Interview | Video

Interview mit Gisela M. vom 29.6.1995/8.8.1995/16.8.1995

Quellenbeschreibung

Bei dem hier gezeigten Interview handelt es sich um den Auszug aus der Videoaufzeichnung mit Gisela M., geboren 1925 in Schivelbein, Deutschland (heute Świdwin, Polen). Das Interview wurde von Irene Diekmann, Cathy Gelbin und Karen Remmler geführt.

Gisela M. war eine von zwei Töchtern eines jüdischen Vaters und einer nichtjüdischen Mutter. Sie beschreibt Schikanen in der Schule, wie sie miterlebte, wie ihr Vater geschlagen wurde, ihren Schulverweis nach der Reichspogromnacht, die vergeblichen Auswanderungsversuche ihrer Eltern, nichtjüdische Freunde, die sie mit Lebensmitteln versorgten; den Umzug nach Berlin; ihre Arbeit als Fabriklehrling; den Verlust ihres Arbeitsplatzes, weil sie die Tochter eines Juden war; die Verhaftung ihres Vaters; die täglichen Demonstrationen ihrer Mutter zusammen mit anderen Frauen jüdischer Männer; die Freilassung ihres Vaters; die Zwangsumsiedlung im Mai 1944; die Zwangsarbeit ihres Vaters beim Bau von Verteidigungsbarrikaden; das Leben in Schutzräumen während der Belagerung Berlins; die Erschießung ihres Vaters durch die SS; sie, ihre Mutter und ihre Schwester begraben ihn; Befreiung durch die sowjetische Armee; Heirat; und die Geburt ihrer Tochter. Frau Mannheim spricht über die Nachkriegspolitik in Ostberlin; dass sie nicht zu Verwandten in die Vereinigten Staaten auswanderte, weil ihre Mutter Deutschland nicht verlassen wollte; die dreijährige Inhaftierung ihres Mannes; und den Umzug in den Westen.

1995

    [00:00:00] Ich bin 1925 geboren, im März. Mein Vater war der jüdische Getreidehändler Josef Mannheim in Schivelbein. Also die Hauptsache spielt, der größte Teil meiner Anfangsgeschichte, spielt in Schivelbein. Meine Mutter war seine Prokuristin, also er hat dann seine Angestellte geheiratet. Mein Vater war ein sehr frommer Jude, meine Mutter eine sehr fromme Christin. Aber gut gegangen ist diese Ehe hervorragend, und ich hatte schon neulich zu Ihnen gesagt, ich würde mir dieselben Eltern nochmal aussuchen. Trotz aller Dinge, die da dran hingen, denn was Toleranz betraf, ich glaube, das ist unübertroffen. Die evangelischen Feiertage wurden mit der Familie der Mutter gefeiert, die jüdischen Feiertage mit der Familie des Vaters. Und ich muss Ihnen ehrlich sagen, ich kriege da mal zweimal was. [00:01:09] Ich war die Kleine, die Kleine, das Gieselchen, und bin auch entsprechend verwöhnt worden, das ist vielleicht so eine typische Sache, als ich bin (193)31, als ich (19)31, sechs Jahre wurde, waren modern – ich weiß das erst jetzt also alles zu schätzen – Lackledertaschen mit einem silbernen Monogramm für die älteren Damen. Ich kriege da natürlich sowas zum Geburtstag, von Tante Rosa, war also, ja, keine Frage. Ich will damit nur sagen, ich bin sehr behütet aufgewachsen in einem sehr, auch sehr liberalen Elternhaus. Und es war selbstverständlich, dass Vater freitagabends in die Synagoge ging, dass der sonnabends kein Geld anfasste – das machte denn meine Mutter – , auch an jüdischen Feiertagen nicht.

    [01:54] Sehr häufig zu Besuch waren die Eltern meiner Mutter – auch nachher in der Verfolgungszeit. Der Vater war ja Beamter, und wenn irgendwas zu Erledigen war, dann hat das immer der Großvater – Röpke hieß der – Röpke gemacht. Ich habe eigentlich eine wirklich sehr schöne und sehr behütete Kindheit gehabt. [00:02:11] Wenn jüdische Feiertage waren, zum Beispiel Neujahr, dann kriegte ich ein entsprechendes Kleid an. Extra für so ‘ne Sachen, in Breslau gab es eine Firma, Bilschowski, das war Verwandtschaft, das kam dann... entweder hat es einer genäht oder die schickten das von da, und dann kriegte ich immer, heute würde man sagen Biedermeierstrauß, die ließ meinen Vater immer anfertigen, in einer Gärterei, da in Schivelbein, und dann kriegte ich also für jede der alten Tanten so einen Strauß in die Hand. Und dann ging man die Cousinen meines Vaters besuchen. (Von) Tante Bienchen kriegte ich immer, das habe ich heute noch in Erinnerung, da kriegte ich immer so ‘ne klebrigen Hustenbonbons und [lacht] die musste ich dann essen und das war nicht so gut. Bei Onkel Moses und Tante Rosa, ja die hatten immer so ein großes Marzipanbrot, da kriegte ich dann mal was abgeschnitten. Es gab zwar also alles Mögliche zu essen, aber das Kind kriegte immer etwas extra. Und dann ging mein Vater zum Schluss, wenn das alles, bis alle alle besucht waren und überall Knicks und schöne Feiertage und so was..., [00:03:14] da gab es in Schivelbein ein Hotel „Monopol“, am Markt, und da ging er dann mit mir Apfelkuchen mit Schlagsahne essen. Das aß er nämlich auch gerne, mein Vater war kein großer Kuchenesser, aber Apfelkuchen aß er halt gerne. Na ja und das war dann eigentlich dieses behütete Leben, das war so bis Ende (19)32. Denn Ende (19)32 hatten wir, sind wir schon nachts manchmal... wach geworden, weil an dem Haus so Schmierereien waren, so Judensterne und Judenfratzen und „Juden raus“.

