Zur Konzeption der Video-Edition

    Kurzbeschreibung


    Die sechs videographischen Einzeldarstellungen veranschaulichen exemplarisch wichtige Aspekte der Judenverfolgung während des Nationalsozialismus. Die Bänder beschäftigen sich jeweils mit den Themenbereichen der KZ-Haft, des Überlebens im Versteck bzw. in der Emigration, des weiteren mit der speziellen Verfolgungsproblematik in einer brandenburgischen Kleinstadt und der besonderen Situation verfolgter Kinder und der nach den NS-Rassegesetzen als „jüdische Mischlinge“ Geltenden. Um auch geschlechtsspezifische und politisch bedingte Erinnerungs- und Erzählweisen transparent zu machen, wurden jeweils gleichgewichtig die Berichte von Männern und Frauen sowie von Überlebenden, die nach 1945 im Osten bzw. Westen Deutschlands lebten, ausgewählt. Im anschließenden Kapitel dieses Buches finden sich zunächst die Kurzbiographien der Interviewpartner sowie Hinweise zur Bildungsarbeit unter Berücksichtigung der bereits genannten Themenbereiche. Da bestimmte Themen in mehreren Bändern angesprochen werden (so z. B. die Reichspogromnacht 1938, das Gespräch über die Shoah mit der nachfolgenden Generation usw.), können die Unterrichtshinweise auch als Anregung für die Diskussion jeweils verschiedener Bänder genutzt werden.

    Im Anhang des vorliegenden pädagogischen Begleitbandes befinden sich die Transkripte der einzelnen Bänder als weitere Erleichterung bei der Themenauswahl, die auch als Grundlage für die tiefergehende Bearbeitung der Interviews im Unterricht dienen können. Die Transkripte geben so genau wie möglich den auf den Bändern gesprochenen Text wieder, d.h. aufgrund der spontanen Erzählsituation entstehen hier anders als in der Schriftsprache, unter anderem Wort- und Satzabbrüche, die für die Transkription nicht geglättet wurden. Die Transkripte sind aus Platzgründen in sehr kleiner Schrift gesetzt; zur weiteren Verwendung wird ihre Vergrößerung beim Kopieren empfohlen. Des weiteren enthält der Anhang ein themenrelevantes Glossar und eine entsprechende Bibliographie.

    Empfohlene Fächer


    Geschichte, Politische Bildung, Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde (LER)

    Adressaten


    Sekundarstufe I (10. Klasse), Sekundarstufe Il, Jugend- und Erwachsenenbildung, Hochschulbildung

    Lernziele


    Die Videobänder dienen als unverzichtbare Ergänzung zur Vermittlung von Faktenwissen über die Zeit des Nationalsozialismus und die Ermordung der europäischen Juden. Anhand der jeweiligen Überlebensberichte sollen die Rezipienten ein Verständnis für die Totalität der Shoah sowie ein kritisches Bewußtsein gegenüber der eigenen nationalen Vergangenheit entwickeln. Dies ist besonders wichtig, um gegenwärtigen rechtsradikalen bzw. antisemitischen und rassistischen Tendenzen entgegenzuwirken. Des weiteren stellt die Video-Edition die oftmalige Reduzierung von Juden auf das Opfersein in Frage und rückt die fortgeführte Existenz dieser Gruppe in Deutschland nach 1945 in den Blick. Den lebensgeschichtlichen Bogen spannend, berichten die Interviewpartner von ihren aktiven Versuchen, der Verfolgung zu entkommen bzw. Widerstand zu leisten, aber auch von ihren ermordeten Familienangehörigen und Freunden.

    Das Bild der Shoah ist weithin geprägt durch Bilder aus der NS-Zeit, die oftmals von den Tätern selbst gemacht wurden und den menschenverachtenden Blick auf die Opfer reproduzieren. Die videographierten Erzählungen der Überlebenden, die allerdings die Ausnahme bilden in der Masse der Vielen, die nicht überleben konnten, korrigieren diese Perspektive; sie erinnern daran, daß auch hinter den anonymen Toten auf den Photographien der Massengräber Gesichter und Namen stehen. Der Schmerz um individuelle Menschen ermöglicht auch für die Nachgeborenen im Land der einstigen Verfolger, in dem die Shoah lange Zeit nicht tiefgehend thematisiert wurde, einen emotionalen Zugang zur eigenen Geschichte und damit ein Aufbrechen der oftmals distanzierenden Umgangsformen mit der Shoah in Deutschland. Anhand der edierten Videos lassen sich auch allgemeingültige Aussagen über den schwierigen Umgang mit der Shoah in den beiden deutschen Staaten, aber auch innerhalb der Familien der Verfolgten selbst erarbeiten. Des weiteren bietet sich die Video-Edition für eine Thematisierung des fortbestehenden jüdischen Lebens und seines historischen Stellenwertes in der früheren Bundesrepublik und DDR an.

