Bei dem hier geführten Interview handelt es sich um ein Gespräch mit Ilse Rewald, welches am 20. Februar 1996 im Rahmen des Projekts „Archiv der Erinnerung“ von Sonja Miltenberger und Andrés José Nader mit Ilse Rewald durchgeführt wurde.
Ilse Rewald, geboren 1918 in Berlin, berichtet über dei Geburt ihres Bruders im Jahr 1920, den Tod ihres Vaters im Jahr 1930, ihren Besuch der Oberschule, die seit 1933 angespannten Beziehungen zu einigen nichtjüdischen Freunden, eine Bücherverbrennung, ihre Abneigung, ihre Mutter und ihren Bruder zu verlassen, um auszuwandern, ihre Heirat im Oktober 1938, den Verlust der Hoffnung in der Reichspogromnacht; Zwangsarbeit; die Emigration ihres Bruders nach England im Jahr 1939; die Deportation ihrer Mutter nach Riga im Januar 1942 (sie sah sie nie wieder); die Hilfe nichtjüdischer Freunde; die Beschaffung gefälschter Papiere; das Leben und Arbeiten an verschiedenen Orten; die Gefahr, während der Luftangriffe der Alliierten entdeckt zu werden; das Leben bei einem nichtjüdischen Freund (sie ließen ihn von Yad Vashem anerkennen); Befreiung durch sowjetische Truppen; das Wissen um Ghettos und Lager; die Erkenntnis, dass ihre Verwandten nicht zurückkehren würden; die Feststellung, dass die meisten Nichtjuden behaupteten, „Opfer des Faschismus” zu sein; das Wiedersehen mit ihrem Bruder; und die Entscheidung, in Berlin zu bleiben, da sie es als ihre Heimat betrachteten und eine neue Demokratie aufbauen wollten. Frau Rewald spricht über ihre häufigen Vorträge über ihre Erfahrungen, die Dokumentation dieser Erfahrungen in einem Buch und ihre anhaltenden Alpträume.
Der hier gezeigte rund 40-minütige Auszug des Interviews wurde für die pädagogische Verwendung in Schule, Erwachsenenbildung und Universität ediert.
[00:00:14] Ich bin am 22. März 1918 in Berlin in der großen Frankfurter Straße 118 im Bezirk Friedrichshain geboren. Ich hatte eine sehr schöne Kindheit, besonders als dann mein Bruder im Jahre 1920 geboren wurde. Wir hatten Eltern, die sich um uns gekümmert haben, die mit unseren Interessen vertraut waren. Wenn wir aus der Schule kamen, wurden wir sofort gefragt, ob wir eine Arbeit geschrieben haben, wie sie ausgefallen ist, ob wir Vokabeln abzuhören haben. Die Freunde von uns gingen, genau so wie die Freunde unserer Eltern, ein und aus. Das waren jüdische oder christliche Freunde; es war nicht maßgeblich, welche Religion, sondern ob die Sympathien und die Interessen gleich waren. [00:01:10] Sonntags haben wir mit meinen Eltern Ausflüge gemacht in die Umgebung, und mein Vater hat fotografiert, und am Abend konnten wir zusehen, wie er die Bilder entwickelt hat. Außer seiner Praxis hatte er noch viele andere Interessen, z. B. hat er Klavier, Flöte und Cello gespielt, und ich bin kaum jemals eingeschlafen in meiner Kindheit, ohne Musik zu hören.
Rolltext: Als Ilse R. zwölf Jahre alt war, starb ihr Vater unerwartet. 1935 verließ sie ohne Abschluß das Gymnasium, weil sie als Jüdin ohnehin nicht studieren durfte. Nach einer kaufmännischen Ausbildung arbeitete sie als Sekretärin bei einem jüdischen Rechtsanwalt. 1938 lernte sie Werner R. kennen, mit dem sie sich verlobte. Trotz aller für Juden geltenden Einschränkungen versuchten sie, ihren gemeinsamen kulturellen Interessen nachzugehen.
[00:02:10] In der Nacht vom 9. zum 10. November hatten sich so viele grauenhafte Dinge ereignet, dass das ganze Leben sich verändert hat. Früh ging das Telefon und Ida Fürstenheim, die Schwester meines Vaters, sagte meiner Mutter: „Heute Nacht hat man meinen Mann im Keller erschossen“, und alle Bemühungen von ihr, Polizei, Funk, Überfall anzurufen, waren gescheitert. Nachdem man ihren Mann erschossen hatte, kamen andere SS-Horden und haben ihr schönes Haus demoliert: die Fensterscheiben eingeworfen, die Vorhänge abgerissen, die Lampen eingeschlagen. Wenige Stunden später ging wieder das Telefon, dass man den Bruder meiner Mutter ins Konzentrationslager gebracht hat, aus Wahrenbrunn. Und dann hörten wir, dass die Geschäfte alle eingeschlagen sind. Von dem Tage an hatten man keine Hoffnung mehr, dass sich irgendetwas normalisieren könnte. [00:03:19] Im Gegenteil, der Ansturm auf Konsulate, auf den Hilfsverein deutscher Juden, wurde immer größer und die Möglichkeit der Auswanderung immer kleiner. Denn zuerst mussten durch den Hilfsverein deutscher Juden die Männer aus dem Konzentrationslager eine Möglichkeit der Auswanderung beschafft werden. Entweder in Form einer Passage oder in Form eines Permits*, Affidavits*. Und als ich versuchte, hat man mir gesagt: „Sie müssen warten, denn sie sind ja nicht in akuter Gefahr. Meinem Mann und... damals nicht meinem Mann, meinem Verlobten und mir stand bevor... weil da ja alles unberechenbar war, dass vielleicht auch die Heirat zwischen Juden verboten würde. [00:04:20] Also wir beschlossen zu heiraten. Und das haben wir dann auch am 20. Dezember 1938 getan. Die standesamtliche Trauung war für Juden nur früh von 8.00 bis 9.00. Der Standesbeamte hat nicht gratuliert, sondern hat gesagt: „Die Amtshandlung ist beendet.“ Die Synagogen waren abgebrannt, sodass nur eine Haustrauung möglich war. Und bei dem üblichen Trinken eines Glases Wein nach der Trauung hat meine Hand so gezittert, dass jeder glaubte, der Wein wird wohl sofort verschüttet werden.
