Interview | Kurzvita und Hinweise zur Bildungsarbeit

Interview mit Hertha B.

Quellenbeschreibung

Dieses Interview mit Hertha B. wurde am 22. Mai 1996 im Rahmen des Projekts „Archiv der Erinnerung“ von Irene Diekmann und Matthias Cohn geführt.

Herta B. berichtet über die starke deutsche Identität ihrer Eltern, den Dienst ihres Vaters im Ersten Weltkrieg, ihr Studium bei Regina Jonas, einer Rabbinerin, ihren Schulverweis 1936 aufgrund antijüdischer Gesetze, ihren Besuch eines jüdischen Seminars zur Ausbildung zur Kindergärtnerin, ihre Anstellung in einem Kinderlager in der Nähe von Schmiedeberg (heute Kowary, Polen) und Hirschberg (heute Jelenia Góra, Polen), die Einheimischen, die in der Reichspogromnacht alle Fenster zerbrachen; die Rückkehr mit den Kindern nach Berlin; die Vorbereitung auf die Auswanderung nach Palästina mit einer Gruppe in Havelberg; die Begegnung mit ihrem Mann; die Heirat; die strapaziöse Schiffsreise zur illegalen Auswanderung nach Palästina im Oktober 1939; die Ankunft im Januar 1940 nach der Aufbringung durch die Briten; eine sechsmonatige Inhaftierung in Atlit; Leben in einem Kibbuz; Niederlassung in der Nähe von Haifa; Erhalt eines Briefes von ihren Eltern im Oktober 1940 (sie hörte nie wieder etwas von ihnen); Geburt ihres Sohnes; Militärdienst ihres Mannes in den Kriegen von 1948 und 1956; Rückkehr nach Berlin im Jahr 1957. Frau B. spricht darüber, dass sie sich in Berlin zu Hause fühlt; sich als Jüdin identifiziert; erfährt, dass ihre Eltern nach Theresienstadt deportiert wurden; und dass alle ihre Verwandten bis auf einen während des Holocaust ums Leben kamen.

Der hier gezeigte rund 40-minütige Auszug des Interviews wurde für die pädagogische Verwendung in Schule, Erwachsenenbildung und Universität ediert.

  • Irene Diekmann

Kurzvita


Hertha B. wurde am 11. Oktober 1920 in Berlin-Prenzlauer Berg geboren. Sie war die einzige Tochter des Ehepaares Agnes und Arthur Ciefer. Die Mutter war Hausfrau, der Vater Angestellter beim Finanzamt. Hertha B. besuchte ein Lyzeum, um das Abitur abzulegen und dann Kinderärztin zu werden. Doch sie konnte den Abschluß auf dieser Schule nicht mehr machen, da es Juden ab 1936 verboten war, nichtjüdische Schulen zu besuchen. Da sie aber nicht auf eine jüdische Schule wechseln wollte, begann sie 1936 eine Ausbildung im Erzieherinnenseminar der Jüdischen Gemeinde Berlin zur Kindergärtnerin.

In dieser Zeit hatte Hertha B. Kontakt zu einer zionistischen* Gruppe. Die jungen Leute trafen sich regelmäßig, um einen Teil ihrer Freizeit miteinander zu verbringen. Ihre Ausbildung beendete Hertha B. mit einer Abschlußprüfung, zum Staatsexamen wurde sie als Jüdin nicht mehr zugelassen. Anschließend arbeitete sie ab dem Frühjahr 1938 in einem jüdischen Kinderheim in Hohenwiese bei Schmiedeberg im Riesengebirge. Dort erlebte die junge Erzieherin die Pogromnacht im November 1938. Die Scheiben des Kinderheimes wurden eingeschlagen, die Leiterin des Heimes verhaftet. Es gelang Hertha B., mit einer Gruppe von 30 Kindern nach Berlin zurückzufahren. Ihr Entschluß stand fest, sie wollte auch gegen den Willen ihrer Eltern Deutschland verlassen.