    [03:44] Meine Großmutter erschien immer, manchmal einmal im Jahr, manchmal zweimal im Jahr für vier Wochen, mit einem... dann kam ein großer Reisekorb mit Geschirr, und dann wurde(n) die Mädchen oder das Mädchen, wer da gerade war, dann hat sie eine Ecke kaschert, also koscher gemacht und dann hat Großmutter vier Wochen lang gekocht. Es war wunderbar, also mein Vater, er war ein großer... der aß gerne Schinken und Eisbein und sowas, aber mit Großmutter in den vier Wochen gab es das denn eben nicht. [00:04:17] Dann hat Großmutter gekocht, und dann wurde alles wieder eingepackt. Und Puppchen, das war also ich, kriegte extra in dieser Zeit immer etwas längere Kleider an. Man zieht Kinder ja eigentlich immer sehr kurz an, sieht ja hübsch aus, wenn kleine Kinder sind, aber wenn Großmutter kam... dann. Erstmal kam immer ein großes Paket von Bilschowski sowieso, so viel habe ich nie anziehen können, wie ich da gekriegt habe, und zweitens wurde dann... so kriegte ich immer in der Zeit längere Sachen an, also das ist so eine Geschichte am Rande. Ja, und dann ist meine Großmutter, wenn wir nun gerade dabei sind... (19)34, hat mein Vater eine Nachricht bekommen von dem Chefarzt des jüdischen Krankenhauses in Breslau, er möchte kommen, sie haben Angst, meine Großmutter verhungert, weil es nichts Koscheres mehr gibt. Und sie war genau wie wir alle ein großer Fleischesser, und nur mit so vegetarischen Sachen war wohl nichts. Und ist mein Vater mit der Tante Rosa aus Stargard hingefahren, [00:05:17] und es ist ihm nicht gelungen, Großmutter klarzumachen, dass sie doch also auch was anders essen sollte. Und die ist dann am 28. September (19)34 gestorben. Rückwirkend gesehen, war es wahrscheinlich gut, denn ein paar Jahre später hätten sie sie eh abtransportiert, da hätte ja auch keiner helfen können. Und sie wünschte also in Schivelbein beerdigt zu werden, und dann kam, ein bisschen mein Vater... hat das ist besorgt mit dem Zinksarg. Und dann.. der Rabbiner Richter hat das... war... hat im Vorraum der Synagoge die Trauerfeier gehalten, und dann – das gehört eigentlich wirklich zu meinen guten Erinnerungen – sind sehr viele Leute aus Schivelbein mitgegangen [seufzt] und... Augenblick... und ja, darf ich mal [sucht Taschentuch und unterbricht mehrere Sekunden] [00:06:19] Es war auch das letzte Mal, dass die Familie insgesamt zusammen war, also es waren die Vettern und Cousinen aus Berlin und aus Stargard und aus Kallis, also es waren unendlich viele Leute... Und dann dauerte das ja gar nicht lange, dann wanderte der aus, und dann nahm sich der das Leben und so weiter. Aber das war es das letzte Mal, dass alle zusammen waren.