    Didaktisch-methodische Hinweise


    In der schulischen Bildungsarbeit können die Videos des „Archivs der Erinnerung“ am Ende der Sekundarstufe I (Klasse 10) in den Fächern Geschichte, Politische Bildung und LER eingesetzt werden, in der Sekundarstufe Il in den Fächern Geschichte und Politische Bildung. Denkbar ist auch ein Einsatz im Rahmen von fachübergreifenden Projekttagen oder in Vorbereitung eines Austauschs mit einer israelischen Schule oder eines Gedenkstättenbesuchs. Aufgrund der besonderen Anforderungen, die videographierte Interviews an die Rezipienten stellen eignen sich die einzelnen Videos des „Archivs der Erinnerung“ in der Regel - nicht als einführende Filme in eine Unterrichtseinheit.

    In den Vorläufigen Rahmenplänen des Ministeriums für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg lassen sich folgende Bezüge aufnehmen: Mit Blick auf den versuchten Völkermord an den europäischen Juden werden im Rahmenplan Geschichte für die Sekundarstufe I (Klassen 9/10) Unterrichtseinheiten zu den Themen „Nationalsozialistische Gewaltherrschaft“ , „Holocaust“ und „Der letzte Weltkrieg“ angeregt. In der Sekundarstufe II werden mit Bezug auf das Rahmenthema 3 die Kursthemen „Das deutsche Judentum von der Aufklärung bis zu seiner Vernichtung“ und „Weimarer Republik und Nationalsozialismus“ empfohlen. Für Politische Bildung eröffnet der Rahmenplan der Sekundarstufe I (Klassen 9/10) im Lernfeld „Demokratie“ unter dem Beispiel „Diktatur und Demokratie“ Ansatzpunkte zur Thematisierung der Shoah. In der Sekundarstufe II wäre im Fach Politische Bildung ein Einsatz des „Archivs der Erinnerung“ im Rahmen von Projektunterricht denkbar. Im Fach Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde (LER) kann die Video-Edition in der 10. Klasse u. a. in den Lernfeldern „Menschen in Gemeinschaft - Wahrnehmen und Gestalten von Beziehungen“ sowie „Gefährdungen und Belastungen menschlichen Lebens“ eingesetzt werden.

    Um gleichermaßen die besondere Eigenart der Video-Edition „Archiv der Erinnerung“ thematisieren zu können, empfiehlt es sich, bei der rahmenplanbezogenen Erarbeitung der grundlegenden historischen Zusammenhänge und Ereignisse der Shoah gezielt auch andere audiovisuelle Medien einzusetzen. Aus mediendidaktischer Perspektive wäre es wichtig, bei der Auswahl der Kontextmedien neben Filmen bzw. Sequenzen mit historischem Bildmaterial auch (Kurz-)Spielfilme und aktuelle dokumentarische Auseinandersetzungen mit dem Thema ‚Shoah‘ zu verwenden (vgl. S. 169).

    Die Interviews mit Überlebenden ermöglichen den Rezipienten einen persönlichen und empathischen Zugang zur Geschichte der Shoah. Die Schaffung eines entsprechenden Unterrichtsrahmens durch die Lehrenden, der auch emotionale Reaktionen auf seiten der Rezipienten ermöglicht und berücksichtigt, kann diesen Prozeß noch unterstützen. Diese Form der Vor-und Nachbereitung des Themas bietet auch die Chance einer anderen Unterrichtsqualität, die über die Faktenvermittlung hinausgeht. Die Video-Edition kann sowohl in ihrer Gesamtheit als auch in Form einzelner Bänder eingesetzt werden. Möglich ist zudem die exemplarische oder auch bandübergreifende Betrachtung jeweiliger Video-Ausschnitte zu Themen wie der Kindheit vor dem Nationalsozialismus, der Verfolgung selbst oder dem Weiterleben nach Kriegsende. Insbesondere das schwierige Gespräch der einstmals Verfolgten mit ihren Kindern bietet sich als Vergleichsmöglichkeit zu den eigenen Erfahrungen der Rezipienten mit ihren Eltern und Großeltern an. Grundsätzlich sollten die Lernenden nicht schlichtweg zur Identifikation mit den verfolgten Juden angeregt werden, sondern zum kritischen Hinterfragen der eigenen Lokal- bzw. Familiengeschichte während des Nationalsozialismus. Die breite Konzeption der Video-Edition läßt diese als geeignet für die Arbeit in mehreren Gruppen erscheinen. So können einerseits einzelne Themen eines bestimmten Bandes in Form von Gruppenarbeit tiefergehend aufbereitet werden, während durch Gruppen andererseits auch mehrere Videos gleichzeitig für die Lernsituation aufbereitet werden können.

    Aufgrund der über 30-minütigen Länge der einzelnen Bänder sollte für die Video-Edition mindestens eine Doppelstunde eingeplant werden, damit genügend Zeit zur Vorführung und Diskussion bleibt. Wo es der Unterrichtsplan zuläßt, ist allerdings eine Behandlung der Video-Edition während mehrerer Stunden günstiger. Ebenso wird angeregt, dies auch für die außerschulische Bildungsarbeit zu beachten.