Hertha B. nahm Kontakt zu Freunden auf, die ebenfalls auswandern wollten. Für eine Auswanderung nach PaläStina war die Ausbildung in einem landwirtschaftlichen Beruf nötig. Zum Erlernen eines solchen Berufes gab es sogenannte Hachscharah-Lager*. Hertha B. erhielt ihre Ausbildung, die ein Jahr dauern sollte, ab Januar 1939 in Havelberg/Brandenburg. Dort lernte sie auch ihren Ehemann Heinrich B. kennen.

Trotz Kriegsausbruch am 1. September 1939 konnte das Ehepaar B. am 13. Oktober 1939 Berlin in Richtung Palästina verlassen. Denn der deutsche Staat erlaubte Juden immer noch die Auswanderung nach Palästina, während die Briten an ihren Quotenregelungen festhielten und die Einreise von „feindlichen Ausländern" verboten. Zuerst fuhren sie nach Wien, von dort aus auf der Donau bis zum Schwarzmeerhafen Constanza/Rumänien, wo sie Ende Dezember umgeschifft wurden. Sie setzten ihre Fahrt mit einem alten Mehldampfer, der 1880 in Glasgow gebaut worden war, fort. Der Verlauf der vier Wochen dauernden Überfahrt war gefährlich und es war nicht sicher, ob die Emigranten Palästina jemals sicher erreichen würden. Heinrich B. erkrankte und mußte in Baltschik/Bulgarien an Land, um ärztlich versorgt zu werden, konnte dann aber die Fahrt fortsetzen. Nach dem Passieren der Dardanellen wurde das Schiff, dessen dubiose Besatzung sofort von Bord ging, von den Engländern gestoppt. Das sollte sich als Rettung für die Flüchtlinge darstellen, denn kurze Zeit später mußte das Schiff wegen eines Sturmes vor Anker gehen, was aufgrund des maroden Zustands des Schiffs nur mit Hilfe der Engländer möglich gewesen war.

Am 27. Januar 1940 erreichten sie Haifa und wurden interniert, da sie aus einem feindlichen Land kamen. Nach der Überprüfung durch die Engländer gingen

Hertha B. und ihr Mann in einen Kibbuz der russischen Allijah* in der Nähe von Jerusalem. Da dort jedoch nur zwei Familien waren, die Deutsch sprachen, entschied sich das Ehepaar B. zur Arbeit in einem anderen Kibbuz, in Mazuba, in der Nähe der libanesischen Grenze. Heinrich B. bekam hier eine schwere Infektion, so daß sie den Ort verlassen mußten. Schließlich siedelten sich Hertha und Heinrich B. in Kiriat Bialik einem großen englischen Camp bei Haifa – an. Hier bleiben sie 17 Jahre bis zum November 1957. Da Hertha und Heinrich B. bei ihrer Ausreise keine Papiere dabei haben durften, aus denen hervorgegangen wäre, daß sie schon 1939 in Berlin geheiratet hatten, heirateten sie in Jerusalem noch einmal. 1949 wurde ihr einziger Sohn geboren.

Im Oktober 1940 erhielt Hertha B. einen Brief ihrer EItern mit der Mitteilung, daß sie „verreisen“ müßten. Später forschte sie nach und erfuhr, daß die Eltern 1942 nach Theresienstadt deportiert worden waren. Sie überlebten das Lager nicht. Heinrich B., der aktiv am Unabhängigkeitskrieg des jungen Staates Israel teilgenommen hatte, erkrankte wieder schwer an Amöbenruhr.

Daher rieten die Ärzte der Familie, Israel zu verlassen. So kehrten sie im Grunde unfreiwillig im November 1957 nach (West-)Berlin zurück. Hertha B. fand Arbeit im Kindergarten der Jüdischen Gemeinde in (West-)Berlin. Sie legte ihr Staatsexamen ab und arbeitete bis zu ihrer Pensionierung weiter in ihrem Beruf. Ihr Sohn wurde Kinderarzt. Hertha B. lebt nach wie vor in Berlin. Der Sohn hat eine Praxis in Stuttgart.