    [06:42] Dieses Gymnasium hatte einen... vor dem Gymnasium einen Park, in dem man sehr artig und gesittet in Zweier- und Dreierreihen in der Pause brotessend und schwatzenderweise – immer rumging. Solange wir diese vier jüdischen Mädchen waren, war das doch kein Problem. Dann ging Käthe Levi nach Berlin auf das Jüdische Gymnasium. Eva Meyersohn auch. Und Hannelore Rosenberg, die wanderten aus. Das muss so Anfang (19)37 gewesen sein. So, ich war jetzt noch die Einzige in deren Augen. Und ich kriegte dann... meine Mutter musste dann kommen. Und dann kriegte ich das Verbot, weiter um diesen Park da rumzugehen, sondern in der Schule zu bleiben, also in der Klasse zu bleiben. [00:07:29] Da das unmöglich sei, dass die anderen Mädchen mit mir da rumgehen und erzählen, das wollte der also nicht. Und von dem Moment an, wir haben sowieso separat gesessen, Hannelore und ich, von dem Moment an habe ich dann, da ich ja nun die Einzige war, alleine auf der Judenbank gesessen, auch im christlichen Religionsunterricht. Ja, und das hat mir dann eigentlich so das Ende gegeben, alleine zu bleiben. Ich weiß jetzt nicht, wie ich das sagen soll, aber wenn sie dann immer separiert sind... Komischerweise, ich bin dann nachmittags öfter, das war dann so ein Amtsgerichtsrat, der war von der Bekennenden Kirche, der hat mich dann oft abgeholt und mitgeholt, der hatte keine Angst, zu seiner Bibelstunde. Da saß ich auch zwischen den anderen, und dann gibt es aus dieser Zeit noch eine Begebenheit: Ich habe mich über Jahre hinweg, und auch meine Familie hat sich immer gewundert, ich habe einen Horror davor, einen Geburtstag zu feiern. Oder... also für mich selber, oder Gratulationen zu bekommen, oder so was, [00:08:30] ich konnte mir das zwar nicht erklären, aber ich war mir klar, das muss irgendwas mit meiner Vergangenheit zu tun haben. Und vor zwei Jahren schrieb mich jemand an, die in meiner Volksschulklasse gewesen ist, nicht auf dem Gymnasium, sie hatte von irgendjemandem die Adresse. Es gibt ja immer mal Leute, die einen kennen oder irgendwie was hören oder so. Im Zusammenhang mit der Rosenstraße war das, die hatte das irgendwo im Fernsehen gesehen oder sowas. Und die schrieb mir dann, sie müsse mir sehr viel abbitten... der Vater war Polizeibeamter... und ich hätte, jetzt weiß ich nicht, (19)35, ich glaube (19)35 oder (19)36, zu meinem Geburtstag allen Kindern einen Brief geschrieben: „Die Geburtstagsfeier findet nicht statt“ und sie möchten nicht kommen. Als sie das sagte, fiel mir das siebenteils ein, dass mein Vater und meine Mutter gesagt hatte: „Wir können das nicht machen, wir können denen das nicht mehr zumuten, dass die zu uns kommen, dann kriegen die Väter oder Mütter Ärger.“ Und dieses Mädchen hat gedacht, weil sie auf der Volksschule geblieben ist und ich aufs Gymnasium gegangen bin, dass ich mir zu fein vorkam für sie. [00:09:35] Und hat dann also das genau geschrieben... Sie hat dann geschrieben, jedes Jahr am 11. März hat sie an mich gedacht, und als sie dann das hörte mit den Juden nach dem Krieg, war ihr klar, wie das zusammenhängt. Und da weiß ich... da hängt wahrscheinlich... dass der Horror von der Geburtstagsfeier.. hängt wahrscheinlich damit zusammen. Ja, es hat ja Leute gegeben, die gesagt haben, ich bin geizig. Also ich habe die hinterher immer alle eingeladen. So ist es nicht. Aber an diesem Tag möchte ich eben nicht so aus... wer mir eine Karte schreibt, kann das tun, aber er muss mir nicht persönlich gratulieren.

    [10:08] Mutter hat mich geweckt und Vater auch und hat gesagt: „So jetzt Josef, zieh dich an. Gisela bringt dich zur Bahn, um sechs oder halb sechs... weiß ich nicht mehr... fährt der erste D-Zug nach Berlin. Du, das geht nicht, es wird ein fürchterliches Pogrom geben, ich möchte, dass du aus dem Weg bist... oder aus weg bist.“ Und dann hat sich also Vater angezogen und ich mich auch. Und dann bin ich mit ihm hinten rum zum Bahnhof. Ich habe die Fahrkarte geholt, mit ihm zum Bahnhof und habe ihn in den Zug verfrachtet. [00:10:38] Und... nein, nein da fehlt noch was... So, das ist also gewesen... vielleicht nachts um zwei oder um drei, also ich kann das jetzt nicht genau sagen. Um halb sechs, also... Ich müsste, vielleicht weiß ich, ist das hier bei Muttern drin, und dann hat das morgens geklingelt. Da stand der Bauunternehmer Sowieso, der Sowieso und Sowieso, meine Mutter hat die Namen alle aufgeschrieben – vor der Tür: sie wollen zu dem Juden Josef Mannheim. Und daher dieses Bild, diese Tür... hatte ein – das hatten wir, glaube ich, schon einmal – diese Tür hatte ein Gitter und war so praktisch vergittert, und meine Mutter hat nur die Tür aufgemacht. Es hatte ein Gitter innen und Gitter außen, hat nur die Tür aufgemacht und hat gesagt... Sie wollen zu dem Juden Josef Mannheim. Und die Kugel ist schon gegossen, sie haben sie schon in der Hand. Hatten sie einen Revolver in der Hand, da hat meine Mutter ganz kühl gesagt: „Da kommen Sie zu spät, da hätten Sie früher aufstehen müssen, der ist schon längst weg.“ Der war aber noch da, der saß hinten in der Wohnung. „Na, ist auch egal, dann fahren wir weiter!“ Und dann sind sie gefahren nach Bad Polzin und haben dort Dr. Ya’ov Levi, genannt Ascher Levi, erschossen. [00:11:44] Die Angehörigen leben jetzt in England... Diese Geschichte... so, und dann bin ich mit meinem Vater hinten rum über die Gärten, als die nur weg waren, zum Zug. Und habe ihn dann zum Zug gebracht nach Berlin.

