Interview | Kurzvita und Hinweise zur Bildungsarbeit

Interview mit Egon K.

  • Irene Diekmann

Kurzvita


Egon K. wurde am 15. Mai 1918 in Rathenow (Brandenburg) geboren. Er hatte zwei ältere Brüder, Herbert und Günter, die 1910 bzw. 1912 geboren worden waren. Der Vater, Alfred K., der im Jahre 1909 nach Rathenow gekommen war, betrieb bis 1935 ein Herrenartikelgeschäft, das er aber infolge der Auswirkungen des Boykotts von 1933 aufgeben mußte. Er arbeitete später als Wandergewerbetreibender. Die Mutter, Franziska K., eine gelernte Hutmacherin, half im Geschäft des Vaters, später war sie Hausfrau. Egon K. wuchs in einem sehr religiösen Elternhaus auf, denn die Mutter kam aus einer orthodoxen Familie. Die K.s lebten als einzige jüdische Familie in Rathenow koscher.

Egon K. besuchte die Volksschule, später das Gymnasium, das er jedoch aus Leistungsgründen verließ. 1934 beendete er die Schulausbildung mit der Mittleren Reife.

Rathenow war eine typische brandenburgische Kleinstadt, Zentrum für die umliegenden Dörfer und berühmt vor allem durch die optische Industrie, die sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts hier entwickelt hatte. So begann Egon K. eine Ausbildung als Optiker bei der Firma Witzel & Co, die er 1937 mit der Gesellenprüfung beenden wollte. Doch wurde er als Jude zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zur Prüfung zugelassen. Um nicht nur als Lehrling beschäftigt zu sein, verließ er die Firma. Es war für ihn schwer, eine Anstellung zu bekommen, denn es war den Unternehmen freigestellt, Juden zu beschäftigen oder nicht. So fand er immer nur kurze Zeit Arbeit. Schließlich erhielt er im Januar 1938 eine Zuweisung als Hilfsarbeiter am Bau. Nach dem Erleben des Pogroms in seiner Heimatstadt, der Verhaftung und Mißhandlung des Vaters im örtlichen Polizeigefängnis, den eigenen Versuchen, sich durch „Untertauchen“ in Berlin der Verhaftung zu entziehen, beschloß Egon K., Deutschland zu verlassen.

Im Januar 1939 starb der älteste Bruder Herbert an Leukämie. Der mittlere Bruder Günter war bereits Mitte März 1939 nach Palästina ausgewandert. Am 29. März 1939 verließ Egon K. seine Geburtsstadt in Richtung Schanghai. Für ihn, der weder Verwandte in anderen Ländern hatte, noch über entsprechende finanzielle Mittel verfügte, um ein Visum zu bekommen, blieb nur das international verwaltete Schanghai als Ausweg, da für diese Stadt kein Visum erforderlich war. Egon K. sah seine Eltern, die ihn noch zum Bahnhof nach Berlin gebracht hatten, nicht wieder. Sie wurden 1942 nach Warschau deportiert, wo der Vater starb. Das Schicksal der Mutter ist bis heute unbekannt.

Von 1939 bis 1948 lebte Egon K. in Schanghai. Die Emigranten waren bis Ende 1942 in Camps, die anfänglich von einer amerikanischen Hilfsorganisation unterstützt wurden, untergebracht. Ab Februar 1943 errichteten die Japaner jedoch unter nationalsozialistischem Druck ein Ghetto, das sie als „Sperrgebiet" bezeichneten und bewachten. Egon K. arbeitete dort aktiv in einer zionistischen Jugendgruppe mit. Eine lebensgefährliche Bauchtyphuserkrankung überlebte er wie durch ein Wunder.

