Glossar

A

  • Affidavit (lat./engl. „er hat bezeugt“): Bürgschaft eines Bürgers des Aufnahmelandes für einen Einwanderer.
  • Allijah (hebr. „Aufstieg“): In der Zeit des Tempels wurde mit Allijah der „Aufstieg" der frommen Juden zum Tempel in Jerusalem bezeichnet. Heute, unter Einfluß des Zionismus, bedeutet Allijah die Einwanderung der Juden nach Palästina/Israel. Die Einwanderungswelle zwischen 1932 und 1939 wird als fünfte Allijah bezeichnet. In dieser Zeit immigrierten 235.000 legale und etwa 12.000 illegale Einwanderer in das britische Mandatsgebiet Palästina.
  • Ausstellung „Das Sowjetparadies“: Am 8. Mai 1942 im Berliner Lustgarten eröffnete antikommunistische Wanderausstellung. Angehörige der Herbert-Baum-Gruppe und anderer Widerstandsgruppen übten am 18. Mai 1942 einen Brandanschlag auf die Ausstellung aus, der jedoch keine gravierenden Schäden verursachte. Wenige Tage später wurden die Widerstandskämpfer durch eine besondere Fahndungskommission der Geheimen Staatspolizei aufgespürt und verhaftet.

B

  • Bar Mitzwah (hebr. „Gesetzespflichtiger", wörtlich „Sohn des Gebotes“): Bezeichnung für einen Jungen mit Vollendung des 13. Lebensjahrs sowie für die religiöse Feier, die ihn in den Kreis der Volljährigen aufnimmt. In den Tagen nach seinem 13. Geburtstag wird der Bar Mitzwah zum ersten Mal in der Synagoge dazu aufgerufen, einen Segensspruch über der Torah zu sprechen und einen Abschnitt zu lesen. Im 19. Jahrhundert wurde eine entsprechende Feier (Bat Mitzwah, d. h. „Tochter des Gebotes“) auch für Mädchen mit Vollendung des 12. Lebensjahres eingeführt.

F

  • Fabrik-Aktion: Am 27. Februar 1943 verschleppten SS-Einheiten mehrere tausend Juden von der Zwangsarbeit in Berliner Betrieben bzw. aus Privatwohnungen in das Sammellager in der Rosenstraße in Berlin-Mitte. Bis zu 2.000 nichtjüdische Ehefrauen inhaftierter jüdischer Männer sowie ihre gemeinsamen Kinder demonstrierten hier mehrere Tage lang gegen die drohende Deportation ihrer Angehörigen. Dies blieb die einzige öffentliche Protestaktion während der gesamten NS-Zeit. Ein- bis zweitausend „Mischlinge“ bzw. in „Mischehe“ lebende Juden wurden aufgrund der Proteste nach vier Tagen freigelassen, die anderen Inhaftierten wurden nach Auschwitz deportiert.

H

  • Haavarah-Abkommen (hebr. ha'avarah bedeutet „Transfer“): 1933 zwischen dem Reichswirtschaftsministerium und der Zionistischen Vereinigung für Deutschland und der Anglo-Palestine-Bank geschlossene Vereinbarung. Danach war es möglich, daß jüdische Einwanderer oder Investoren Kapital aus Deutschland in Form von Waren nach Palästina exportierten. Unter den damaligen deutschen Devisenbestimmungen, die praktisch jede Kapitalausfuhr verboten, stellte das Abkommen eine große Ausnahme dar. Es erleichterte die jüdische Auswanderung aus Deutschland. Das Abkommen blieb trotz Bedenken des Auswärtigen Amtes und von Teilen der NSDAP-Führung auf ausdrückliche Anordnung Hitlers mit Einschränkungen bis zum 3. September 1939 in Kraft. Insgesamt wurden durch das Haavarah-Abkommen knapp 140 Millionen RM transferiert, wodurch jedoch nur ein Bruchteil des Vermögens der deutschen Juden gerettet wurde. Für die Auswanderer war das Abkommen eine lebenswichtige Hilfe beim Neuanfang in Palästina.
  • Hachscharah (hebr. „Ausbildung“, „Vorbereitung“): Bezeichnung für die Vorbereitung jüdischer Menschen für ein Arbeitsleben in Palästina. Die Ausbildung in einem landwirtschaftlichen Beruf fand auf sogenannten Lehrhöfen statt. Darüber hinaus beschäftigten sich die vor allem jungen Menschen mit der Kultur und Geschichte des Judentums und lernten die hebräische Sprache. In Deutschland bestanden nach 1933 noch ca. 30 solcher Stätten, davon allein 10 in der Provinz Brandenburg.
  • Herbert-Baum-Gruppe: Die Herbert-Baum-Gruppe umfaßte mehrere Widerstandskreise, denen insgesamt über einhundert Personen angehörten. Die meisten der sehr jungen Teilnehmer entstammten der jüdischen Jugendbewegung und waren sozialistisch, kommunistisch oder linkszionistisch eingestellt. Ein Großteil der Mitglieder wurde durch die Nationalsozialisten ermordet. Der Gruppenleiter Herbert Baum starb 1942 in der Gestapohaft an den Folgen grausamer Folterungen.
  • Hilfsverein der deutschen Juden: 1901 als neutrale und philantropische Organisation gegründet zur internationalen Unterstützung von Juden in wirtschaftlicher und sozialer Not. Von 1933—1939 unterstützte der Hilfsverein über 90.000 deutsch-jüdische Emigranten. Anfang 1942 mußte der Hilfsverein seine Arbeit endgültig beenden.