    [11:53] ... Naja, dann bin ich also nächsten Tag wieder hingegangen, und meine Mutter hat auch meine Schwester zur Schule gescheucht, und der Lehrer meiner Schwester, der hat zu der gesagt: „Was willst du hier? Mach, dass du nach Palästina kommst!“ Dann kamen die... zu Hause... und ich bin gar nicht mehr die Treppe raufgekommen, wer kam mir entgegen, der Schmidt, mit fliegenden Fahnen, und also, was ich mir einbilde... Er ist glücklich, dass seine Schule nur judenfrei ist. Und der schmiss mich... er hat mich nicht runter geschmissen, aber ich bin dann... also ich wusste gar nicht, wie schnell ich aus der Schule wieder rauskam. Ich habe die Schule nicht mehr zu betreten und die nicht zu ver... wie soll ich das jetzt sagen: die Schule nicht weiter zu.. mit meiner... zu verunreinigen. Weiß ich, wie sie das eben nennen wollen. So, und dann bin ich nach Hause gegangen, und vor uns vor dem Haus hatten sie die Juden alle... aufgereiht, und der Polizeimensch, der schrie immer aus dem Fenster: [00:12:46] „Kameraden, ich sorge dafür, dass bei den Juden alles gut geht!“ Und so... und denn schmissen die irgend etwas aus dem Fenster. Und dann hatten wir da einen sehr Verwachsenen, der ging so..., den haben sie dann auf den Handwagen geschmissen. So, und dann bin ich also rein, und dann hat die Haussuchung noch eine Weile gedauert, so und dann zogen die ab, und dann habe ich erstmal fürchterlich... wahrscheinlich nehme ich mal an – geheult. Manchmal kann ich auch nicht heulen...

    [13:09] Damit ist meine Schulgeschichte zu Ende. Ich habe in meinem ganzen späteren Leben – das war das, was ich vor vorhin im Auto gesagt habe – darunter gelitten: Ich habe keine abgeschlossene Schulbildung. Und wenn jetzt eine Volkszählung kommt, oder wenn ich mich wo beworben habe, musste ich immer schreiben: ich bin siebendreiviertel Jahre in die Schule gegangen, nämlich vier Jahre auf eine Volksschule und dreidreiviertel Jahre... also nicht mal, nicht ganz... also bis... also von... April war das Schuljahr... drei, gut dreieinhalb Jahre auf einem Realgymnasium. Und damit ist meine Schulbildung zu Ende. Ja also das ist eine Sache, die mich mein ganzes Leben lang belastet hat.

    [00:13:50] Die Männer, die waren alle nach Sachsenhausen gekommen, die sie da einkassiert hatten von Schivelbein. Und dann haben sich einige sehr unschöne Sachen abgespielt zusammen im Zusammenhang mit meiner Schule. Ich war nun immer alleine in dem Haus. Es war ein langer, dunkler Korridor, auch wenn dieser Fußboden so schön marmoriert war. Und ich war auch alleine, und ich habe auch immer den aufgemacht. Und eines Abends hat es dann geklingelt, und da stand einer mit einem Kranz vor der Tür, mit... um seiner Freude Ausdruck zu verleihen, dass der Jude Josef Mannheim nur tot sei, der sei zwischen Labes, das ist die nächste Station gewesen, und Dramburg aus dem Zug geschubst worden, und sie hätten ihm den Kopf zerdrückt. Und das einer Dreizenjährigen! So, als Mutter kam, ich hab’ am ganzen Leibe geflogen, aber geglaubt haben wir es beide nicht. Ein weiteres Mal klingelte es auch wieder abends, und es hielt mir jemand eine Rolle, wie so eine Pistole, vor die Nase, und sagte also, er bringt das Zeugnis von der Schule, [00:14:55] aber mit dem könnte ich ja sowieso nichts anfangen, also „so doof wie Juden sind, so ein Zeugnis können sie ja nicht ausstellen“. So, da war dann also Zeugnis, das konnten sie dann wirklich vergessen. So ‘ne Sachen haben sich dann mehrmals abgespielt. Und dann kriegte meine Mutter... ist dann also in Belgard und überall gewesen. Und dann meldete sich über eine Bekannte jemand, um drei Ecken rum, um zu sagen, mein Vater sei... lebe in der Oranienburger Straße – ich weiß nicht mehr – 26 oder 28. Es war Ecke Krausnick, bei Familie Isaak, und es ginge ihm gut, es sei natürlich sehr, sehr in Sorge, was mit uns passiert.

    Rolltext: Im Januar 1939 zog Gisela M. mit ihrer Mutter und Schwester zum bereits nach Berlin geflüchteten Vater. Die Anonymität der Großstadt bot einen gewissen Schutz vor den alltäglichen Schikanen, wie Gisela M. sie in der Kleinstadt Schivelbein erlebt hatte. Auch in Berlin durfte sie jedoch auf Anordnung des Schulamtes kein Gymnasium besuchen. Nach mehreren vergeblichen Versuchen fand sie endlich bei einer Verbandsstoff-Fabrik kurzzeitig eine Stelle als Lehrling. Der Berufsabschluß als Kaufmannsgehilfin wurde jedoch durch die NS-Rassengesetze verhindert.