[05:03] Als der Krieg ausbrach, wurde mein Mann sofort zu einem Kartoffelbuddeleinsatz in die Umgebung Berlins berufen. Da hatten sie natürlich keine Pensionen oder Hotels, sondern schliefen in einer Scheune auf Stroh. [00:05:25] Das waren Leute – Männer – aus ganz verschiedenen Berufen: ein Kurbelsticker, ein Apotheker, ein Pianist. Und durch die gemeinsame Arbeit des Kartoffelbuddelns, die ganze Woche über, nur am Wochenende konnten sie zurückfahren, entstand eine große Zusammengehörigkeit. Und als dieser Kartoffeleinsatz beendet war, beschlossen sie, sich alle 14 Tage umschichtig woanders zu treffen, mit ihren Frauen oder Verlobten oder Freundinnen. Die Wohnungen waren auch unterschiedlich. Wir hatten auch kein Geld mehr oder keine Möglichkeit mehr, die vielen Gäste zu bewirten. So brachte jeder seine Brote mit, die auf einem großen Teller vereint waren. Die Gastgeber kochten entweder Kräutertee oder irgendeinen Saft dazu, und um nicht unentwegt über die ganzen politischen Ereignisse zu sprechen, denn wir waren ja alle jung, beschlossen wir, dass jeder entweder aus seinem Berufsleben, seinem früheren Berufsleben oder von seinen Hobbys sprechen sollte.
[00:06:43] Und wir bekamen eine jüdische Kennkarte mit einem großen „J“ außen, großem „J“ innen, mit Fingerabdruck. Das rechte Ohr musste frei sein und mit der Zwangsunterschrift Ilse Sarah Rehwald. Alle jüdischen Frauen ab dem 6. Lebensjahr mussten den Zusatznamen „Sarah“ annehmen, alle jüdischen Männer den Zusatznamen „Israel". Am 19. September wurde der Judenstern verordnet und den... Das ist auch mein Original-Judenstern, den musste man ganz fest angenäht auf jedem Mantel, Kleidungsstück im Sommer, Arbeitskittel später, haben. Auch an unserer Wohnungstür klebte dieser Judenstern, und es war streng verboten, ihn zu verbergen durch eine Tasche oder durch ein Paket. Noch schwerer wurde natürlich bestraft, wer ihn überhaupt abtrennte. [00:07:49] Also zu der Zwangsarbeit kam die Beschränkung der Lebensmittel. Dann wurde auch ich zwangsweise in einer Rüstungsfabrik beschäftigt. Da war die Jüngste 15 Jahre alt und die Älteste 65, und der Lohn für Frauen betrug 54 Pfennig. Wir durften keine Kantine besuchen und durften auch nicht sprechen während der Arbeit. Aber da diese Eintönigkeit und der Lärm der Maschinen so anstrengend war, habe ich immer einen Zettel neben mir gehabt und oft in Stenografie meine Gedanken oder auch mal ein Gedicht da aufgeschrieben.
Rolltext: Mitte Dezember 1941 erhielt Ilse R.s Mutter die Aufforderung zu einem „Abwanderungstransport": Sie würde am 11. Januar 1942 abgeholt und zu der Sammelstelle Levetzowstraße gebracht werden. In ihrer Verzweiflung ging Ilse R. zur Gestapo. Aber der Versuch, ihre Mutter vor der Deportation zu bewahren, scheiterte.