Hinweise für die Bildungsarbeit


Nutzungshinweise

Das Interview wurde thematisch unter dem Schwerpunkt „Emigration“ für die Bildungsarbeit aufbereitet. Dabei wird gezeigt, wie sich Hertha B. durch die Erlebnisse am 9. November 1938 entschloß auszuwandern und als Vorbereitung dazu ein Hachscharah-Lager absolvierte. Anhand der Schilderungen über die Ausreise sollen die komplizierten Umstände und die Gefahren nachvollzogen werden können, in denen sich die Emigranten befanden. Schließlich wird dem Leben in Palästina breiter Raum gewidmet, weil Hertha B. und ihre Familie hier sehr lange gelebt hatten. In diesem Zusammenhang wird auch die Frage von amtlichen Dokumenten (Schulzeugnisse, Ausweise, Geburts- und Heiratsurkunde) sowohl in Palästina/Israel als auch in Deutschland thematisiert.

Das Video bietet sich deshalb für die Behandlung folgender Themen an:

Hachscharah-Lager,
Emigration,
Palästina/Israel.

Vorarbeiten und konkreter Einsatz des Videos in der Bildungsarbeit

Thema: Hachscharah

Die Erlebnisse des 9. November 1938 hatten auf Hertha B. einen solchen Eindruck gemacht, daß sie nicht mehr in Deutschland leben wollte. Sie beschloß deshalb, nach Palästina auszuwandern. Bedingung für die Einwanderung in das unter britischem Mandat stehende Land war der Nachweis, eine landwirtschaftliche Ausbildung absolviert zu haben. Deshalb ging Hertha B. in ein Hachscharah-Lager nach Havelberg/Brandenburg.

Folgende Fragen können erörtert werden:

Was ist unter dem Begriff Hachscharah zu verstehen?

Was haben die jungen Menschen dort gelernt, wie verlief die Ausbildung konkret?

Wie gestaltete sich der Tagesablauf im Lager? Wie bereiteten sich die jungen Menschen auf die Ausreise vor?

Wer hat diese Lager gegründet und von wem wurden sie gefördert?

Wie standen die Nationalsozialisten zu diesen Lagern? Klären Sie in diesem Zusammenhang, was man unter dem Palästina-Abkommen („Haavarah“*) versteht.

Thema: Emigration

Hier geht es konkret darum nachzuvollziehen, was es hieß, Deutschland zu verlassen. Sehr detailliert wird geschildert, wie die Ausreise verlief und mit welchen Schwierigkeiten und auch Gefahren sie verbunden war.

Folgende Fragen können erörtert werden.

In welche Länder konnten die Juden aus Deutschland emigrieren? Was waren die Voraussetzungen dafür sowohl von deutscher Seite als auch von der Seite des Landes, in das man emigrieren wollte?

Verfolgen Sie anhand der Karte den Weg, den das Schiff, mit dem Hertha B. fuhr, nahm und versuchen Sie nachzuvollziehen, was eine Auswanderung unter den von Hertha B. geschilderten Umständen bedeutete.

Versuchen Sie nachzuvollziehen, wie die Situation auf einem Schiff mit so vielen Menschen ist, was es heißt, sich nicht waschen zu können, keine Möglichkeit zu haben, sich einmal zurückzuziehen, jeden Tag dasselbe Essen zu bekommen und nicht genau zu wissen, wann und ob man überhaupt ankommt.

Thema: Palästina/Israel

Anhand dieses Themas bietet sich die Erörterung über die Probleme an, mit denen die Emigranten zu kämpfen hatten. Es sollte anhand des Lebens von Hertha und Heinrich B. gezeigt werden, wie schwer es war, in diesem neuen Land Fuß zu fassen, das aus den verschiedensten Gründen für sie ein fremdes Land war, und dessen Sprache sie erst lernen mußten, um sich endgültig zurechtzufinden. Gleichzeitig aber wird auch deutlich, wie Israel dann zur Heimat wird und es der Familie nicht leicht fällt, wieder nach Deutschland zurückzukehren. Durch die Erzählungen über die Geschichte der Papiere wird deutlich, welchen Stellenwert diese offiziellen Dokumente gerade auch wieder in der Nachkriegszeit hatten.

