganzen ausgesuchten Häftlinge, die da aufgeschrieben waren, in einen leerstehenden Block abends geführt worden sind und dort alle untergebracht wurden. Und dann kamen in der Nacht die LKWs gefahren, ich konnte das genau sehen, weil das schräg, der Holzhof, wenn man sich das vorstellt, dazwischen war nochmal wie eine Art Stacheldrahtzaun, also, wie soll ich das mal zeigen? [00:24:50] Hier nochmal. ... Das ist hier der Holzhof gewesen, hier das Stückel. – Interviewerin: Können Sie das hochkant stellen? – Hier. Das war der Holzhof, und zwischen diesen beiden, das waren die Lagertoiletten hier, dieser erste Block, war ein Stacheldraht gespannt mit einer Tür. Ich war hier innerhalb des Holzhofes, und hier gegenüber, in diesem Block, da wurden die zum Tode Verurteilten, also die Ausgesuchten, untergebracht. Und da konnte ich jetzt genau von hier miterleben, wie die dort auf dem Wagen aufgeladen worden sind und zum Krematorium... Und man hat keinen Geschrei, kein, wie sagt man, keine Rebellion unter den Ausgesuchten gemerkt. Die wussten alle, es geht in den Tod. Die frommen Juden haben gebetet „Schma Jisroel“* [00:25:51] oder wie das heißt, dort dieses Totengebet vor sich hingemurmelt, aber keiner hat versucht, was ich wahrscheinlich gemacht hätte, einen SS-Mann anzufallen, um denen entweder die Waffe zu entreiten oder mich erschießen zu lassen vor allen. Ja. Ja, sie sind alle dort eingestiegen in die LKWs, ich hörte, wie die LKWs bis nach hinten fuhren, zu den Krematorien, da hörte man das Rauschen, wie sagt man, diese, so ein Murmeln, und das verstummte dann auf einmal, dann kam der nächste Transport, dann hörte man wieder dieses Murmeln, dann verstummte dieses Murmeln wieder, und so wurde ein Transport nach dem anderen dort hingebracht, vergast, die waren vernichtet. – Interviewer: Was war das für den Murmeln? – Unbeschreiblich. Ich hab’ das mit gesehen, mit erlebt und habe gedacht, das... da wärst du jetzt auch mit dabei und würdest jetzt nicht mehr leben. [00:26:53] Man hört eben menschliche Laute, und die verstummten auf einmal, dann sind sie weg, bis der nächste Transport kommt. Dann weiß man genau, jetzt sind sie vor dem Krematorium, jetzt müssen sie sich ausziehen, jetzt gehen sie rein, jetzt sind sie vergast. Dieses Gefühl, dieses... man kann es schwer sagen. Das ist, dieses mitzuerleben, ja, wie das da vor sich geht, das ist furchtbar. Ja, ich habe mich in diesem Loch sozusagen 14 Tage lang verstecken müssen, bis man mich gefunden hat. Da man aber in der Zeit was essen musste, bin ich nachts manchmal in die Werkstatt rein, weil wir in der Werkstatt die Möglichkeit hatten, uns zusätzlich was zu organisieren. Als Schlosser hat man die Möglichkeit gehabt, mit Polen – mit polnischen Zivilarbeitern – in Verbindung zu kommen, um ein bisschen was reinzubringen. Aber ich bin tagsüber, auch die haben nicht gewusst, dass ich mich dort versteckt habe, die haben nur mit der Zeit später gemerkt, es fehlen irgendwie immer ein paar Lebensmittel bei ihnen, [00:28:02] das ist das einzige, was sie gemerkt haben. Na auf jeden Fall, ich fand auch in diesem Holzhof eine Jacke von einem Griechen, von einem, der wahrscheinlich auch vergast wurde, und diese griechische Nummer habe ich auf meine Kleidung angenäht. Wir mussten ja alle eine Nummer haben, oben, eine Häftlingsnummer, die ich da an mich.... Und mit dieser griechischen Nummer bin ich nach vorne gegangen, und zwar an jeden Morgen. Hier vorne auf dem Appellplatz, wurden die Arbeitskommandos zusammengestellt. Als Grieche habe ich mich dann mit angestellt in einem Arbeitskommando, um a) zu versuchen, aus dem Lager zu flüchten, was nicht gelang, aber auch auf dem Arbeitskommando gab es jeden Tag wenigstens einmal ein warmes Essen, dass ich das haben musste, um am Leben zu bleiben.