[00:09:02] Da wir jung waren, glaubten wir, wir können dann durch unsere Arbeit ihr Dasein vielleicht im Ghetto erleichtern. Und so haben wir uns entschieden, freiwillig mit ihr mitzugehen und nicht auseinandergerissen zu werden. Aber diese Entscheidung konnten wir auch nicht allein treffen. Wir mussten eine Freistellung von der Arbeit haben, und die Fabrik hat zugestimmt und hat gesagt, dann nehmen wir eben eine andere Jüdin an ihrer Stelle. Aber mein Mann hat die Erlaubnis nicht bekommen, die Arbeit zu verlassen, weil das eine eingearbeitete Kolonne war und weil die Arbeit wichtig war, dass die Züge zur Versorgung der Bevölkerung und auch die militärischen Züge noch fahren. Und nur durch die Verweigerung sind wir nicht freiwillig mitgegangen. Aber innerhalb eines Jahres, dann bekam man Nachrichten und dann wusste man, dass es sinnlos ist, etwa freiwillig mitzugehen, was wir ja wollten. [00:10:03] Sondern... wenn meine Mutter das geahnt hätte, hätte sie ja auch gar nicht zugestimmt, dass wir mitgehen. In einem kleinen Zettel, den wir bekommen haben, auch durch einen deutschen Soldaten, hat sie nur geschrieben, dass sie jeden Tag glücklich ist, dass wir nicht mit ihr mitgegangen sind. Da wusste ich ja genug. Denn sonst wäre sie ja jeden Tag nur traurig gewesen, dass wir nicht zusammen sind. Aber um uns das zu ersparen, war sie noch glücklich, dass wir das nicht geschafft hatten. -
Interviewer: Sie haben Ihre Mutter begleitet? – Ja. – Interviewer: Dort zu dieser Sammelstelle? – Ja. – Interviewer: Und dort haben Sie sich auch verabschiedet? – Ja, mit Ihrer Schwester zusammen. Von der ich das Bild gezeigt habe, Paula Engel. Von beiden keine Spur zu finden. Manche sagen auch, dass Riga nachher aufgelöst wurde als Ghetto, und dass sie dann noch in andere Lager gekommen seien, wenn sie es überhaupt so weit gesundheitlich oder wie auch immer geschafft hat.
[00:11:08] In der Fabrik trafen wir uns schon morgens immer eine mit verweinten Augen, denn inzwischen hatte die eine ihre Eltern oder ihre Geschwister oder nahe Freunde durch Deportation verloren. Die Benachrichtigungen, hörten wir dann, gab es vorher auch nicht mehr, sondern es klingelte früh um fünf an der Haustür und man musste als Verhaftete mitgehen, oder die Verhaftungen erfolgten direkt vom Arbeitsplatz aus. An einem Abend läutete bei uns die Wohnungstür, und wir glaubten bestimmt, es ist eine Haussuchung der Gestapo. Und die geschenkten Lebensmittel, die wir eigentlich nicht haben durften, geschenkt von unseren christlichen Freunden, habe ich aus dem Fenster aus der Gartenhauswohnung in den kleinen Vorgarten geworfen. Das war eine Büchse Ölsardinen oder Obst, und als wir dann nach dem stürmischen Klingeln endlich aufmachten, waren das sehr gute Freunde von uns, nämlich Paul und Elli Fromm, die meinen Mann durch seine Arbeit kennengelernt hatten. [00:12:21] Sie hatten auf ihn gewartet, hatten sich an ihn gewandt, als er noch im Kartoffelbuddeleinsatz war, haben gewartet... Und aus der Begegnung als Fremde wurden das sehr zuverlässige Freunde, und sie wollten mit uns besprechen, ob wir denn nicht daran denken, in Berlin unterzutauchen und ein illegales Leben zu führen. Also, wir wussten nicht, wie wir das überhaupt bewerkstelligen sollten. Sie waren aber bereit, meinem Mann vorübergehend Zuflucht zu gewähren. Aber für zwei, das war zu gefährlich. Denn wer Juden half, wurde wegen Judenbegünstigung auch mit dem Konzentrationslager bedroht. Sie sagten mir, es wäre mir doch sicher möglich, für mich allein eine Unterkunft zu finden, um illegal zu leben. Natürlich habe ich nur Menschen gefragt, denen ich vertrauen konnte und die politisch und menschlich zuverlässig waren. Aber die einen haben gesagt, die Kinder sind in der Hitlerjugend und sie müssen sich schon vor ihnen in acht nehmen, nicht abfällig über Nationalismus zu sprechen. [00:13:27] Die anderen haben gesagt: „Der Bruder ist in der Partei und außerdem ist es wirklich ein zu großes Risiko, so dass ich auch ihre Gründe akzeptieren musste."
