Methodische Überlegungen zur ‚Oral History‘

    Die Nationalsozialisten haben bekanntermaßen alles daran gesetzt, die Spuren der Ermordung der europäischen Juden zu beseitigen. Die Juden sollten nicht nur umgebracht, sondern auch ihrer Geschichte beraubt werden. In zeitgenössischen Publikationen tauchen die Opfer denn auch nur unter der diffamierenden Perspektive ihrer Verfolger auf. Oral-History-Projekte zur Shoah versuchen, Verfolgung und Ermordung der Juden unter der Perspektive der Überlebenden zu vergegenwärtigen. Für die historische Aufarbeitung der Shoah bedeuten mündliche ebenso wie schriftliche Zeitzeugenberichte eine unverzichtbare Ergänzung zu den von den Nationalsozialisten hinterlassenen einseitigen Quellen.

    Wie aus der Bibliographie im Anhang ersichtlich ist, sind in den letzten Jahren zahlreiche Publikationen mit oder zu Interviews mit Überlebenden erschienen. Diese Publikationen geben auch einen Einblick, für wie viele Disziplinen Oral-History-Quellen mittlerweile bei einer Beschäftigung mit der Shoah als wichtige Grundlage dienen nämlich für die Psychologie, Soziologie, Biographieforschung, Geschichtsschreibung und Literaturwissenschaft– um nur einige der Disziplinen zu nennen. In der Geschichtsdidaktik bieten sich insbesondere videographierte Zeitzeugenberichte an, da die körperliche Präsenz der Erzählenden, ihre Gestik und Mimik, dem Bericht eine Dimension hinzufügt, die Einfühlung ermöglicht und historisches Lernen als soziales vermittelt.

    Oral-History-Quellen entstehen unter gewissen Prämissen und Rahmenbedingungen der Gegenwart, die für ihr Verständnis berücksichtigt werden müssen. Einleitend wurde der Entstehungskontext des „Archivs der Erinnerung“ bereits skizziert, an dieser Stelle seien noch einige methodische Überlegungen zur Interviewführung beigefügt: In den Interviews kam hauptsächlich die von Dori Laub entwickelte, an die therapeutische Gesprächsführung angelehnte Methode zur Anwendung. Dem amerikanischen Psychoanalytiker zufolge, der selbst als Kind während der Shoah verfolgt wurde, dienen die Erzählungen der Überlebenden primär der Evokation von traumatischen Erfahrungen, die innerhalb der geschützten Interviewsituation häufig zum ersten Mal zur Sprache kommen können. Die wichtigste Aufgabe des Interviewers ist sein anteilnehmendes Zuhören. Er oder sie dient als Gegenüber, die das Zeugnis (testimony) der Überlebenden aufnimmt und damit ihrerseits bezeugt. Die Interviewer stellen nur wenige, in die Erzählung der Überlebenden eingebettete Fragen, um so direkt oder indirekt angesprochene Themen zu vertiefen und emotional schwierige Stellen des Interviews aktiv zu begleiten.

    In Ergänzung zu Laubs Interviewmethode nahm das „Archiv der Erinnerung“ wichtige Anregungen aus dem Bereich der Sozial- und Biographieforschung auf und zwar insbesondere Elemente des biographisch-narrativen Interviews nach Fritz Schütze und Gabriele Rosenthal. Das biographisch-narrative Interview wird in drei Phasen aufgeteilt: für den Zeitraum der Eingangserzählung werden die Interviewten möglichst nicht unterbrochen, damit ihr eigenes Relevanzsystem in seinen gesellschaftlichen und individuellen Dimensionen erkennbar bleibt. Erst anschließend stellen die Interviewer zunächst erzählinterne, dann erzählexterne Fragen zu Themen, die in der Eingangserzählung nicht direkt angesprochen wurden. Als Stärke des biographisch-narrativen Interviews sahen wir u.a. die größere Einbettung der Verfolgungszeit in einen lebensgeschichtlichen Kontext.

    Die erwähnten, für das „Archiv der Erinnerung“ kombinierten Interviewmethoden sind beide „nichtdirektiv“, d. h. sie beziehen sich nicht auf einen festen Fragenkatalog, sondern verlangen von den Interviewern Einfühlung und ein intuitives Nachfragen. Dabei sind jedoch auch historische Kenntnisse seitens der Interviewer wichtig, um die Erfahrungen der Überlebenden besser kontextualisieren und damit den Erinnerungsprozeß fundierter begleiten zu können.

