Interview | Kurzvita und Hinweise zur Bildungsarbeit

Interview mit Kurt G.

Quellenbeschreibung

Bei dem hier gezeigten Interview handelt es sich um den Auszug aus der Videoaufzeichnung mit Kurt Gutmann, geboren 1927 in Krefeld, Deutschland. Das Interview wurde von Eva Lezzi und Maximilian Preisler geführt.

Kurt Gutmann erzählt von der deutschen Identität seiner Familie und davon, dass diese seit dem Mittelalter dort gelebt hat; von den wenigen Erinnerungen an seinen verstorbenen Vater; vom Besuch einer jüdischen Schule; vom Umzug nach Mülheim im Jahr 1934; davon, dass sein nächstälterer Bruder nach Schottland geschickt wurde; von antisemitischen Schikanen in der Schule; davon, dass sein ältester Bruder der Verhaftung in der Reichspogromnacht entging; vom Schulverweis; vom Einkaufen, da er arisch aussah; von der Unterbringung in einem Kindertransport im Frühjahr 1939; den schmerzhaften Abschied von seiner Mutter und seinem Bruder; die Reise nach London; den Umzug zu seinem Bruder in ein jüdisches Waisenhaus in Schottland; die schwierigen Beziehungen zu seinem Bruder; den Kontakt zu seiner Mutter über das Rote Kreuz bis 1940; die Unterbringung bei einer christlichen Familie in Annan nach Kriegsbeginn; die liebevolle Beziehung zu seiner Pflegefamilie, mit der er noch immer in Kontakt steht; die Unterbringung in einem jüdischen Heim in Glasgow im Juli 1940; die Arbeit in der Kriegsindustrie, sobald er alt genug war; Beitritt zur FDJ (deutsche antifaschistische Jugendgruppe); Eintritt in die britische Armee 1944; Dienst in Triest; Versetzung nach Deutschland im Herbst 1945; Übersetzertätigkeit in Kriegsgefangenenlagern; Rückkehr nach Mülheim 1947; Nachricht, dass sein Bruder sich freiwillig bereit erklärt hatte, seine Mutter zu begleiten, als diese deportiert wurde; Antisemitismus seitens der Deutschen; Auffinden einiger Verwandter seiner großen Familie; Beitritt zu linken deutschen Gruppen; Niederlassung in Deutschland.

  • Eva Lezzi

Kurzvita


Kurt G. wurde 1927 in Krefeld als jüngster von drei Brüdern geboren. Sein Vater starb, als Kurt G. eineinhalb Jahre alt war. Die Mutter lebte mit ihren drei Söhnen von einer geringen Witwenrente. Kurt G. wurde 1933 in eine jüdische Schule eingeschult. Sein mittlerer, 1924 geborener Bruder Fritz zog 1934 nach Schottland in ein orthodox-jüdisches Waisenhaus. Die Heimleitung hatte sich bereit erklärt, jüdische Waisen und Halbwaisen aus Deutschland aufzunehmen und ihnen so eine Schulbildung und später ein Studium zu ermöglichen. Die Mutter, Kurt und der 1922 geborene Bruder Hans-Joseph zogen im selben Jahr zur Großmutter nach Mülheim an der Ruhr. Hier kam Kurt G. in eine evangelische Volksschule.

Eindrücklich schildert Kurt G. im Interview antisemitische Erfahrungen, die er in der Schule sowohl seitens der Lehrer als auch der Mitschüler erleiden mußte. Ein Lehrer und der Rektor der Schule schickanierten ihn aufgrund seiner jüdischen Herkunft und schlugen ihn mit dem Rohrstock, die Mitschüler beschimpften und verprügelten ihn. Kurt G. hatte nur noch einen einzigen Freund, den Nachbarsjungen Bernhard Reusch, der manchmal heimlich mit ihm spielte. Nach der Reichspogromnacht wurde jüdischen Kindern der Besuch öffentlicher Schulen verboten. Kurt G. kam in eine jüdische Schule, in der alle Altersstufen in einer Klasse zusammengefaßt waren. Der Bruder Hans-Joseph mußte seine Elektrikerlehre abbrechen und wurde auf dem Bau zwangsarbeitsverpflichtet. In der Öffentlichkeit fanden mittlerweile vermehrt antisemitische Umzüge statt.