[13:41] In meiner Verzweiflung bin ich zu einer Familie gegangen, die ich noch nie gesehen hatte. Ich kannte nur ihren Namen und wusste, dass sie sehr hilfsbereit sind und dass ich mich also nicht fürchten müsste vor einer Denunziation. Das war Käthe Pickardt und ihre Tochter Ursula Pickardt wohnhaft in der Bregenzer Straße Nummer 10, in Wilmersdorf. Und das war ein Wintertag mit 11... 21 Grad Kälte und Ostwind. Sie kannten meinen Namen durch diese gemeinsamen Freunde, sagten aber: „Nein, das Risiko ist zu groß“, denn sie haben schon eine Jüdin, die illegal lebt, bei sich aufgenommen. Und als ich dann hoffnungslos im Hausflur stand und weinte, haben sie nach wenigen Minuten die Wohnungstür wieder aufgemacht und haben gesagt, [00:14:32] sie hätten sich noch einen Moment gegenseitig Mut gemacht und besprochen, wenn ich auch abgeholt würde, wäre es ja ihr Versagen und ihre Schuld, dass ich im Konzentrationslager lande, und sie sind bereit, vorübergehend mich aufzunehmen. Von diesem Tage an haben wir alles, was verboten war, durchbrochen. Wir haben die Judensterne abgetrennt und sie zusammen mit den jüdischen Kennkarten in einem Konservenglas in einem Schrebergarten vergraben. Und wir haben unsere Wohnung mit allem Inventar verlassen. Die Möbel waren uns natürlich völlig gleichgültig geworden, aber Briefe und Zeugnisse und Fotografien und Bilder waren unersetzbar. Wir mussten dann getrennt leben und hatten keine Lebensmittelmarken mehr, denn da musste man ja die Quittierung mit dem Zusatznamen, entweder Werner Israel oder Ilse Sarah Rehwald unterzeichnen. [00:15:32] Und wir hatten keine polizeiliche Anmeldung mehr, und wir konnten nicht mehr zur Bank oder Sparkasse gehen, um Geld abzuholen und natürlich auch nicht mehr zur Zwangsarbeit gehen, denn von dort aus wussten wir ja, werden die Verhaftungen auch vorgenommen. Und die Menschen, die uns aufgenommen hatten, konnten uns keineswegs ernähren, denn die Lebensmittelrationen – auch für die Bevölkerung – waren gerade von einer Dekade zur anderen eingerichtet, dass sie selbst mit Mühe und Not durchkamen. Und wir konnten auch nicht unentwegt da nur sitzen bleiben, denn wir waren ja auch dann eine Belastung für die Gastgeber. Also wir mussten versuchen, Arbeit zu finden, um etwas zu essen zu bekommen oder Geld zu verdienen, und das war natürlich auch sehr schwer.
[16:18] Ich arbeitete in der Wäscherei einer weitläufigen Verwandten. Ihr Mann war Jude, der Cousin meines Vaters, aber die lebten schon lange in Scheidung. Und sie, Thekla Basch und ihre Tochter Erika Basch, waren bereit, mich in ihrer Wäscherei zu beschäftigen. [00:16:36] Aber die Angestellten durften keine Ahnung haben, dass ich eine Verwandte bin, denn die waren alle Nazis. Und so habe ich dann die schmutzige Wäsche sortiert und an der Heißmangel gestanden und gebügelt und bekam auch bei ihr etwas zu essen und Brot oder Marmelade oder ein Stück Wurst mit nach Hause. Aber eines Tages, als ich in der Wäscherei arbeitete, kam eine Kontrolle vom Arbeitsamt. Denn jeder hatte damals ein Arbeitsbuch, wo die letzten Arbeitsplätze mit Stempel und Unterschrift ersichtlich waren. Und ich hatte weder ein Arbeitsbuch, noch war ich in der Rentenversicherung oder in der Krankenkasse. Also ich versuchte, so schnell wie möglich aus dem hinteren Ausgang herauszugehen, und erst nach zwei Stunden kam ich zurück. Als Erklärung für die Mitangestellten habe ich dann gesagt: „Mir war sehr schlecht. Ich musste in die Apotheke, musste Wasser trinken, mich hinsetzen, ein Medikament bekommen“, und das haben sie auch akzeptiert. In Wirklichkeit bin ich aber um Haaresbreite dieser Kontrolle entgangen.
[00:17:42] Wir wussten, wenn wir nicht bald einen falschen Ausweis haben, werden wir auch durch eine Kontrolle entdeckt werden. Ein Freund aus dem Buddlerkreis, der Apotheker, versuchte illegal zu leben, wusste in einer Winternacht nicht wohin, ging in eine Pension; es kam eine polizeiliche Kontrolle, er hatte keinen Ausweis und ist nach Auschwitz gekommen und nicht zurückgekehrt. Also mein Mann überlegte und beschloss, er würde zu seinem früheren Reichsbahninspektor Fritz Wolzenburg fahren und ihn um Papiere bitten. Der glaubte natürlich, dass wir auch längst in einem Konzentrationslager sind, weil mein Mann ja nicht mehr zur Arbeit gekommen war. Aber er war mutig und willig genug und hat uns Papiere von der Deutschen Reichsbahn mit dem Stempel und mit seiner Unterschrift gegeben. Mein Mann hat ihm gesagt, wenn wir in der Illegalität gefasst würden, würde er sagen, dass er diese Papiere während der Zwangsarbeit selbst gestohlen hat, um ihn zu entlasten. [00:18:52] Und er hat dann seinen Ausweis auf den Namen eines wirklich lebenden, bekannten Hilfsarbeiters ausgefüllt: Erich Treptow. Das sollte die kleine Sicherheit bieten bei einer Rückfrage. Bei der Polizei oder bei der Bahn würden die sagen: „Ja das stimmt, der Erich Treptow ist hier gemeldet“, und wir haben seine Fotografie in diesen Ausweis geheftet. Aber meine Fotografie war ja viel zu wenig. Ich hatte keine Ahnung, wie heißt die Frau Treptow mit Vornamen, wann ist sie geboren, wo geboren, was arbeitet sie. Und so habe ich dann überlegt, wie könnte ich diese ganzen wichtigen Daten und Angaben bekommen, und habe einen leeren Zettel mit ausgedachten Namen vorbereitet und bin zu ihr gefahren und hab’ dann gesagt: „Ich komme vom Arbeitsamt und möchte gerne ihre ganzen Angaben wissen.“ Und sie sagt, das könnte sie sich nicht vorstellen, sie ist ja längst registriert. Auf diesen Einwand war ich gefasst und hab’ dann gesagt: [00:19:59] „Ja deswegen machen wir ja jetzt diese Hausbesuche, weil die Karteikarten durch die Luftangriffe so durcheinander gekommen sind... wollen wir es ihnen erleichtern". Und diese Liste war ja auch glaubhaft und dann hat sie mir alles gesagt, was ich wissen musste. Allerdings habe ich auch gehört, dass sie Sekretärin bei der Geheimen Staatspolizei war. Aber noch schwieriger war, völlig zu vergessen, dass ich Ilse Rehwald bin und dann habe ich Tag und Nacht immer wieder mir vorgesagt: „Ich bin die Maria Treptow, geborene Juretzko, geboren in Beuthen am 15. Mai 1917“, um nur ja bei einer Kontrolle nicht zu zittern, zu stottern, zu überlegen. Denn das wäre schon zu auffällig gewesen. Und die Damen Pickardt waren sehr aufgeregt, bis ich von diesem Gang zurückkam, ob das auch wirklich gut gegangen ist. Und in Zukunft waren wir eben überall die Treptows.