    [00:16:11] Da meldete sich das Arbeitsamt und dann haben die gesagt... ja, es tät’ Ihnen leid, sie müssen mich in Arbeit vermitteln. Meine Mutter ist ja immer sehr energisch gewesen. Die ist wieder mit ihrem Gesetzblatt da rumgezogen, und hat gesagt: „O. k., wenn meine Tochter arbeiten muss, erst mal die hat ja nicht die Schule abgeschlossen“, das interessierte die ja nicht... „zweitens, sie ist ja Mischling und so... und wenn überhaupt, wenn sie arbeitet, dann bitte nur mit Lehrstelle.“ So, und dann sind wir, musste ich mit zum Arbeitsamt, und da saß dann so eine Schnepfe und die schrie meine Mutter an, was sie sich eigentlich dabei gedacht hat, mit Juden... „Mit einem Juden, so ein Gör in die Welt zu setzen, das ist doch wie Fisch ohne Kopf und ohne Schwanz.“ Ich hab gedacht, meine Mutter wird ohnmächtig. So und die hat denn... die hat dann – geheult hat sie nachher zuhause – sie hat dann gesagt: „Also passen Sie auf, wer ist Ihr Vorgesetzter? Zeigen Sie mir das Gesetz, dass ein Mischling nicht...“. Also zu dieser Zeit tauchte die Sache... „Mischling“ auf, [00:17:14] sagen wir mal so, also da ist mir das bewusst geworden, vorher eigentlich nicht, vorher Halbjüdin oder weiß ich was so in der Richtung... und denn haben sie mir... da, hat die... Dann wollte die den Vorgesetzten, und dann kriegte die wohl Angst, jedenfalls kriegte ich dann drei oder vier Lehrstellen. Zwei winkten gleich ab, weil der Lehrvertrag ja bei Josef Israel Mannheim unterschrieben werden musste, und die Dritten, die kriegten dann mit, dass ich eine ganze Menge schon kannte, von so Geschäftsgeschichten, von meinem Vater, na, und die nahmen mich dann auch, und die schlossen den Lehrvertrag in den Geldschrank ein, aber jedes Mal, wenn einer an den Geldschrank ging, hatte ich Angst, der geht an den Ordner mit den Lehrverträgen, und dann kommt raus, was Sache ist.

    [18:01] Ich hatte damals einen Freund, der lag hier in Potsdam in Garnison, der wusste, wer ich bin. Ich habe immer gleich, wenn ich jemanden kennengelernt habe, gesagt: „Also, es hat keinen Sinn, dass wir uns miteinander befreunden, [00:18:16] ich bin jüdische Abstammung, und so und so“... und die zogen immer alle gleich Leine, war so klar. Und der hat hier gesagt: „Was geht mich das an?“, also „Du, für mich zählt da Mensch, und nichts anderes, und gut.“ So, den kannte ich also schon, und ich weiß... kann auch nicht mehr sagen, ob der Weihnachten in Russland war, oder da... ist auch egal. So, und dann kam, dann kam die, der die Fabrik-Aktion ran, dieser berühmte 28. Februar, und da hat mich Yvette, ich sagte ja, Yvette hatte, hat immer die Flöhe husten hören... also bedingt durch viele... die hatte auch viel Verbindung mit Schweizern, wo Juden untergekochen waren und so... hat Yvette gesagt: „Pass mal auf, du gehst nach Hause. Ich schätze da, die werden Vater abholen, die holen auch diesmal alle ab. Goebbels will das judenrein haben.“Aber ich kann ihnen nicht mehr so... Jedenfalls hat mich Yvette nach Hause geschickt.

    [19:06] Mein Vater lag zu Hause mit vierzig Fieber und dieser Furunkulose, war damals beschäftigt bei einer Firma Exner, die gibt es... gab es nach dem Krieg noch, ich weiß nicht, ob es die auch jetzt noch gibt..., [00:19:17] und da wollten sie ihn abholen und da hat man gesagt, der ist nicht da, dann hat man ihn nach Hause geschickt, also zu uns nach Hause, und da hatten sie ihn trotz Fieber mitgenommen. Und Mutter hat nicht erfahren können, wo er hingegangen ist. Dann kam ich nach Hause und dann hab’ ich gesagt: „So, nun pass mal auf, du gehst am besten...“ – also gesagt – der jüdische Mundfunk, der ging also hervorragend, irgendwie kam immer einer Bescheid sagen oder so... „also die Männer sind im Clou also überhaupt die Leute sind im Clou“, also meine Mutter ging zum „Clou“... Interviewer: Was war das? Das war ‘n früheres Tanzlokal, ja, so ein.. ich bin da nie früher gewesen, weil ich ja auch nicht in dem Alter war. Das muss ein großes Tanzlokal gewesen sein, das war aber sehr berlinbekannt, und ich bin zur... zum Eichmann-Referat gegangen, in die Burgstraße. Ich gebe zu, zwar mit klopfendem Herzen, aber die waren da ganz höflich, und dann haben die gesagt: „Nein, also hier, Juden, nein, da gehen Sie mal dahin, und dann, wir haben damit ja nichts zu tun.“ Die haben mich also gar nicht weiter reingelassen, und dann sagte da plötzlich einer: [00:20:19] „Sagen Sie mal, gehören Sie...“ Ich weiß nicht, hat der gesagt: „Sind Sie, gehören Sie zu den gemischten Juden?“ Es war so ein blöder... also ein wirklich blöder Ausdruck, kann Ihnen aber nicht mehr sagen was. „Die sind alle in der Rosenstraße.“ So, inzwischen war das aber... fing es an, dunkel zu werden, und erst mal wusste man ja auch schon wegen Alarm und so Sachen... und dann bin ich nach Hause gegangen, und inzwischen war dieser Arno, hieß der Freund, der war nur da, und der redete nun meiner Mutter gut zu, und der hatte Urlaub übers Wochenende. Na, und dann habe ich das gesagt, und dann meine Mutter hatte im „Clou“ dasselbe gehört, dass... also am „Clou“... dass die..., das war irgendwo in der Stadtmitte, ich glaube Zimmerstraße, also in diesem Buch da von dem Sandvoß, da steht das drin, wo das war... und, na ja, dann haben wir also Abendbrot gegessen. Und dann haben wir also überlegt, Vater hatte ja noch gar nichts mit, und dann haben wir ein Bündel gebaut, also seine Wäsche hatte er mit, aber sonst weiter nichts, weil auch sich keiner erklären konnte... Zu der Zeit, als die bei uns zu Hause waren, [00:21:19] wusste noch keiner von der Fabrik-Aktion. Das hat sich dann erst nachher... so, und dann haben wir beschlossen, dass wir am nächsten Morgen, alle Mann – Mutter, Arno, meine Schwester und ich – ... dass wir erstmal ein großes Bündel packen, mit Wäsche, Decken vor allen Dingen, und was zu essen, das hat er dann auch gekriegt, hat er später gesagt. Und da sind wir dann am anderen Morgen, das war so ein bisschen... war so ein richtig grauer Novembertag, mit ein bisschen dreckigem Schnee, da und sowas... sind wir also in die Rosenstraße gegangen. Und da standen schon unendlich viele Frauen, und die... also für damalige Verhältnisse, unendlich viele Frauen, und ich meine, wenn sie heute da, es war nicht so viel wie bei Christo [lacht], nein, nein, aber... Sie verstehen, was ich meine, gemessen an den damaligen Verhältnissen...