Kurt G. hatte ein sehr enges und liebevolles Verhältnis zu seiner Mutter. Oft mit ihm allein, teilte sie mit ihrem jüngsten Sohn alle ihre Sorgen und Ängste. Im Juni 1939 konnte Kurt G. als Zwölfjähriger mit einem Kindertransport in Richtung England entkommen. Dies bedeutete eine endgültige Trennung von der Mutter und dem ältesten Bruder. Traurig war Kurt G. auch über das Verlassen Deutschlands. Als der Zug über die deutsche Grenze fuhr, sangen die Kinder: „Nun ade, du mein lieb Heimatland.“

Im schottischen Glasgow kam Kurt G. in das gleiche Waisenhaus wie sein Bruder Fritz. Die beiden hatten sich jedoch in der fünf Jahre währenden Trennung entfremdet und fanden kein familiäres Verhältnis mehr zueinander. Fremd war für Kurt G., dessen Herkunftsfamilie dem liberalen Judentum angehörte, auch das im Heim vertretene orthodoxe Judentum. Die religiöse Vorbereitung auf seine Bar Mitzwah* empfand er als einengend. Mit Beginn des Krieges wurden die Kinder evakuiert. Eine Fischers-familie in Annan, einem kleinen Dorf an der schottisch-englischen Grenze, nahm Kurt G. auf. Hier fand er eine Form von Zuhause.

1942 verließ Kurt G. auf eigenen Wunsch hin die Highschool und kehrte nach Glasgow zurück, um dort als Werkzeugmacherlehrling in einem kriegswichtigen Metallbetrieb zu arbeiten. In Glasgow stieß er zu einem Kreis deutscher, sozialdemokratischer und kommunistischer Emigranten und wurde Mitglied der Gruppe Freie Deutsche Jugend und im Bund Freier Deutscher Gewerkschaften. 1944, mit siebzehneinhalb, meldete er sich freiwillig zur britischen Armee und wurde dem schottischen Hochlandregiment zugeteilt.

Im Herbst 1945 kam Kurt G. als Soldat der britischen Besatzungsmacht auf den europäischen Kontinent und wirkte u. a. als Übersetzer und Dolmetscher. Ende 1947 wurde er auf seine Bitte hin nach Mülheim/Ruhr versetzt und forschte hier dem Schicksal seiner Familie nach. Er fand in Deutschland kein Familienmitglied mehr vor. Einigen war die Emigration gelungen, andere starben eines natürlichen Todes oder begingen Selbstmord. Seine Mutter und der Bruder Hans-Joseph waren im September 1942 deportiert worden. Hans-Joseph hatte noch keine Deportationsaufforderung erhalten und begleitete die Mutter freiwillig. Erst in den 90er Jahren stieß Kurt G. bei seinen Nachforschungen auf Unterlagen, die belegen, daß die Mutter und der Bruder nach Izbica, einem Durchgangslager im Bezirk Lublin, deportiert worden waren. Hier verliert sich ihre Spur. Im Interview kommt Kurt G. auf eine sehr bewegende Weise immer wieder auf den Verlust und die Ermordung der beiden zurück.

Nach Beendigung der Armeezeit im Jahr 1948 entschied sich Kurt G. aus politischen Gründen für ein Leben in der sowjetischen Besatzungszone, der späteren DDR. Er wollte dabei behilflich sein, „ein demokratisches, antifaschistisches Deutschland aufzubauen". Kurt G. arbeitete weiterhin als Dolmetscher und Übersetzer, zumeist im kulturellen Bereich. 1953 heiratete er seine nichtjüdische, ebenfalls politisch aktive Frau Inge. Mit ihr bekam er zwei Kinder, und heute haben sie vier Enkelkinder. Nach wie vor leben sie im Ostteil Berlins.