[20:54] Nachdem mein Mann immer größere Schwierigkeiten bekam, eine Unterkunft zu finden, [00:21:03] und die Damen Pickardt durch Nichtmehrvermietung an diesen Wirtschaftsprüfer einen Raum frei hatten, gestatteten sie ihm auch bei mir zu wohnen. Das war natürlich eine Riesenerleichterung, denn oft wusste ich ja gar nicht, wenn der Luftangriff in Neukölln sehr schwer war, ist er am Leben, ist er verletzt, ist er ausgebombt, ist er verwundet. Und die Telefonapparate gingen oft nicht. So war das also eine sehr große Hilfe, dass man die täglich anfallenden Probleme gemeinsam besprechen konnte und gemeinsam auch im Luftschutzkeller sein konnte. Aber an einem Tag waren wir gemeinsam in dem Luftschutzkeller, und der Luftschutzwart brüllte, alle Männer zum Löschen, mein Mann natürlich auch, aber es gab nichts mehr zu löschen, das war eine Phosphorbombe, und die Damen Pickardt wohnten im dritten Stock. Die Wohnung war ausgebombt, und auch wir waren ausgebombt. Von den wenigen Sachen, die wir hatten, waren wieder einige weniger geworden. [00:22:05] Und dann fuhr ich zu meiner früheren Kinderfrau, Helene Micke, hab’ bei ihr die Wäsche gewaschen, aber sie gleich in einem nassen... in diesem nassen Zustand, im Eimer mit der Untergrundbahn zurückgetragen. Aber plötzlich sagte eine Frau neben mir: „Sind Sie nicht Frau Rehwald aus Charlottenburg?“ Also, der Schrecken war riesengroß, aber ich hab doch versucht, ganz ruhig zu sagen, da müssen Sie sich irren, ich kenne überhaupt keine Frau Rehwald.“ Und sie hat zu meinem Glück nicht darauf bestanden, meine Personalien feststellen zu lassen. Aber in Zukunft nahm ich entweder die riesengroße Zeitung der Völkische Beobachter vor mein Gesicht, die war für den Zweck gerade richtig, oder hatte einen Hut mit großer Krempe, damit man mich bloß nicht erkennen könnte.
Rolltext: Ilse R. und ihr Mann fanden eine neue illegale Unterkunft bei der Familie Schröder. Als die Bombenangriffe zunahmen, zog Frau Schröder mit ihrer Tochter aufs Land. Ab diesem Zeitpunkt führte Ilse R. den Haushalt alleine weiter.
[00:23:20] Aber sehr kurze Zeit danach wurde vom Wohnungsamt ein Zimmer beschlagnahmt, denn man wusste ja durch die Abmeldung, dass Mutter und Tochter nicht mehr in Berlin sind. Und ein Major des Heereswaffenamtes wurde eingewiesen. Er war ein überzeugter Nationalsozialist und durfte natürlich niemals merken oder ahnen, dass er mit illegalen Juden unter einem Dach lebt. Und das war insofern nicht einfach, in jedem Gespräch musste man aufpassen, dass man ihm nicht widersprach, denn er erhoffte und erwünschte genau das Gegenteil von uns. Er wünschte sich, dass Hitler den Krieg gewinnt, dass die Deutschen weiter erfolgreich im Osten sind, und außerdem gab es Sonderzuteilungen nach besonders schweren Angriffen, z. B. Schnaps und dann freute er sich sehr: „Ach, jetzt haben wir vier Flaschen Schnaps im Hause“, [00:24:20] aber es waren ja nur zwei da. So musste uns etwas einfallen, um die fehlenden zwei Flaschen plausibel zu machen. Und unser Freund, der inzwischen geworden war, nämlich Schröder, sagte: „Ich muss natürlich meine Flasche meiner Frau mitnehmen. Auf dem Lande gibt es keine Sonderzuteilung, keine Angriffe.