    [22:02] Ich bin nur dieses eine Mal da gewesen, weil ich ja dann arbeiten musste diesen Sonntag, aber meine Mutter, die Firma war am Alexanderplatz, wo sie gearbeitet hat, die ist jeden Mittag mit meiner Schwester, die ja nun nicht zur Schule ging, hingegangen und bis zum Abend dageblieben. Was ich nicht gehört habe, [00:22:20] und was ich auch nicht bestätigen kann... es wurde gesagt von einigen Leuten, es waren Maschinengewehre aufgebaut, die habe ich nicht gesehen, auch keiner von uns. Ich kann nicht etwas sagen, was wir nicht wissen. Es war nur so, dass sie mehr oder weniger... auch die Leute, die da vorbeigegangen sind, doch sehr erstaunt waren, dass die nicht eingegriffen haben. Ja, ich meine, wir hätten ja immer damit rechnen müssen, dass da so ein Lastwagen vorfährt, uns alle reinschmeißt und weg... Und da ist mein Vater.. ich habe am 11. März Geburtstag, und dass ich am 10. März abends zurückkam. Da war mein Vater zu Hause, also von der Arbeit. Und er hat sehr, sehr wenig... er hat mit mir vieles immer früher besprochen, darüber hat er sehr wenig gesagt. Ich weiß nicht, ob er meiner Mutter mehr erzählt hat, insofern bedauere ich sehr, dass das jetzt erst alles aufgewickelt ist, wo die eigentlich fast alle tot sind. Das Einzige, was ihn ungeheuer bedrückt hat... ich hatte vorhin erzählt von den Tuch-Mannheims, und da war die eine Schwester, also die Tante Rosa, die hieß auch Rosa, die Schwester meines Vaters hieß... aber das ist Rosa Aaron, [00:23:21] und das ist Rosa Mannheim. Die war verwachsen, und die lief so schlecht, also war eine Handvoll, praktisch. Und so... und wir wissen nicht, wie die in die Rosenstraße gekommen ist. Ihn hat das also nur ganz furchtbar mitgenommen, das hat mein Vater dann erzählt... Er hat plötzlich auf diesem Flur „Josef“ rufen gehört, und da hat er oben eine kleine Person stehen sehen, wusste auch... und ist dann raufgegangen, und da war das die Rosa, und die war versehentlich in der Rosenstraße gelandet. Und die kam die Treppe nicht runter, und dann musste er ja den Wachhabenden fragen, und dann hat er die Tante Rosa runtergebracht, die Treppe, und dann hat er sie nachher auch... nicht mehr gesehen, wahrscheinlich ist die dann „auf Transport“ gegangen, und das hat ihn ungeheuer bedrückt, ja... Das ist aber das Einzige, worüber er dann in diesem Zusammenhang geredet hat.

    Rolltext: Nach einem Antrag auf Eheschließung mit ihrem nichtjüdischen Freund Arno wird Gisela M. wegen Rassenschande belangt. Arno wird an die Front geschickt und gilt seitdem als vermißt. Ende 1944 wird Gisela M. zur Zwangsarbeit in einer Berliner Fabrik eingezogen. Seit Anfang April 1945 lebt die Familie nicht mehr in ihrer Wohnung, sondern hält sich anonym in verschiedenen Bunkern auf, um der drohenden Verschleppung des Vaters zu entgehen. Am 28. April 1945 entdeckt die SS den Vater im umkämpften Bunker unter dem Alexanderplatz und verletzt ihn durch Schüsse tödlich.

