Das Interview- und Forschungsprojekt „Archiv der Erinnerung. Interviews mit Überlebenden der Shoah“ wurde von 1995-97 als internationale Kooperation zwischen dem Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien (Universität Potsdam) und dem Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies (Yale University) durchgeführt und von der Volkswagen-Stiftung großzügig gefördert. Das 1992 gegründete Moses Mendelssohn Zentrum ist ein interdisziplinär arbeitendes An-Institut der Universität Potsdam und am dortigen Studiengang Jüdische Studien beteiligt, während sich das Fortunoff Video Archive seit seiner Gründung im Jahr 1982 zunächst regional, dann jedoch zunehmend international der Sammlung videographierter Lebenszeugnisse von Überlebenden der Shoah* widmet. Der von beiden Institutionen u. a. auch regionalgeschichtlich gesetzte Arbeitsschwerpunkt sowie die interdisziplinäre Herangehensweise, die der Umgang mit Lebensberichten zur Shoah fordert, machten eine Zusammenarbeit beider Einrichtungen notwendig und fruchtbar. Geleitet wurde das Projekt von den Direktoren beider Einrichtungen, Prof. Dr. Julius H. Schoeps und Prof. Dr. Geoffrey H. Hartman.
Hauptsächlich in den Jahren 1995 und 1996 wurden im Rahmen des „Archivs der Erinnerung“ fast 80 heute zumeist in der Region Berlin-Brandenburg lebende jüdische Zeitzeugen vor der Kamera interviewt. Die Gespräche wurden von einer interdisziplinären Interviewergruppe vor allem aus dem universitären Bereich, u.a. der Geschichts- und Literaturforschung sowie der Jüdischen Studien und dem Bereich der therapeutischen Arbeit geführt. Mit Ausnahme der zwei am „Archiv der Erinnerung“ angestellten Projektkoordinatorinnen Eva Lezzi und Dr. Cathy Gelbin arbeiteten alle Interviewerinnen und Interviewer ehrenamtlich. Über Anzeigen in jüdischen Zeitschriften und durch die persönliche Vermittlung der Interviewer sowie bereits interviewter Überlebender meldeten sich jeweils weitere, an der Teilnahme am Projekt interessierte Zeitzeugen. Das Projekt versuchte, das gesamte Spektrum der Verfolgung zu dokumentieren, d. h. es wurden sowohl Berichte von KZ-Überlebenden aufgezeichnet als auch Zeugnisse derer, die im Versteck oder durch eine Emigration ihrer geplanten Ermordung entkamen. Ein besonderes, bislang häufig unbeachtetes Kapitel der NS-Zeit bildet die Verfolgung derjenigen, die aus Familien mit einem jüdischen und einem nichtjüdischen Elternteil kamen und nach den Nürnberger Gesetzen als „Mischlinge galten. Als einem der ersten Verfolgtenprojekte gelang es dem „Archiv der Erinnerung“, auch diese, gegenüber den als „Juden“ Definierten als „privilegiert“ geltende Gruppe explizit in die Dokumentation mit einzubeziehen. Die Aufnahmen belegen auch die vielfachen Überschneidungen zwischen den verschiedenen Verfolgungsschicksalen. Obwohl beispielsweise einigen Zeitzeugen die Emigration gelang, holten die Verfolger sie später u. a. im NS-besetzten Frankreich oder unter dem rumänischen Kollaborationsregime wieder ein und verschleppten sie aus dem Emigrationsland in die Vernichtungslager.
Die aus der Verfolgung resultierenden biographischen Brüche lassen sich vor allem aus dem lebensgeschichtlichen Charakter der geführten Interviews erkennen. Die Zeitzeugen wurden nicht nur nach der Periode der Verfolgung befragt, sondern sie berichteten je nach Alter auch über ihre davor liegende Kindheit und Jugend sowie über das Leben nach der Befreiung. Für ihre Lebenserzählung benötigten sie zumeist mehrere Stunden, nicht selten sogar mehrere Tage. Erst durch die so erfolgte Einbettung der Verfolgungserfahrung in den lebensgeschichtlichen Kontext wurde der Verlust des familiären, kulturell-religiösen und sozialen Umfeldes der Interviewpartner vollends deutlich. Oftmals waren sie die einzigen ihrer Familie bzw. unter den wenigen der jüdischen Gemeinschaft ihres Herkunftsortes, die die Verfolgung überlebten. Aufgrund dessen sowie infolge ihrer eigenen, emotional und körperlich zerstörerischen Verfolgungserfahrung empfanden viele Interviewpartner das Kriegsende nicht als echte Befreiung, da sich die Folgen der Vergangenheit bis in die Gegenwart hin bemerkbar machen. Die videographierten Interviews des „Archivs der Erinnerung“ lassen demnach nicht nur Schlüsse über die Geschichte der Verfolgung, sondern auch auf die historische Situation der Juden vor 1933 und nach 1945 zu. Die videographierten Interviews bieten sich aufgrund ihres Gegenwartsbezuges sowie ihrer sprachlichen und inhaltlichen Strukturierung auch für eine Diskussion über Erinnerungskulturen und -strukturen in der früheren DDR und Bundesrepublik an.
Von Anfang an war auch die pädagogische Verwendung der Interviews in Schule, Erwachsenenbildung und Universität ein integraler Teil der Konzeption des „Archivs der Erinnerung“. Zu diesem Zweck wurden sechs exemplarische Interviews auf eine jeweils halbstündige Länge ediert. Wir danken allen Interviewpartnern, die sich für das „Archiv der Erinnerung“, und insbesondere denjenigen, die ihr Interview stellvertretend für alle für die vorliegenden Unterrichtsmaterialien zur Verfügung gestellt haben. Für die Gesamtkonzeption der Video-Edition zeichnen Dr. Irene Diekmann (MMZ), Dr. Cathy Gelbin (MMZ), Dr. Michael Kaden (MPZ) und Eva Lezzi (MMZ) verantwortlich. Den Schnitt und die künstlerische Realisation der Edition besorgten dankenswerterweise Ulrike Hemberger und Rainer Hällfritzsch. Zeitgleich mit der Video-Edition für den pädagogischen Gebrauch erscheint ein wissenschaftlicher Auswertungsband zum „Archiv der Erinnerung“ , der auch Analysen einiger für die Unterrichtsmaterialien ausgewählter Interviews enthielt, des weiteren ein kommentierter Katalog mit biographischen Angaben zu den Interviewpartnern sowie einem Schlagwort- und Ortsregister.[1] Die vollständige und ungeschnittene Sammlung des „Archiv der Erinnerung“ kann jedoch auch von der breiten Öffentlichkeit in der Berliner Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz bzw. an der Yale University eingesehen und zur Aufarbeitung der Shoah, aber auch der jüdisch-deutschen Geschichte in der Region Berlin-Brandenburg allgemein dienen. Schließlich erhält das dialogische Element der videographierten Lebensberichte seinen eigentlichen Sinn erst, wenn es so viele Menschen wie möglich erreicht.