1948 verließ er Schanghai in Richtung USA. Auf der Überfahrt lernte er bei einem Zwischenstop auf den Philippinen seine spätere Frau Fanny kennen, die mit ihrer Mutter dorthin aus Prag emigriert war. In den USA lebte Egon K. in Seattle und arbeitete dort als Krankenpfleger in einem Tuberkulosehospital. In dieser Zeit verlobte er sich telefonisch mit Fanny, die sich immer noch mit ihrer Mutter auf den Philippinen befand. Alle Versuche, sie in die USA kommen zu lassen, scheiterten, d.h. an der finanziellen Bürgschaft, die als Sicherheit hätte geleistet werden müssen. Inzwischen war am 14. Mai 1948 der Staat Israel proklamiert worden. Egon K. und seine Verlobte beschlossen, nach Israel auszuwandern. Sie traf in der neuen Heimat im August, er im November 1949 ein. Im Januar 1950 heirateten sie. Im November des gleichen Jahres wurde der Sohn, 1953 die Tochter geboren. Egon K. arbeitete in Israel zuerst in einem Krankenhaus, dann von 1951 bis 1958 als Reinigungskraft in einer Fabrik. Durch seine Arbeit mußte er die fünfköpfige Familie ernähren. Die schwerkranke Schwiegermutter, die das Klima in Israel nicht vertrug, lebte mit im Haushalt. Die Familie dachte an Auswanderung in die USA, was aber wieder an der fehlenden Möglichkeit, eine Bürgschaft zu bekommen, scheiterte. Aufgrund des Wiedergutmachungsabkommens zwischen Israel und der Bundesrepublik Deutschland beantragte Egon K. eine Entschädigung. Er erhielt 1958 5.000 DM, die er für den Kauf von Schiffskarten für die Familie verwendete, die im August des gleichen Jahres in Essen eintraf. Egon K. arbeitete zuerst als Hilfsarbeiter bei Krupp und ab 1961 bis zu seiner Pensionierung 1979 bei der Stadtverwaltung Essen. 1960 wurde das dritte Kind geboren.

1986 starb sein Bruder Günter, den er in Israel wiedergetroffen hatte. Beide hatten sich öfter besucht. Im gleichen Jahr starb auch Fanny K. Seitdem lebt Egon K. allein in Essen. 1988 besuchte er seit seiner Auswanderung das erste Mal wieder Rathenow. Seitdem kommt er öfter in seine Geburtsstadt, um vor allem Vorträge zu halten und mit Schulklassen über die Geschichte der Juden in Rathenow zu sprechen. Seiner Initiative ist es zu danken, daß im August 1997 auf dem jüdischen Friedhof der Stadt ein Gedenkstein für die ermordeten Juden in Rathenow enthüllt wurde.

Hinweise für die Bildungsarbeit


Nutzungshinweise

Das Video ist unter dem Themenschwerpunkt „Jüdisches Leben in Brandenburg" bearbeitet worden. Im Mittelpunkt stehen die Erinnerungen Egon K.s an seine Kindheit in Rathenow, wie er u.a. den 1. April—Boykott 1933, den „Rassekunde“-Unterricht in der Schule, die Reichspogromnacht 1938 erlebte und wodurch seine religiöse Haltung geprägt wurde.

Das Video bietet sich deshalb für die Behandlung folgender Themen an:

Soziales Leben der Juden in einer brandenburgischen Kleinstadt,

Religiöses Leben in einer brandenburgischen

Kleinstadt und Bedeutung der Religion für die

hier lebenden Mitglieder der jüdischen Gemeinde,

Die Ereignisse während des Reichspogroms im November 1938.

Vorarbeiten und konkreter Einsatz des Videos in der Bildungsarbeit

1. Thema: Soziales Leben der Juden in einer brandenburgischen Kleinstadt vor und nach der Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur

Ziel ist es, die Besonderheiten für das Leben von Juden in einer Kleinstadt aufzuzeigen. Dabei ist vor allem die Sozial- und Berufsstruktur der Juden in den 20er und 30er Jahren zu untersuchen und herauszuarbeiten, warum sie in bestimmten Berufszweigen besonders stark vertreten waren. Es soll ebenfalls thematisiert werden, inwieweit sich die meisten deutschen Juden, die seit Jahrhunderten hier lebten, akkulturiert hatten und worin das zum Ausdruck kam. In diesem Zusammenhang soll die jeweilige Ortsgeschichte der Juden mit herangezogen werden, sofern sie bereits aufgearbeitet ist, d. h. es soll gefragt werden, ab wann es Juden gab und wie sie an dem jeweiligen Ort gelebt haben. Die Schülerinnen und Schüler sollen herausarbeiten, wie die Juden in einer Kleinstadt, in der sie im Gegensatz zu einer Großstadt nicht anonym lebten, von der Umwelt wahrgenommen wurden. Hier ist wichtig, die Erzählungen Egon K.s zu nutzen, in denen die Veränderungen in den Haltungen den Juden gegenüber nach 1933 geschildert werden. Egon K. thematisiert die ersten antijüdischen Maßnahmen der Nationalsozialisten u.a. anhand seiner Erlebnisse am 1. April 1933 und während des „Rassekunde“-Unterrichts. Das erste Thema kann dahingehend erweitert werden, daß eine Aufgabenstellung zur Erforschung der jüdischen Geschichte des jeweiligen Ortes erfolgt bzw. die Schülerinnen und Schüler den Spuren jüdischen Lebens nachgehen, indem sie herausfinden, ob es z.B. eine Synagoge oder einen Friedhof gab.

Folgende Fragen können zur Erarbeitung des 1. Themas erörtert werden:

Seit wann gibt es Juden in Brandenburg bzw. speziell in Rathenow, warum sind sie dorthin gekommen und welche Berufe übten sie aus? Wodurch ist die Situation der Juden seit Beginn des 20. Jahrhunderts gekennzeichnet? Wie war ihre rechtliche Stellung in der Weimarer Republik?

Was heißt Akkulturation bzw. Assimilation der Juden, worin sind die Grenzen der Akkulturation bzw. Assimilation zu sehen?

Warum hat der Vater von Egon K. nicht auch Deutschland verlassen wollen bzw. hat bei der Zerstörung des jüdischen Friedhofes im Jahre 1941 weiterhin pflichtbewußt eine Meldung an die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland gemacht?

Der Beginn der nationalsozialistischen Diktatur bedeutet für das Leben der Juden eine grundlegende Veränderung ihrer Lebensbedingungen:

Was bedeutete der 1. April-Boykott für die Juden?

Welche Zielstellung verbarg sich seitens der Nationalsozialisten dahinter und welche Auswirkungen auf die Juden und konkret auf die Familie von Egon K. hatte der Boykott?

Rassepolitik der Nationalsozialisten:

Welches waren die Grundzüge der nationalsozialistischen Rassepolitik?

Was erlebt Egon K. während des Berufsschulunterrichtes, und wie empfindet er seine Situation?

Welche konkreten Auswirkungen hat die antijüdische Ausgrenzungspolitik auf das berufliche wie private Leben von Egon K.?

2. Thema: Religiosität

In diesem Teil geht es vor allem darum, sich mit den Grundbegriffen der jüdischen Religion auseinanderzusetzen und auch die besonderen Schwierigkeiten aufzuzeigen, die die Juden in der nichtjüdischen Umwelt bei der Ausübung ihres Glaubens hatten.

Besonders an der zweiten Sequenz des edierten Interviews können die Fragen der Toleranz gegenüber Andersgläubigen erörtert werden.

Worin besteht die Besonderheit der jüdischen Religion?

Was heißt es, koscher zu essen, welche Bedeutung hat das gemeinsame Beten in der Synagoge, welche Bedeutung hat der Friedhof für die Juden? Was ist unter Bar Mitzwah zu verstehen?

Was heiß es für die Juden, in einer nichtiüdischen Umwelt ihre Religion auszuüben?

Welche Rolle spielte für Egon K die Religion? Wie sieht Egon K. die Frage der Toleranz gegenüber Andersgläubigen, und welche Position hat er zu der Frage der Thematisierung der Rolle der Kirche für die Shoah?