    Die einzige strukturierende Vorgabe bzw. Anregung in der Interviewsituation bestand darin, alle drei lebensgeschichtlich wichtigen Phasen zu thematisieren, nämlich die Zeit vor, während und nach der Verfolgung. Auf diese Weise werden die durch die Shoah zerstörten Lebenszusammenhänge der Interviewten deutlicher, vom gewaltsamen Verlust der Welt ihrer Kindheit bis zum heutigen Leben mit der Erinnerung in einem – seit der Wende – zum wiederholten Male gänzlich neuen soziokulturellen Kontext.

    Neben der Interviewführung beinhaltet selbstverständlich auch die Edierung der Videos eine gewisse, von außen kommende Interpretation und Kontextualisierung des Erinnerten. Einerseits ermöglicht die Edierung der Interviews eine konzentriertere Einsicht in spezifische Themen und die vorgenommenen Kürzungen erleichtern die Aufnahmefähigkeit der Rezipienten. Gleichzeitig bedeuten Schnitt, Umstellungen und Zwischenkommentare Eingriffe in die ursprüngliche Erzählstruktur der Überlebenden und die Interaktion zwischen Interviewtem und Interviewer. Für diejenigen, die die Möglichkeit haben, wäre daher ein Aufsuchen des „Archivs der Erinnerung“ in der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin sinnvoll. Die Sicht eines ungeschnittenen, mehrstündigen Interviews erlaubt es, die gesamte Erzählstruktur und die zugrunde liegende Interviewführung zu erkennen sowie die durch uns vorgenommene Editionsform zu diskutieren.

    Die theoretische und konkrete Auseinandersetzung mit den Zeitzeugenberichten des „Archiv der Erinnerung“ vermag vielleicht dazu anzuregen, in der Bildungsarbeit eigene Oral-History-Projekte zu initiieren, wobei sich aus technischen Gründen vermutlich eher Tonbandinterviews anbieten. Bei einer fortgesetzten Aufarbeitung des Nationalsozialismus mit Hilfe mündlich erfragter Geschichte ist zu berücksichtigen, daß in Deutschland die meisten Rezipienten dieser Video-Edition keinen jüdischen Familienhintergrund haben.

    Die testimonies der jüdischen Überlebenden sollen Empathie mit den Verfolgten des Nationalsozialismus ermöglichen, jedoch nicht im Sinne einer Identifikation, mittels derer die eigene Familiengeschichte überdeckt und damit vergessen wird. Vielmehr wäre es wünschenswert, wenn die sensible Kenntnis der Geschichte der Verfolgten es erlauben würde, auch an die jeweils eigene Familiengeschichte neue Fragen zu stellen. Nicht in einem anklagenden Sinne, sondern um die Geschichte des Nationalsozialismus und der Shoah als konkret gelebte, von Individuen mitgestaltete oder mit erlittene Geschichte zu begreifen.

    Anmerkungen


    Für einen Überblick der neuesten Publikationen vgl. Eva Lezzi, Oral History und Shoa. Ein Literaturbericht, in: Mittelweg 36. Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung, 1996, Heft 2, S. 48–54.

    Zu allgemeinen theoretischen wie praktischen Überlegungen im Kontext von Oral History Projekten vgl. Herwart Vorländer (Hrsg.), Oral History. Mündlich erfragte Geschichte, Göttingen 1990. Zum Projekt „Archiv der Erinnerung“ siehe Cathy Gelbin, Eva Lezzi, Geoffrey Hartman, Julius H. Schoeps (Hrsg.), Archiv der Erinnerung. Interviews mit Überlebenden der Shoah, Band l: Videographierte Lebenserzählungen und ihre Interpretationen, Potsdam 1998 sowie Sonja Miltenberger (Hrsg.), Archiv der Erinnerung. Interviews mit Überlebenden der Shoah, Band II: Kommentierter Katalog.

    In folgendem Band stellt Laub seine Interviewmethode vor: Shoshana Felman/Dori Laub, Testimony. Crises of Witnessing in Literature, Psychoanalysis and History, New York 1992.

    Vgl. hierzu u. a. Fritz Schütze, Die Technik des narrativen Interviews in Interaktionsfeldstudien, dargestellt an einem Projekt zur Erforschung von kommunalen Machtstrukturen, Bielefeld 1977 sowie Gabriele Rosenthal, Erlebte und erzählte Lebensgeschichte. Gestalt und Struktur biographischer Selbstbeschreibungen, Frankfurt/M.