    [28:51] Man hat mich in diesem Loch entdeckt, wie ich wieder gerade rauswischen wollte, und dann hat man mich nach vorne gebracht, es war ja zum Beispiel üblich, in diesem Lager, wenn einer geflüchtet war, [00:29:06] und der Geflüchtete wurde gefunden, dann musste der sich neben dem Lagertor, wo die ganzen Kommandos rausmarschierten oder abends wieder reinmarschierten, wurde der aufgebaut, bekam ein Schild umgehangen, und da stand dann drauf: „Ich bin wieder da.“ Wir wussten aber, dass „ich-bin-wieder-da“ zwei Tage später gehängt wurde, er wurdehingerichtet. Und das hat man versucht mit mir. Man hat mich erst mal hingestellt, aber ohne Schild, denn sie konnten ja nicht draufschreiben, „Ich bin wieder da“, denn ich war ja immer da. Also konnten sie nicht sagen: „Ich bin wieder da.“

    [29:42] Aber ich habe ja geglaubt, es hat meine letztes Stündlein geschlagen, man wird mich von hier aus hinterbringen, zum Krematorium und dort umbringen. Das war mein Gedanke. Und der SS-Mann, der mich da abführte, der war ein jüngerer Mensch, der zog seinen Revolver und hielt es so in der Hand. Da dachte ich mir, wenn du hier einen Schritt weiter gehst, in Richtung Krematorium, dann greife ich mir erst mal deine Hand, und werden wir beide uns ums Leben bringen. [00:30:08] Du bringst mich da nicht lebend hin. Das habe ich mir fest vorgenommen. Also, lebend hätten sie mich dort nicht hingebracht. Und der wäre auch mit hopps gegangen, unter Garantie, also da hätte ich mich so gewehrt, das hätte ich noch fertiggebracht. Aber das ging doch friedlich ab, also eigenartigerweise. Irgendwie hatte ich das Empfinden, das muss den irgendwie, ich weiß nicht, als Husarenstreich imponiert haben, dass einer fertiggebracht hat, im Lager sich zu verstecken und die finden den nicht! Und dass der noch arbeiten geht, bloß mit einer anderen Nummer, und dass sie das nicht merken! Irgendwie muss denen das... anders kann ich es mir nicht erklären. Ich bin lebend geblieben! Ich habe vielleicht die überlebt, die mich da abgeführt haben.

    Rolltext: Werner K. schloß sich einer illegalen Gruppe an. Mit ihrer Hilfe konnte ein Häftling aus dem Lager flüchten und Informationen nach England bringen. 1944 wurde Werner K. in das KZ Sachsenhausen verschleppt, das er trotz einer schweren Bauchtyphus-Erkrankung überlebte.

    [00:31:31] Und von Sachsenhausen aus kam ich dann im Januar nach Küstrin, dort würde ein neues Stickstoffwerk gebaut, und da wurde ich als Schmied eingesetzt, weil ich das angegeben habe, Schmied und Schlosser im Arbeitskommando. Und dann war ich dann, bis die russische Armee kurz vor der Oder war und die Oder überqueren sollte, das war dann im Februar. Und da habe ich schon gehofft, hoffentlich schaffen sie es, hoffentlich schaffen sie es. Und dann stand auf einmal ein Eisenbahnwaggon am Lager, 150 Häftlinge in so einen kleinen Viehwaggon rein, und dann ging es vier Tage lang nach Buchenwald. Da starben die Häftlinge im Waggon, die blieben dort als Leichen mit drin, konnten sonst wo rausgeschmissen werden, gar nicht, die blieben, bis wir in Buchenwald (an)kamen. [00:32:34] Haben einige überlebt den Transport, ich glaube, hier, ich habe gerade gelesen, Buchenwald-Protokoll, ich glaube, wohl 200 Häftlinge haben... sind lebend ins Lager gekommen, von Küstrin.

    [32:51] In Buchenwald, da war zum Beispiel möglich, da hat der.. Block, haben die Illegalen eine Karte drin gehabt, an der Wand. und abgesteckt, wie weit die amerikanische Front entfernt war. Und die könnten irgendwie durch Radio illegal mitkriegen, über die Wehrmachtsnachrichten, wie weit sind die Amerikaner. Und dadurch wusste man auch, also im April, jetzt müssten sie ja bald auftauchen.