    [00:24:54] Und dann haben wir ja... da in dem Bunker logiert, und konnten... na, wir haben eigentlich... so dann hatten schon einmal die Russen den Bunker erobert... und dann kamen die SS wieder, und das waren lauter so kleine Zellen, möchte ich mal sagen. Da saßen immer so zehn/fünfzehn Leute drin, also kleine Räume, und... ich sag das sehr ungern, aber es ist leider so... Mit uns saß auch jemand, auch ein Jude, auch eine Mischehe, und die kamen rein, und hatten gesagt: „Alle Juden müssen mit raus.“ Als die SS das... hatte, und dem... der sah nun auch so aus. Und dann hat der gesagt: „So, der auch. Der ist auch Jude.“ So, und dann... meinen Vater mitzugehen. Und dann, eine Weile später kamen sie dann zurück und haben gesagt, so... wir können ihn holen, er hat nicht mehr lange zu leben. Und da haben sie ihn dann sehr angeschossen, man hat uns später im Krankenhaus am Friedrichshain gesagt, das Geschoss war vergiftet.

    [25:45] Dann haben wir ihn wieder reingeholt in den Bunker, und da ja noch Beschuss war, [00:25:54] konnten wir ja auch nicht raus, und dann hat meine Mutter... die hatte ja noch etwas Schmuck dabei... einen Handwagen organisiert. Da waren ja mit uns viele Leute da unten, und dann haben wir Vater auf den Handwagen geladen, er hat seinen Beutel mit dem Tallis genommen, den hatte er auch immer mit zur Arbeit. Und dann sind wir... [Stimme versagt] mit ihm aus dem Bunker raus, und er hatte... ich hatte einen Koffer, meine Schwester hatte einen Rucksack, und diesen Koffer hatten wir so mit... auf dem Wagen befestigt. Also, er war noch bei Bewusstsein, als wir rausgegangen sind. Na ja, und dann standen da vor dem Bunker die Russen und eh wir uns versehen hatten, hatten sie eben den Beutel mit dem Tallis weggerissen... und den Koffer. Und den Koffer haben sie sofort aufgemacht, und obendrauf – das hatte ich mal geschenkt gekriegt – lag so ein Kreuz aus Similistein, da grabschten die gleich drauf, und... für meinen Vater war der Verlust des Tallis, der hat also irgendwas noch gesagt, also das konnte er irgendwie nicht verkraften. [00:26:57] So, und dann sind wir am 30. April (Spätere Korrektur der Zeitzeugin: Tatsächlich handelte es ich um die Nacht vom 28. April 1945), ich hab’ den... ach so, meine Mutter hat mir noch... ich hatte so eine karierte Jacke an, hat an meine Jacke mir Vaters Stern angenäht, weil ich den Wagen gezogen habe, und weil wir... ich habe eigentlich immer was von Vergewaltigung erzählt... worden ist für Propaganda gehalten, also wirklich für Gräuel... im wahrsten Sinne des Wortes für Gräuelpropaganda, und ich habe den Wagen gezogen und meine... wir wollten... es sollte ein russisches Lazarett sein, am Ba... Ost... damals hieß der Schlesischer Bahnhof, also heute heißt das ja Hauptbahnhof, und da wollten wir mit ihm hin. Und wir sind aus dem Alexanderplatz-Bunker, das heißt, er wollte nach Hause. Er wollte in die Wohnung Blumenstraße 2, und ich hab’ den Wagen gezogen, und Mutter und Schwester haben den Wagen geschoben. Und als wir an unserem Haus ankommen, fing das von unten nach oben an zu brennen, da war oben SS drin, und die hatten rausgeschossen, und da blieb dann nachher dieser Keller übrig, wo ich ja gesagt habe, ich habe die letzten Bilder da noch rausgeholt. Und dann sind wir weitergefahren... hier [00:27:57] Brauner Weg, Grüner Weg... zum Bahnhof, zum Ostbahnhof. Und da war es, das war die Nacht vom 30. April zum 1. Mai (Spätere Korrektur der Zeitzeugin: Tatsächlich handelte es sich um die Nacht vom 28. April 1945), überall diese Feuer, die Freudenfeuer der Russen, die Schreie der Frauen, der vergewaltigten Frauen... und ich meine, uns haben sie nichts getan.

    [28:18] Am Ostbahnhof waren zwar zwei russische Ärzte: die konnten auch nicht weiterhelfen. Dann haben wir uns etwas ausgeruht, und dann sind wir weiter mit ihm zum Krankenhaus am Friedrichshain. Und da haben die gleich gesagt, sie glauben nicht, dass sie das..., dass er das noch schafft. Haben aber sofort das... noch das Bein amputiert, weil sie meinten, das würde helfen. Es hat aber nicht geholfen, und dann sind wir jeden Tag, von Lichtenberg zu Fuß zum Krankenhaus am Friedrichshain. Und an dem einen Sonntag, ich hatte nur Stiefel an, hatte ich völlig aufgelaufene Füße. Meine Schwester... wir hatten nachher bloß noch ein paar Schuhe, das hat dann der immer angezogen... das war so, wir waren dann noch eine Nacht, nachdem wir Vater abgegeben hatten, [00:28:58] im Pfarrhaus, im katholischen Pfarrhaus, in Karlshorst übernachtet, und da haben sie mir dann mein letztes Paar Schuhe geklaut, und meine Schwester hat sich Läuse eingefangen... Also jetzt noch am Rande. Und an dem Tag... hat mein... da hat dann der Nachbar von meinem Vater hat gesagt, wir sollten doch mal nachts dableiben, er sei nachts immer vollkommen klar. Und das ging nicht, wir hatten ja die Ausgangssperre... und solche Sachen, und das war ja auch... lag ja auch alles voll, und an diesem bewussten 13. Mai, weil wir nun... ich aufgelaufene Füße hatte, und auch (meine) Schwester keine Schuhe, ist meine Mutter alle eingegangen, die hat ihn gerade noch erreicht, und dann ist er eingeschlafen.