“ Inzwischen hatten wir Zeit, um uns zu überlegen und zu sagen: „Und meine Flasche“, hab’ ich dann gesagt, „nehme ich der Tante mit, die Kreislaufstörungen hat, und die braucht Alkohol aus gesundheitlichen Gründen". Oder er sagte: „Ach, Sie können doch einmal am Sonntagmorgen für jeden ein weiches Ei kochen“, also eine kolossale Delikatesse, und da konnte ich dann sagen: „Ich backe lieber einen Kuchen“, denn da konnte er nicht kontrollieren, ob ein Ei oder gar kein Ei drin war. Ich kochte also nur jedem, die wirklich die Eierzuteilung hatten, ein weiches Ei. Viel schlimmer war natürlich, dass wir jede Hoffnung auf einen Widerstand innerhalb Deutschlands aufgeben mussten. [00:25:21] Denn die verschiedenen Attentatsversuche waren alle gescheitert. Zuerst von der Herbert-Baum-Gruppe*, der jüdischen Widerstandsgruppe, die Flugblätter veröffentlichte, druckte, verteilte und die dann in die Ausstellung „Das Sowjetparadies"* eine Brandbombe warfen, und die alle entdeckt wurden und im Alter zwischen 20 und 30 Jahren hingerichtet wurden. Wir wussten inzwischen auch nach dem Attentat 20. Juli 1944 auf Hitler... Stauffenberg, dass ein Widerstand von innen kaum noch Hoffnung bringt, dass nur der verlorene Krieg uns vielleicht die Chance des Überlebens ermöglicht. Eines Tages kam der Blockwart, der die Lebensmittelkarten brachte und sagte zu Herrn Schröder: „Aber bei Ihnen wohnt doch ein junges Ehepaar. Wo bekommen Sie Ihre Lebensmittelkarten?“ Und er antwortete ihm sehr ruhig [00:26:23] „Die wohnen doch nur ganz vorübergehend hier, denn Ihre Wohnung in Charlottenburg ist durch Bombenangriff jetzt unbewohnbar, ohne Fenster, ohne Türen, aber dort bekommen Sie natürlich Ihre Lebensmittelmarken.“ Und das hat der Blockwart akzeptiert. Ob er es gutwillig oder arglos getan hat, weiß ich nicht. Jedenfalls hat er zu unserem Glück nicht gefragt: „Wo ist die Wohnung“, und nicht sich weiter dafür eingesetzt, das herauszufinden. Und als er Major eines Tages sagte, „Mein Amt wird jetzt leider nach Westdeutschland verlagert und so muss ich diese gute Hausgemeinschaft aufgeben“, waren wir natürlich sehr, sehr erleichtert, damit wir uns nicht bei jedem Wort und bei jedem Satz so in Acht nehmen mussten. Denn das immer wiederkehrende Wort von Hanning Schröder war: [00:27:24] „Wir müssen dem Grauen des Konzentrationslagers unsere eigene Konzentration gegenüberstellen, damit wir gemeinsam überleben."
[27:35] Da wurde der Volkssturm ausgerufen, und Hanning Schröder bekam die Nachricht, dass er sich stellen muss. Da haben wir eine schlaflose Nacht zusammen verbracht, wenn er nicht ginge, käme ja bestimmt eine Haussuchung und wir sind alle drei ertappt, verloren. Und wenn er geht, sind wir ohne jeden Schutz, denn wir konnten ja eigentlich noch nicht mal die Haustür (auf)machen, wir waren ja nicht mehr existent. Und trotzdem haben wir beschlossen, er muss gehen, denn er hat Familie und er kann also nicht dieses Risiko auf sich nehmen. Aber trotz der Illegalität haben wir gesagt, würden wir alles versuchen, um eine Reklamation für ihn zu erreichen. Und da gab es schon keine Verkehrsmittel mehr, und mein Mann hat sich ein Fahrrad geliehen und fuhr zu dem Orchestervorstand von ihm, [00:28:24] der, denn er war für die Filmgesellschaft Ufa als Solobratschist im Orchester tätig. Und der Orchestervorstand hat ihm ein Schreiben ausgehändigt, dass die Arbeit des Orchesters – für kulturpolitische Zwecke der Filme sehr wichtig – nicht arbeiten kann ohne den Solobratscher. „Und mit dem Schreiben“, hatte aber mein Mann gesagt, müssen Sie jetzt möglichst schnell zur Kreisleitung der NSDAP in Zehlendorf gehen, und zum Bataillon des Volkssturms, damit die mein Schreiben hier abstempeln.“ Und das war undenkbar, dass mein Mann hinging, sondern ich bin hingegangen mit dem Mut der Verzweiflung und habe ihm gesagt: „Ich bin die Sekretärin der Ufa, und da die Post zu lange dauern würde, haben sie mich geschickt, um diese Stempel gleich weiterzuleiten.“ Und der SA-Mann hat natürlich die Schreiben von allen Seiten angesehen, [00:29:24] und ich habe gezittert, ob er sie auch wirklich endlich abstempeln würde. Und das ist dann erfolgt.