Hinweise für die Bildungsarbeit


Nutzungshinweise

Das Interview mit Kurt G. dient als Beispiel für das Thema „Überlebende Kinder“. 1927 geboren, war Kurt G. zum Zeitpunkt der nationalsozialistischen Machtergreifung erst sechs Jahre alt. Sein Überleben verdankt er einem sog. Kindertransport nach Großbritannien, d.h. einem speziell für Kinder eingerichteten Rettungswerk. Seine Erzählung verdeutlicht, daß bei Kindern die Verfolgung in andere Lebensbereiche, beispielsweise die Schulzeit, eingriff als bei Erwachsenen. Sie zeigt zudem die andere Perspektive der Kinder auf die Ereignisse und Formen des psychischen Nachwirkens der Verfolgung.

In der Bildungsarbeit bietet sich das Interview mit Kurt G. für die Behandlung der folgenden Themen an:

Schule,

Überlebende Kinder/child survivors,

Erzählstruktur.

Vorarbeiten und konkreter Einsatz des Videos in der Bildungsarbeit

1. Thema: Schule

Das bereits am 25. April 1933 erlassene „Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen" war ein erster Schritt bei der Ausgrenzung jüdischer Kinder aus dem deutschen Bildungswesen. Am 15. November 1938, d.h. wenige Tage nach der Reichspogromnacht, verbot Erziehungsminister Rust jüdischen Kindern den Besuch deutscher Schulen endgültig. Und am 20. Juni 1942 wurde schließlich ein Gesetz erlassen, welches auch die Schließung der jüdischen Schulen vorsah. Solange jüdische Schüler die öffentlichen Schulen besuchten, waren sie einem häufig willkürlichen Wechselspiel zwischen Zwangsteilnahme und Ausgrenzung ausgesetzt. Mußten sie einerseits Fächer wie Erbkunde, Rassenkunde und Bevölkerungspolitik besuchen, waren sie andererseits von Wandertagen oder entsprechenden gemeinsamen Aktionen ausgeschlossen. Teilweise hatten sie nationalsozialistische Lieder mitzusingen, durften aber den Arm nicht zum Hitlergruß heben.

In der ersten Sequenz des edierten Videos erzählt Kurt G. von geradezu sadistischen Inszenierungen seitens eines Lehrers und des Schuldirektors. „Zur Strafe“ verprügelten sie den Jungen regelmäßig, dem als Jude keine Möglichkeit gegeben war, sich richtig zu verhalten. Nach dem Unterricht waren es die Mitschüler, die Kurt G. jeweils zu mehreren angriffen. Die Sequenz zeigt, wie keine der drei Instanzen - Schulleitung, Lehrerschaft und Schülerschaft — von der Mitverantwortung an Diskriminierung und Verfolgung freigesprochen werden kann.

2. Thema: Überlebende Kinder/child survivors

Überlebende Kinder werden in der entsprechenden Fachliteratur häufig als child survivors bezeichnet. Dieser Ausdruck umfaßt zwei Ebenen: Die historischen Erfahrungen der Kinder und ihre psychische Verarbeitung bzw. Nachwirkung.

Während der Shoah wurden schätzungsweise eineinhalb Millionen jüdischer Kinder ermordet. In Ghettos und Lagern hatten sie so gut wie keine Überlebenschancen. Auf der anderen Seite bildeten sich in Europa zahlreiche Organisationen, die sich speziell für die Rettung von jüdischen Kindern einsetzten. Beispielsweise konnten mit den sog. Kindertransporten ungefähr 7.000 Kinder und Jugendliche ohne die Begleitung von erwachsenen Bezugspersonen nach Großbritannien gebracht werden. Dort wurden sie von jüdischen, christlichen und säkularen Institutionen sowie Privatpersonen materiell versorgt. Es hat sich jedoch gezeigt, daß die psychischen Auswirkungen der Verfolgung — trotz einer relativ sicheren Umgebung — bei überlebenden Kindern häufig besonders gravierend waren, da sie sich während der Shoah noch in einer Phase der Entwicklung befanden. Dies wird ahnbar, wenn Kurt G. in der ersten Interviewsequenz von seiner bis heute anhaltenden Schreckhaftigkeit erzählt. Psychisch einschneidend für viele überlebende Kinder war auch die frühe Trennung von der Herkunftsfamilie und die Ermordung von Eltern und Geschwistern.