    Rolltext: In Ost-Berlin lernt Gisela M. kurz nach Kriegsende ihren späteren Ehemann Herbert kennen. Als Sozialdemokrat wird Herbert M. 1953 verhaftet und ist bis 1956 im Gefängnis Berlin-Rummelsburg inhaftiert. Nach seiner Entlassung zieht das Ehepaar mit der Tochter nach West-Berlin, wo Gisela M. bis heute für die SPD und die Arbeiterwohlfahrt aktiv ist.

    [00:30:07] Na fragen Se noch was. Interviewer: Mich würde interessieren, wie Sie die Geschichte der Nazizeit, und auch von Ihrem Vater, Ihrer Tochter erzählt haben. Haben Sie mit ihr drüber gesprochen? Ja, das ist, also wissen Sie, bei uns in der Familie lebt alles mit. Da lebte die Oma, hat sie ja noch kennengelernt. Aber genauso wie meine Mutter und meine Schwiegereltern... mein Vater lebt mit, ich weiß nicht, ob Sie das verstehen, das wird immer... also zum Beispiel haben wir immer, auch meine Mutter und meine Schwestern, und ich mache das heute noch, mein Vater hat immer zu Jom Kippur*, am Abend davor, und am Abend, wenn ein Neujahr anfängt... gab es immer Ente, also wenn Jom Kippur zu Ende war, und davor gab es in Schivelbein immer Ente, und das haben wir, soweit es sich machen lässt, manchmal geht es ja nicht, wenn man das dienstlich nicht kann, oder so, beibehalten... Es kommt die Familie zum Entenessen. Ich... meine Schwester kommt ja noch nicht mehr, aber schätze mal, diesmal wird... Salomea kommt... ist dann schon gekommen, und die Kinder von Salomea, und so. Also das wird immer eingehalten, [00:31:07] und ich fahr’ auch genauso.. für sie ist das... Tochter ist das selbstverständlich, wenn es auf Pesach* geht, dass ich Matze hole. Das ist also ganz, ganz klar. Und sie wissen ja selber, sie ist ja oft in Israel, und sie fährt ja auch mal gern dahin... und so, ja, also... und die, bei uns lebt die Familie mit.

    [31:21] Ich bin also auf die eine Art und Weise... bin ich gern Deutsche wegen... hört sich jetzt sehr ulkig an, aber... wegen der Ordnung, auch wenn es manchmal ein bisschen viel ist. Und wegen... zum Beispiel wegen des, des stabilen Geldes, von dem ich... also hoffe, dass wir nie den ECU kriegen, dass das was bisschen, was man gespart hat, dann auch wieder weg ist... Ja, ich bin gern Deutsche.

    [31:46] Ich wäre auch gerne... hätte auch gerne die israelische Staatsangehörhigkeit. Also das ist eine Sache, die ich auch gerne... bin da sehr gerne, wissen Sie, das hängt doch damit zusammen, dass das Wort „Jude“ dort kein Schimpfwort ist. Ich krieg’ immer Angst, wenn... das ist nun eine Sache, die ist mir von... Sie müssen ja eins überlegen, ich komm’ ja aus einer Mischehe, ich bin ja auch christlich erzogen worden, [00:32:08] aber mich haben sie von Anfang an, und ich hab’ das auch nie anders gesehen, mit den Juden in einen Topf geworfen, war also selbstverständlich, dass ich... und wenn jüdische Feiertage waren, dann wurden die gefeiert, und wenn christliche waren, wurden die gefeiert... Ja, also, das war eigentlich alles selbstverständlich, und deswegen habe ich gesagt... eben diese Toleranz. Ich würde gerne in Israel leben, wenn ich das nötige Geld hätte, und eine entsprechende Wohnung, wäre da gar nichts gegen zu sagen.

    [32:29] Ich bin also nicht ungern Deutsche, das möchte... aber wissen Sie, was ich mir immer wünsche: Ich habe ja nun so eine sehr mängel... mangelhafte Schulbildung. Das Französisch habe ich im Laufe der Jahre vergessen, mit Latein kommt man nicht sehr weit, und Englisch kann ich nur sehr mies... Also, ich versteh’ zwar eine Menge, aber so, wenn ich im Ausland bin, wünsche ich mir manchmal, nicht nur Deutsch sprechen zu müssen, weil ich mich manchmal schäme, wie sich meine Landsleute benehmen...

    Empfohlene Zitation

    Interview mit Gisela M. vom 29.6.1995/8.8.1995/16.8.1995, veröffentlicht in: Archiv der Erinnerung, <https://ade.juedische-geschichte-online.net/quelle/ade:source-5> [28.07.2026].