[29:31] Er war einer der ganz wenigen, die noch vom Volkssturm zurückkamen. Und dann waren wir natürlich wie befreit, erlöst und saßen dann Tag und Nacht nur noch in dem Keller und aßen rohe Moorrüben und Knäckebrot, weil man nichts mehr kochen konnte und wussten nicht, ob wir diesen unsicheren Keller jemals verlassen würden. Und nachdem wir jeden Angriff von Anfang an miterlebt hatten in Berlin, hörten wir andere Geräusche, die uns sehr unbekannt waren. Nicht mehr das Summen der Tausenden Flugzeuge, nicht mehr die Bombenanwürfe. Und die neuen Geräusche waren die ersten russischen Panzer. Und dann ging eine Abordnung der NSDAP-Zehlendorf von einem Einfamilienhäuschen zum anderen und forderten die Bewohner auf, sich zu sammeln, um gemeinsam in Stadtmitte Widerstand zu leisten. [00:30:28] Also wir wollten weder mit der NSDAP in die Stadt, noch wollten wir Widerstand leisten, also blieben (wir) in dem Keller, und bald kamen auch die ersten Russen. Da wir kein Wort Russisch sprachen, war es sehr schwer, ihnen verständlich zu machen, dass wir Juden sind, fast zweieinhalb Jahre Illegalität in Berlin hinter uns hatten. Die suchten auch nach versteckten deutschen Soldaten, nach Munition, nach Waffen, nach Widerstand und... Die Situation war sehr, sehr unsicher. Und am 27. April 1945 wurde Zählendorf befreit. Den Tag werde ich nie vergessen. Denn aus dem unsicheren, dunklen Keller und aus 12 Jahren Angst konnten wir dann in einen Frühlingstag auf die Straße gehen, und so einen Frühlingstag habe ich nie wieder erlebt... [00:31:31] Ohne Angst vor Denunziation, ohne Angst, dass mein Mann irgendwo verhaftet worden ist, auf der Straße sich zu bewegen, war etwas ganz, ganz Wundervolles. Und als am 8. Mai 1945 Deutschland kapitulierte, war es natürlich für uns der Tag der Befreiung und des Neubeginns. Ich denke, ich hatte das Gefühl, zum zweiten Mal geboren zu sein, und damals hatten wir ja auch noch die große Hoffnung, dass Familienangehörige, Freunde oder Kollegen aus dem Konzentrationslager befreit zurückkämen. Und wenn wir auch nur von jemandem gehört hatten, den wir nie gesehen hatten vorher, der und der hat das Konzentrationslager, ob Auschwitz ob Theresienstadt ob Riga, überlebt, sind wir zu denen gegangen und haben die uns wichtigsten Namen genannt, gefragt. [00:32:33] Durch ihre Berichte haben wir dann erst erfahren, was für unentsetzt... unglaublich entsetzlichen Dingen sie ausgesetzt waren.
[32:45] Und die Hoffnung, dass jemand zurückkam, wurde immer geringer, und die Realität zu erkennen, wurde für uns immer schwerer. Oft bin ich jemandem hinterhergelaufen und glaubte, ich habe den Bruder meines Mannes entdeckt, musste dann feststellen, dass ich mich total geirrt habe. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass so viele dieser jungen, kräftigen Menschen nicht mehr wiederkämen. Aus dem ersten beglückten, Befreitsein, kam dann die tiefe Erschütterung, dass wir sahen..., dass wir die Hoffnung aufgeben müssen, dass meine Mutter, die Eltern meines Mannes, die Geschwister meines Mannes, die vielen Freunde, wie auch die Familie Fischer aus Pankow nicht wiederkehrten. Und es war auch sehr schwer im Gespräch... [00:33:35] ich weiß noch genau, wie jemand, ein Christ, ein Arier, ein Deutscher, uns sagte: „Wir sind doch alle Opfer des Faschismus.“ Das konnte ich nicht akzeptieren. Selten habe ich auch jemanden getroffen, der gesagt hat: „Ja, ich war Nationalsozialist. Ich war begeistert. Ich hab’ mich geirrt. Ich habe mich den Illusionen hingegeben.“ Plötzlich waren alle Widerstandskämpfer, und das war schon Widerstand, wenn mir jemand erzählt hat, er hat immer seinem jüdischen Nachbarn guten Tag gesagt.
[34:08] Wir hatten kein Geld, keine Existenz, hatten zwar die gehassten Judenpapiere aus dem Keller, aus dem Konservenglas wieder ausgegraben, waren wieder polizeilich gemeldet, aber das war noch nicht die Basis unserer Existenz. Und als wir uns in Zehlendorf wieder anmeldeten, auf dem kurzen Weg, ging mir es schon so schlecht gesundheitlich, weil nach der Anspannung der Illegalität ich erst gemerkt habe, wie kaputt ich war. [00:34:37] Und auch die gesundheitlichen Schäden, die mangelhafte Ernährung machten sich bei uns beiden sehr bemerkbar. Und mein Mann hat dann versucht, wieder als Handwerker, als Polsterer und Dekorateur, mit Aufarbeitungen und Reparaturen anzufangen. Und ich hab’ Deutschen, die mit Amerikanern oder Engländern gearbeitet haben, englischen Unterricht gegeben.
Rolltext: Ende 1945 traf Ilse R. ihren Bruder Joseph nach sechsjähriger Trennung zum ersten Mal wieder. Joseph war es 1939 noch gelungen, nach England auszuwandern. Nach der Zeit des Nationalsozialismus konnte er es sich nicht vorstellen, wieder in Deutschland zu leben. Er emigrierte mit seiner Frau in die USA.