J

  • Jom Kippur (hebr. „Versöhnungstag“): Der Jom Kippur ist ein Tag der Versöhnung mit den Mitmenschen und der persönlichen Buße. Jom Kippur ist der letzte und größte von 10 Bußtagen, die mit Rosch ha-Schana, dem jüdischen Neujahrsfest, beginnen. Er ist ein strenger Fasttag und wird, begleitet von bestimmten Gebeten, in der Synagoge verbracht. Zum Ausklang des Jom Kippur wird der Schofar, ein Widderhorn, geblasen.
  • „Judenstern“: Mit Gesetz vom 15.9.1941 ordnete die nationalsozialistische Regierung an, daß alle Juden im Deutschen Reich vom sechsten Lebensjahr an einen gelben Stern in Form des Davidsterns mit der Aufschrift „Jude“ in pseudo-hebraisierenden Lettern zu tragen hatten. Der Stern mußte über der linken Brust auf die Kleidungsstücke genäht werden und immer gut sichtbar sein.
  • Jüdische Kulturbünde: Selbsthilfeorganisationen jüdischer Künstler seit 1933, gegründet, um die Boykott-Politik der NS-Regierung und die dadurch bedingte kulturelle Isolation zu überwinden. Dem Berliner Bund traten schon im ersten Jahr nach der Gründung etwa 20.000 Mitglieder bei. Im September 1941 mußten sich die Jüdischen Kulturbünde auflösen.

K

  • Kennkarten: Mit Bekanntmachung vom 23.7.1938 wurde der Kennkartenzwang für Juden deutscher Staatsangehörigkeit eingeführt. Die Lichtbildausweise, die bis spätestens Ende 1938 beantragt sein mußten, waren mit einem großen „J“ versehen und mußten von Frauen mit dem Zusatznamen Sara und von Männern mit Israel unterschrieben werden.
  • Koscher (hebr. „kascher“, „tauglich“, „passend“): Koscher bedeutet tauglich, rituell rein im Sinne der auf biblische Bestimmungen zurückgehenden (Speise-) Gesetze. Dazu zählt u.a., daß Milch- und Fleischprodukte getrennt aufbewahrt, zubereitet und verzehrt werden müssen. Bestimmte Tierarten sowie Blut dürfen nicht gegessen werden.

M

  • „Mischling“: Mit diesem Begriff bezeichneten die NS-Rassengesetze ab 1935 diejenigen Bürger des deutschen Reiches, die einen teilweise jüdischen Hintergrund besaßen. Wenn sie nicht der jüdischen Religion angehörten oder mit Juden verheiratet waren, galten Personen mit zwei jüdischen Großelternteilen als „Mischlinge ersten Grades". Sie durften in der Regel nur innerhalb ihrer eigenen „Rasse“-Kategorie heiraten und erlitten starke Beschränkungen auch in Bezug auf Schulausbildung und Berufswahl. Ende 1944 wurden die „Mischlinge ersten Grades“ in Zwangsarbeiterkolonnen in Betrieben bzw. in Zwangsarbeitslagern u. a. in Sachsen-Anhalt und Thüringen zusammengefaßt, wo die meisten von ihnen trotz schwerer körperlicher Arbeit das Kriegsende überlebten. Als „Mischlinge zweiten Grades" galten diejenigen, die einen jüdischen Großelternteil besaßen. Obwohl die Rassegesetze sie den „Deutschblütigen“ in weiten Teilen gleichstellten, waren sie ebenfalls – wenn auch in geringerem Maße – in einigen Bereichen der Berufs- und Partnerwahl behindert.
  • „Muselmann“: Als Muselmann wurde in den Konzentrationslagern ein Häftling bezeichnet, der durch Hunger, Entkräftung und Verzweiflung kurz vor dem Tod stand.