Folgende Fragen können erörtert werden:

Wie ist die Situation in Palästina nach 1933? Warum hat Großbritannien Palästina als Mandatsgebiet erhalten und was bedeutet das für die Emigranten aus Deutschland?

Versuchen Sie nachzuvollziehen, wie es ist, wenn Sie in ein Land kommen, dessen Sprache Sie nicht verstehen und auf Grund der hebräischen Buchstaben auch nicht lesen können.

Was bedeutet das für das tägliche Leben?

Informieren Sie sich über die klimatischen Verhältnissen in Palästina/Israel und über den Stand der wirtschaftlichen Entwicklung in den 30er Jahren. Welche Städte gab es und wie war die Bevölkerung zusammengesetzt (Juden und Araber)?

Machen Sie sich mit der Lebensform des Kibbuz vertraut. Woher kommt diese Idee, was liegt ihr zugrunde, und wie läuft das Leben in einem Kibbuz ab?

1948 wurde der Staat Israel gegründet, kurz danach kam es zu Kriegen gegen den gerade gegründeten Staat. Informieren Sie sich über die Gründe und die Ergebnisse dieser Kriege. Was hat das für die Emigranten bedeutet, die ja gerade erst einer Bedrohung durch Krieg und Vernichtung entronnen sind?

Auswahl-Bibliographie


Irene Diekmann, Julius H. Schoeps (Hrsg.), Wegweiser durch das jüdische Brandenburg, Berlin 1995.
Irene Diekmann, Michael Kaden, Julius H. Schoeps, Jüdisches Leben in Brandenburg. Dia-Reihe und Begleitheft, hrsg. vom Medienpädagogischen Zentrum Land Brandenburg und dem Moses Mendelssohn Zentrum, Potsdam 1996.
Jizchak Schwersenz, „Die versteckte Gruppe“, Berlin 1988.
Ezra Ben Gerzhôm, „David-Aufzeichnungen eines Überlebenden“, Berlin 1998.
Peter Ortag, Jüdische Geschichte und Kultur. Ein Überblick, Potsdam 1995 (= Schriften der Landeszentrale für politische Bildung des Landes Brandenburg).
Geschichte der Juden in der Neuzeit, hrsg. im Auftrag des Leo Baeck Instituts von Michael A. Meyer, Bd 4, München 1997.
Wolfgang Benz (Hrsg.), Das Exil der kleinen Leute. Alltagserfahrungen deutscher Juden in der Emigration, München 1991.
Die jüdische Emigration aus Deutschland 1933-1941. Die Geschichte einer Austreibung. Ausstellungskatalog, Frankfurt/M. 1985.
Werner Feilchenfeld/Dolf Michaelis/Ludwig Pinner, Haavara-Transfer nach Palästina und Einwanderung deutscher Juden 1933-1939, Tübingen 1977.
Michael Comay, Der Zionismus. Entstehung, Fakten, Hintergründe, Neuhausen-Stuttgart 1985.
Michael Wolfssohn/Douglas Bokovoj, Israel: Grundwissen. Geschichte, Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Opladen 5 1996.
Heiner Lichtenstein/Otto R. Romberg (Hrsg.), Fünfzig Jahre Israel: Vision und Wirklichkeit, Bonn 1998 (= Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung Bd. 353).

Zur Autorin

Dt. Historikerin; seit 1991: wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Neuere Geschichte II an der Univ. Potsdam; seit 2006: stellvertretende Direktorin des Moses Mendelssohn Zentrums für Europäisch-Jüdische Studien

Zitationsempfehlung und Lizenzhinweis

Irene Diekmann, Interview mit Hertha B., in: Archiv der Erinnerung, 20.09.1998. <https://ade.juedische-geschichte-online.net/beitrag/ade:article-1> [20.09.2026].