    [33:22] Die Lagerleitung hat aufgefordert, dass sämtliche Häftlinge, erstmal sämtliche Häftlinge von den und den Blöcken, antreten müssen zur Deportation, also zum Abmarschieren. [00:33:38] Und die Blockältesten hatten alle den Befehl, es darf keiner diesem Befehl nachkommen. Daraufhin kam durch den Lautsprecher der Befehl, alle Lager-, alle Blockältesten oben in der Blockführerstube antreten, also dort oben, bei der Lagerleitung. Auch dem ist nicht Folge geleistet worden. Und dann haben sie versucht, erstmal anzufangen, einige Blöcke, wie mir erzählt worden ist, wir waren ja im Block drin. Wir sind ja nicht rausgegangen. Wir waren draußen, obwohl es hieß: „Alles antreten!“ Und dann hieß es wieder: „Nein, ihr bleibt hier drin im Block!“ Und dann kam der Befehl vom Häftlingskommando, die den Widerstand geleistet haben, jetzt machen wir den Angriff auf das Tor. Und dann sind sie hochmarschiert zum Tor und haben die SS dort sozusagen verjagt.

    [00:34:43] Und das Kommando hier, die Häftlinge, die bewaffnet waren, haben die Lagertürme gestürmt, wo die oben drauf waren, die SS. Manche haben ihre Waffen gleich runtergeschmissen, haben sich ergeben, nur einer hat geschossen. Es waren zwei Tote, zwei, die erschossen worden sind. Es hat einen Feuerwechsel gegeben, und die anderen hatten alle Schiss gehabt, die haben sich gleich ergeben. Der eine Häftlingsarzt, der Lagerarzt, der seine Versuche durchführte im Krankenbau, der ist reingegangen, das konnte ich von unserem Lager aus, von unserem Block sehen, unten im Krankenbau, da wo diese Lepraversuche gemacht worden sind, und hat sich dort aufgehalten, weil er Angst hatte, wenn er nach oben geht, wird er erschossen. Und, naja, und dann ging die Sache eigentlich ziemlich reibungslos vonstatten. Ich weiß nur so viel, es kam ein Flugzeug, über das Lager geflogen, ein amerikanisches Flugzeug, war auf einer Kiste ab, auf einem leeren Appellplatz, [00:35:51] aber da war nichts weiter drin, wie wir gedacht haben, Kaffee und Kaugummi und so ein Zeug, keine Waffen. Na, und zwei Tage später, nachdem wir uns schon befreit hatten, wir haben erst mal die etwa 150 SS-Leute festgenommen, die wurden in einem Block eingesperrt und wurden bewacht von den Häftlingen, wurden nicht hingerichtet und nicht erschossen, auch nicht getötet, wie man versucht hatte, hinzustellen. Und zwei Tage später kamen dann die ersten Amerikaner an.

    [36:19] Entweder war es der amerikanische Kommandant oder der Bürgermeister von Weimar, einer von denen hat dann angefordert, dass die, eben... ganzen Nazis und die Einwohner Weimars nach Buchenwald hochkommen müssen, das Lager besichtigen, und die Männer mussten die Leichen in einem Massengrab tragen. Die mussten alle diese halbverhungerten Wesen und Halbverwesten auch zum Teil, die nicht verbrannt werden konnten, sind ja... lagen ja auch dort, [00:36:55] haben die dann, da wo jetzt der Turm steht, wo das Andenken... da war das Massengrab. Die mussten alle dort hingebracht werden, damals stand noch der Bismarck-Turm dort oben. Ja, und ich möchte sagen, irgendwie habe ich das mit Genugtuung empfunden, dass die Herrschaften, die wohlgenährten Bürger aus Weimar, diese schöne Arbeit verrichten mussten. Also, ich hatte keinen Bedauern mit denen, obwohl es heute so dargestellt wird, wenn man manchmal so Fernsehen sieht, wie die armen Leute, die damals hochgetrieben worden sind, ja, und wenn man gesehen hat, dass die Frauen, die auf einmal voll Schauer sich da die Hand vor Augen halten. Gar nicht! Das ist – ich möchte sagen – ihnen ist eine kleine Lehre erteilt worden. Das war keine schlechte Sache.