Das Interview mit Kurt G. verdeutlicht, durch wie viele Entwicklungsphasen und wechselnde Kontexte Kinder und Jugendliche während der zwölf Jahre nationalsozialistischer Herrschaft unter Umständen gehen mußten. Und auch die Nachkriegssituation verlangte weitere Umstellungen. Dies läßt sich anhand folgender Fragen darstellen und diskutieren:

Wie änderte sich Kurt G.s familiäre und öffentliche Umgebung von seiner Einschulung im Jahr 1933 bis zu seinem Beitritt in die britische Armee in seinem 17. Lebensjahr?

Welche Identitätsentwicklung beispielsweise in politischer und religiöser Hinsicht durchlief er in dieser Zeit?

Was alles ließ Kurt G. durch die Emigration nach Schottland zurück?

Wie war seine Rückkehr neun Jahre später?

3. Thema: Erzählstruktur

Neben den historischen Erfahrungen und ihren psychischen Nachwirkungen unterscheidet sich auch die Sichtweise von child survivors auf die Ereignisse sowie die Art und Weise, wie sie das Erlebte in der Erinnerung speichern und in der Erzählung wachrufen. Um Betrachter des Videos für Erlebens- und Erzählweisen, die mit der Kindheit zusammenhängen, zu sensibilisieren, empfiehlt sich folgende Vorübung in Kleingruppen:

Befragen Sie sich gegenseitig erstens zu Erlebnissen, die in der Kindheit liegen, und zweitens zu solchen der jüngsten Zeit. Inwiefern ändert sich die Erinnerungsweise und die Art des Erzählens? Wie wirken diese Änderungen auf die Zuhörer?

Befragen Sie sich gegenseitig, wie Sie ein kollektiv wichtiges Ereignis in Ihrer unmittelbaren Umgebung erlebt haben. Versuchen Sie sich danach vorzustellen, wie die gleiche Zeit aus der Perspektive eines kleines Kindes erfahren wurde.

Anschließend lassen sich folgende Fragen an das Interview mit Kurt G. herantragen:

Welche Erfahrungen waren für ihn als Kind zentral? Und wie berichtet er hiervon?

Was erschloß sich ihm aus eigenem Erleben, was über die Erzählungen der Mutter?

Auch unabhängig vom damaligen Alter der Verfolgten unterscheidet sich ihre jeweilige Erzählweise. Diese Unterschiede hängen beispielsweise mit der Nachkriegssozialisation, d. h. dem politischen, religiösen und beruflichen Hintergrund der Interviewpartner zusammen sowie mit der Art und Weise, sich in der Interviewsituation emotional zu öffnen. Das Spezifische einer Erzählweise zeigt sich insbesondere durch einen Vergleich von mehreren der edierten Interviews.

Anhand des Videos mit Kurt G. lassen sich folgende Themen diskutieren:

Wie wirken die Fragen der Interviewer?

Welche Fragen hätten Sie gestellt?

Wie wirkt Kurt G.s wiederholte, sehr emotionale Erzählung vom Verlust der Mutter und des Bruders?

Auswahl-Bibliographie


Deborah Dwork, Kinder mit dem gelben Stern. Europa 1933-1945, München 1994.
Hans Keilson, Sequentielle Traumatisierung bei Kindern. Descriptiv-klinische und quantifizierend-statistische follow-up Untersuchungen zum Schicksal der jüdischen Kriegswaisen in den Niederlanden, Stuttgart 1978.
Eva Lezzi, Verfolgte Kinder: Erlebnisweisen und Erzählstrukturen, in: Menora. Jahrbuch für deutsch-jüdische Geschichte 1998, Bodenheim 1998, S. 181—223.

Zur Autorin

Schwerpunkt: jüdische Studien; Referentin für Promovierendenförderung im Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk; Adjunct Prof. an der New York University, Berlin;

Zitationsempfehlung und Lizenzhinweis

Eva Lezzi, Interview mit Kurt G., in: Archiv der Erinnerung, 20.09.1998. <https://ade.juedische-geschichte-online.net/beitrag/ade:article-2> [20.09.2026].