P

  • Permit (engl. Bezeichnung für „Erlaubnis“, „Erlaubnisschein“): Bezeichnung für ein Einreisevisum. Mit Ausnahme der international verwalteten Hafenstadt Schanghai verlangten weltweit alle Länder für die Aufnahme der jüdischen Flüchtlinge Einreisevisa, die aufgrund von Quotierungen und finanzieller Belastung nur schwer erhältlich waren.
  • Pessach (hebr. „Vorüberschreiten“): Fest zur Erinnerung an den Auszug der Israeliten aus Ägypten. Neben der synagogalen Liturgie ist für das Pessach-Fest der häusliche Seder-Abend charakteristisch. Während dieser Familienfeier werden symbolisierende Speisen gegesssen und die Pessach-Haggadah, die Erzählung über den Auszug aus Ägypten, gelesen. An Pessach darf sich kein gesäuertes Brot im Haus befinden, statt dessen werden ungesäuerte Brote, Mazzot genannt, gegessen.

R

  • Reichspogromnacht: Bezeichnung für die Nacht vom 9. zum 10. November 1938, in der ein Pogrom gegen Juden in ganz Deutschland stattfand. Dieser Aktion der SA fielen über 90 Menschen direkt zum Opfer, über 25.000 Juden wurden verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt. Synagogen wurden verwüstet oder in Brand gesteckt, und an die 7.500 jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden geplündert und zerstört.
  • Rosenstraßen-Protest: s. → Fabrik-Aktion

S

  • Schma Jisroel (neuhebr. Schma Jisrael, „Höre Israel“): Jüdisches Hauptgebet, benannt nach den Anfangsworten aus dem Deuteronomium 6,4. Das „Schma Jisroel“ wird in der Synagoge beim täglichen Morgen- und Abendgebet gebetet und ist verbreitet als Gebet während der Todesstunde.
  • Shabbat (hebr. Bezeichnung für „Ruhen“): Bezeichnung für den siebten Tag der Woche und Schöpfung. Ruhetag zur Erinnerung an das Ruhen Gottes nach der Erschaffung der Welt. Der Shabbat beginnt Freitagabend nach Einbruch der Dämmerung und endet am Samstagabend bei Dunkelheit. Traditionell darf am Shabbat nicht gearbeitet werden.
  • Shoah (hebr. „Verwüstung“, „Vernichtung“, „Katastrophe“): Bezeichnung für den von den Nationalsozialisten durchgeführten Genozid an den europäischen Juden. Seit Claude Lanzmanns Film Shoah (1985) hat sich diese hebräische Bezeichnung auch in Europa mehr und mehr durchgesetzt, zumal der Begriff Holocaust (griech. „Ganzopfer“, Brandopfer“) irreführende religiöse Konnotationen hat.
  • Synagoge (griech. Bezeichnung für „Versammlung“): Bezeichnung für den Versammlungsort der Gemeinde. Nach der Zerstörung des Tempels 70 n. Z. fanden religiöse Handlungen an neuen Versammlungsorten statt. Erste Hinweise auf einen solchen Ort stammen aus dem hellenistischen Ägypten. Dort wurde erstmals in der griechischen Bibelübersetzung das Wort „Synagoge“ für „Versammlung“ benutzt. Während der → Reichspogromnacht wurden in Deutschland über 250 Synagogen verwüstet oder in Brand gesteckt.

T

  • Tallis (neuhebr. Tallit): Jüdischer Gebetsschal, der während des Morgengebets und an Jom Kippur getragen wird. Der Tallis dient auch als Umhüllung für den Leib eines Verstorbenen. Daher tragen religiöse Juden ihren Tallis bei großer Gefahr immer bei sich.
  • Teffilin (hebr. „Gebetsriemen“): Zwei schwarze Lederkapseln, die spezielle auf Pergament geschriebene Schriftverse enthalten und von männlichen Juden nach ihrer Bar Mitzwah jeweils für das Morgengebet mit schwarzen Lederriemen am linken Arm und an der Stirn festgebunden werden.
  • Torah (hebr. „ Lehre“, „Unterweisung“): Im biblischen Sprachgebrauch allgemein Lehre oder Unterweisung von einzelnen, aber auch Bezeichnung von Gesetzessammlungen. Im engeren Sinne bezeichnet Torah die Mose am Sinai übergebene Offenbarung Gottes und die fünf Bücher Mose, d. h. den Pentateuch. Die ganzjährige, abschnittsweise Torahlesung bildet das Zentrum des religiösen Lebens im Judentum. Die Torah wird traditionell auf eine geschmückte Pergamentrolle geschrieben und in einem Schrein aufbewahrt.

Z

  • Zionismus: Nach dem Tempelberg Zion in Jerusalem benannte, Ende des 19. Jahrhunderts in Mittel- und Osteuropa entstandene moderne jüdische Nationalbewegung mit dem Ziel, einen nationalen Staat für die Juden in Palästina zu schaffen.