3. Thema: Die Reichspogromnacht*

Im Jahre 1938 kulminierten die antijüdischen Maßnahmen. Mit einer großen Anzahl von Gesetzen wurden ab dem Frühjahr 1938 die wirtschaftlichen Existenzmöglichkeiten immer weiter eingeschränkt. Der Pogrom vom 9. November machte vielen Juden, die bis dahin noch in Deutschland lebten, bewußt, daß sie hier keine Zukunft mehr hatten. Viele von ihnen, wie auch Egon K., wollten auswandern. Allerdings war auch das mit großen Problemen verbunden, und das Leben in der Emigration war voller Schwierigkeiten. Für diejenigen, die in Deutschland blieben, wurden die Lebensbedingungen immer schlimmer - so auch für die Eltern von Egon K.

Wie waren die konkreten Lebensbedingungen für die Juden im Oktober 1938. Welche gesetzlichen Beschränkungen wirkten bereits? Wie wirkte sich dies konkret auf die Familie von Egon K. und ihn selbst aus?

Was passierte am 9. November 1938 in Rathenow, und wie verhielt sich die Bevölkerung Rathenows dazu?

Warum wurde der Vater verhaftet?

Welche Möglichkeiten für eine Emigration hatte Egon K.? Wohin hätte er auswandern können? Welche Probleme gab es, wenn man 1938 bzw. 1939 aus Deutschland auswandern wollte?

Was passierte weiter mit den Eltern? Wie gestaltete sich ihr Leben in Rathenow?

Auswahl-Bibliographie


Irene Diekmann, Julius H. Schoeps (Hrsg.), Wegweiser durch das jüdische Brandenburg, Berlin 1995.
Irene Diekmann, Michael Kaden, Julius H. Schoeps, Jüdisches Leben in Brandenburg. Dia-Reihe und Begleitheft, hrsg. vom Medienpädagogischen Zentrum des Landes Brandenburg und dem Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam, Potsdam 1996.
Irene Diekmann, Der Beitrag von mündlichen Quellen für die Aufarbeitung von Lokalgeschichte. Dargestellt am Beispiel des Interviews mit Egon K. aus Rathenow, in: Cathy Gelbin/Eva Lezzi/Geoffrey H. Hartmann/Julius H. Schoeps (Hrsg.), Archiv der Erinnerung: Interviews mit Überlebenden der Shoah, Bd. I: Videographierte Lebensgeschichten und ihre Interpretationen, Potsdam 1998, S. 329ff.
Dietrich Eichholz (Hrsg.), Brandenburg in der NS-Zeit. Studien und Dokumente, Berlin 1993.
Geschichte der Juden in der Neuzeit, hrsg. im Auftrag des Leo Baeck Instituts von Michael A. Meyer, Bd. 3, München 1997.
Alfred J. Kolatsch, Jüdische Welt verstehen. Sechshundert Fragen und Antworten, Wiesbaden 21997.
Günter Sternberger, Jüdische Religion, München 1995.
Phillip Sigal, Judentum, Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz 1986.
Alfred Paffenholz. Was macht der Rabbi den ganzen Tag? Das Judentum, Düsseldorf 1995.
Peter Ortag, Jüdische Geschichte und Kultur. Ein Überblick, Potsdam 1995 (= Schriften der Landeszentrale für politische Bildung des Landes Brandenburg).
Wolf-Arno Kropat, „Reichskristallnacht“. Der Judenpogrom vom 7. bis 10. November 1938 Urheber, Täter, Hintergründe, Wiesbaden 1997.
Walter Pehle (Hrsg.), Der Judenpogrom 1938. Von der Reichkristallnacht" zum Völkermord, Frankfurt/M. 1988.
Hermann Gramel, Reichskristallnacht, Antisemitismus und Judenverfolgung im Dritten Reich, München 1988.

Zur Autorin

Dt. Historikerin; seit 1991: wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Neuere Geschichte II an der Univ. Potsdam; seit 2006: stellvertretende Direktorin des Moses Mendelssohn Zentrums für Europäisch-Jüdische Studien

Zitationsempfehlung und Lizenzhinweis

Irene Diekmann, Interview mit Egon K., in: Archiv der Erinnerung, 20.09.1998. <https://ade.juedische-geschichte-online.net/beitrag/ade:article-3> [20.09.2026].