[35:36] Nach vielen Diskussionen, Überlegungen, Briefen haben wir beschlossen, nicht auszuwandern. [00:35:43] Die Gründe – denke ich – sind wichtig zu sagen. Wir waren zwölf Jahre ausgeschlossen und nicht dazugehörig, wussten, wenn wir nach Amerika gehen, sind wir ja wieder die Fremden. Denn ich wusste zwar, Englisch mich auszudrücken, aber keineswegs konnte ich die Sprache so wie meine eigene, keine Ahnung von Geschichte, keine Wurzeln irgendwo in Kalifornien. Das war der erste Grund, wieder ausgeschlossen und nicht als heimisch angesehen zu werden. Und unsere Heimat war und ist Berlin, und (die) konnte uns niemand nehmen, denn beide sind wir in Berlin geboren und das ganze Leben hier verbracht. Und der zweite Grund war: Wir lernten durch die Organisation Opfer des Faschismus oder politisch, religiös, rassisch Verfolgte andere kennen, die aus politischen Gründen oder religiösen Gründen auch inhaftiert waren, und die haben nicht daran gedacht, nach der Befreiung auszuwandern. Im Gegenteil, [00:36:47] manche Immigranten sind zurückgekommen, zum Beispiel Willy Brandt. Manche Ausgewanderte sind zurückgekommen, weil sie es klimatisch nicht ausgehalten haben oder weil sie Heimatweh hatten. Also mit denen, die zurückgekehrt waren, zusammen an einem Neuaufbau eines demokratischen Deutschland teilzunehmen, war auch ein Ziel. Und dann hatten wir so vielen Menschen auf Wiedersehen gesagt, zuerst denen, die noch auswandern konnten, dann denen, mit denen es kein Wiedersehen mehr gab, weil sie deportiert wurden. Aber jetzt hatten wir Freunde gewonnen, die ihr Leben riskiert hatten, um uns zu retten, und denen auf Wiedersehen zu sagen, war uns unmöglich, denn denen brauchten wir gar nicht zu sagen, wie verwundet, wie verletzt, wie sensibel wir noch waren. Die wussten ganz genau, wie viel sie noch helfen mussten, um uns wieder lebensfähig zu machen, und so beschlossen wir also, aus diesen Gründen hier zu bleiben.
Rolltext: Ilse R. und ihr Mann bleiben in West-Berlin. Sie arbeitete als Lehrerin und er in seinem ursprünglichen Beruf als Innenarchitekt. Sie unternahmen gemeinsame Reisen und hielten so Kontakt zu den wenigen überlebenden Freunden und Verwandten.
[00:38:08] Interviewer: So ein Bild, dass Angst abfällt von einem, nach der Befreiung. Aber mich würde interessieren, ob das wirklich so war, also wie lange Sie...?
Das kann nicht einfach abfallen. Das dauert bis heute, dass ich Angstträume hab’, dass ich entweder die SS-Stiefel hinter mir höre, dass ich meine Mutter suche, dass mein Mann weg ist, dass ich ein tiefes Loch sehe. Ich weiß nicht, wie ich darüber kommen soll. Also, die Angstträume sind heute immer noch. Ich glaubte damals, dass es durch Schreiben und Sprechen vielleicht weniger wird. Aber das stimmt nicht, also die Angst fällt nicht vollkommen von einem ab. Aber es ist ja nicht nur die Angst um das eigene Überleben, sondern wenn man sich hineindenkt, was die Menschen durchlitten haben, die uns so nahe standen im KZ, im Zuchthaus. Die sind manchmal so traurig, die Träume, dass ich erst am Morgen mich fragen muss, was ist nun eigentlich die Realität, der Traum oder das jetzt hier Leben, und insofern ist mir auch oft sehr schwer, wenn ich Logierbesuch hab’ [00:39:11] und die fragen schon früh um acht, was sie am Tage machen sollen. Also ich brauch’ manchmal wirklich Zeit, um mich erst mit dem Traum noch auseinanderzusetzen. Und Angstträume kann ich nur unterbrechen, indem ich aufstehe, aus Angst, sie setzen sich fort, und eine Zigarette rauche. Und bloß nicht weiter schlafen! weil ich denke, das geht weiter und weiter wie eine grauenhafte Geschichte.
[39:37] Und im... am 2. November 1992 hat mein Leben eine ganz andere Wendung genommen. Da ist mein Mann gestorben, der so körperlich und geistig voller Aktivität war. Dass es nach 54 Jahren der Gemeinsamkeit für mich wahnsinnig schwer war, wieder allein fähig zu sein, zu überleben. Und da möchte ich Ihnen jetzt das Bild zeigen, das eine Freundin von ihm gemacht hat, im Mai 1992. [00:40:12] Und durch die Unterstützung meiner Freunde, meiner Wahlverwandten, bin ich nach drei Jahren, denke ich, wieder lebensfähig geworden und möchte mich zum Schluss bei denen bedanken, die mein Überleben ermöglicht haben und bei denen, die mich heute ermutigen, weiter an ihrer Seite am Leben teilzunehmen.
Interview mit Ilse Rewald vom 20.2.1996, veröffentlicht in: Archiv der Erinnerung, <https://ade.juedische-geschichte-online.net/quelle/ade:source-6> [28.07.2026].