    [37:52] Man ist ja bald zum Alltag übergegangen dann. Ich habe meine Beschäftigung gefunden im Theater dort. [00:38:03] Da kann ich mich noch erinnern, da war eine Schauspielerin, Else Korén, die ja auch wieder noch gespielt hat im Fernsehen. Wie ich der das erzählt habe, was ich so erlebt habe, und Buchenwald, dann saß sie neben mir ein heulendes, kleines Häuflein. So hat sie das mitgenommen. Naja, und dann fängt man an, sich erstmal zu restaurieren, dass aus einem klapprigen Menschen wieder ein vollwertiger Mensch wurde. – Interviewerin: Das war für Sie nie eine Frage, bleibe ich hier oder gehe ich weg? Bleibe ich hier in Deutschland, wo mir das passiert ist? – Ja, die Frage, die stellte sich schon, bloß, ich sagte mir, wohin soll ich gehen? In ein fremdes Land, wo ich kein Wort verstehe, [00:39:05] wo ich erst eine Sprache erlernen muss? Oder bleibe ich in einem Land, das sich ändern muss, und mal geändert wird. Und wo ja, wenn diese Verbrechen alle bekannt werden, ja doch die Menschen irgendwie mal anders werden müssen. Und ich bin in Deutschland geblieben. Ich bin hier Deutscher! Ich bin doch kein... kein Fremder in einem Land, ich bin ein Deutscher! Und das ist meine Heimat. Berlin ist meine Heimat.

    Rolltext: Kurz nach der Befreiung trat Werner K. der kommunistischen Partei bei. 1948 lernte er in Weimar seine Frau kennen. Der gemeinsame Sohn wurde zwei Jahre später geboren. 1952 verlor Werner K. aufgrund eines Parteiverfahrens seine Stellung bei einer DDR-Zeitschrift. Es folgte eine Zeit weiterer beruflicher Schwierigkeiten. Mitte der fünfziger Jahre zog die Familie nach Ost-Berlin um. Dort arbeitete Werner K. bis 1989 als Fotoredakteur bei der Nachrichtenagentur ADN.

    [00:40:13] Interviewerin: Was haben Sie ihren Enkeln erzählt? – Gar Nichts. – Gar nicht? – Gar nichts, über meine Vergangenheit und über das, was ich mal erlebt habe, überhaupt nichts erzählt, nicht mal meinem Sohn. Mein Sohn ist aufgewachsen, ohne die Geschichte meiner Familie zu kennen. [11 Sekunden Pause] Naja, er sollte eben ein Bürger werden, unbeschwert, unbelastet. Ist er ja auch gewonnen, er geht mit der heutigen Zeit ja sehr mit. – Interviewerin: Ihr Sohn war ja in der Situation, keine Großeltern zu haben, zumindest von Ihrer Seite. – Ja, ja, das hat er nicht gehabt. Er hatte doch die Großeltern von der Mutter, von der Frau, ja. – Aber von der anderen Seite nicht? – Gar nicht. – Keine Fragen? Da gab es keine Fragen? Nein, nicht. – Keine Fragen? – Bitte? – Da gab es keine Fragen? – [00:41:14] Nein, nein, ich habe das erzählt, dass meine Eltern gestorben waren, dass seine Großeltern sind getötet worden, das habe ich ihm gesagt, aber mehr auch nicht, und mehr hat er auch nicht wissen wollen. – Was vermuten Sie, dass Ihr Sohn glaubt? – Wie? – Wie Ihre Eltern umgekommen sind? – Na, er weiß das jetzt, dass sie ermordet worden sind. Das habe ich ihm sehr deutlich später dann, wie er schon selbst Kinder hatte, in Diskussionen beigebracht. Ich hatte ja mit ihm manchmal Diskussionen gehabt, die sehr konträr waren zu dem, was ich denke und was er denkt, aber... Im Prinzip ist er der Namensträger meiner Familie, der einzige Überlebende, der nach mir übrig bleibt, der den Namen Krisch trägt, also von meiner Linie aus. [00:42:15] Im Telefonbuch habe ich gesehen, gibt es noch mehr, die den Namen Krisch haben, und die sind nicht mit uns verwandt. (........) Ich bin der Einzige, der von unserer Familie dann übrig geblieben ist.

    Empfohlene Zitation

    Interview mit Werner Krisch vom 14.6.1995, veröffentlicht in: Archiv der Erinnerung, <https://ade.juedische-geschichte-online.net/quelle/ade:source-4> [20.09.2026].