Bei dem hier gezeigten Interview handelt es sich um den Auszug aus der Videoaufzeichnung mit Werner Krisch, geboren 1919 in Berlin, Deutschland. Eine Lebensgeschichte, basierend auf diesem Interview, findet sich in Peter Hochmuth, Gerhard Hoffmann (Hrsg.), Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen. Lebensbilder, Berlin 2007, S. 123-138, https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Publ-Texte/Texte35.pdf Das Interview wurde von Eva Bauer und Annette Leo geführt.
Werner Krisch erinnert sich an seine Schulzeit; den Schulverweis nach Verabschiedung der Nürnberger Gesetze; vergebliche Versuche, mit seinem Bruder legal und illegal auszuwandern; die Zerstörung jüdischer Geschäfte in der Reichspogromnacht, wodurch Arbeitsmöglichkeiten wegfielen; die Verrichtung körperlicher Arbeit; die Deportation seiner Eltern in das Ghetto Litzmannstadt (Łódź) im Oktober 1941; seinen Nachzug wenige Wochen später; das freiwillige Verlassen des Ghettos zusammen mit seinem Bruder; Verlegung nach Rawitsch; Zwangsarbeit; öffentliche Hinrichtungen; Tod seines Bruders durch Schläge; Verlegung nach Auschwitz/Birkenau im Jahr 1943; Auswahl für die Gaskammer; vierzehntägiges Verstecken in einem Loch; Anlegen des Mantels eines vergasten Häftlings und Beitritt zu dessen Gruppe; Entdeckung; Einweisung in den Strafblock; Verlegung nach Sachsenhausen; Krankenhausaufenthalt wegen Typhus; Verlegung nach Buchenwald; Befreiung durch US-Truppen; die Amerikaner zwingen Einheimische, das Lager zu besuchen; Rückkehr nach Berlin; Suche nach Hilfe beim Roten Kreuz, um überlebende Verwandte zu finden (es gab keine); Heirat; und die Geburt seines Sohnes. Herr Krisch spricht über Details des Lagerlebens, darunter die Hierarchie; seine Überzeugung, dass er nicht überleben würde, aber gleichzeitig seine Hoffnung nicht verlor; Gespräche im Lager, in denen festgestellt wurde, dass niemand ihre Erfahrungen glauben würde, wenn sie überlebten; das Verschweigen seiner Erfahrungen, insbesondere gegenüber seinem Sohn; einen kürzlichen Besuch in Auschwitz/Birkenau; wiederkehrende Alpträume; und sein anhaltendes Zugehörigkeitsgefühl zu Deutschland.
Werner K. wurde 1919 geboren und wuchs als ältester von zwei Brüdern in einem assimilierten Berliner Elternhaus auf. Die Mutter war Hutmacherin, der Vater Textilkaufmann. Nach Beendigung der Oberrealschule arbeitete Werner K. in der Konfektionsbranche als Modezeichner. Sein eigentliches Berufsziel, die Bühnenbildnerei, konnte er sich aufgrund der einsetzenden NS-Verfolgung nicht erfüllen. Seit 1938 mußten er und sein Bruder Zwangsarbeit leisten, das Geschäft der Eltern wurde nach der Reichspogromnacht 1938 enteignet. Gemeinsam mit seinem Bruder unternahm Werner K. einen Fluchtversuch nach Belgien, der jedoch mißlang.
1941 wurde die gesamte Familie vom Berliner Bahnhof Grunewald aus in das Ghetto Lodz deportiert. Aufgrund der unmenschlichen Lebensbedingungen und der Hungersnot im Ghetto meldeten Werner K. und sein Bruder sich gemeinsam mit einer Gruppe anderer junger Juden zur Zwangsarbeit in das Lager Rawicz, da sie sich hier bessere Möglichkeiten zum Überleben bzw. zur Flucht versprachen. Die Eltern, die schon zu alt zur schweren körperlichen Arbeit waren, blieben in Lodz zurück. Werner K. sah sie nie wieder; wie er später von einem der wenigen Überlebenden des Lodzer Ghettos erfuhr, wurden sie im Zuge der Auflösung des Ghettos im Jahr 1944 deportiert und vermutlich in Treblinka oder Majdanek ermordet. Im Zwangsarbeitslager Rawicz verlor Werner K. auch seinen Bruder, der von einem SS-Mann erschlagen wurde.
1943 wurde Werner K. nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Als Arbeiter im Schlossereikommando wurde er in verschiedenen Teilen des Lagers eingesetzt und beobachtete so unter anderem im Krematorium IV die industrielle Ausbeutung der getöteten Häftlinge. Im Januar 1944 wurde er, der bereits sehr abgemagert war, selbst für einen „Sondertransport", d.h. für die Vergasung, selektiert. In der Nacht schlich er aus dem Block, in dem er untergebracht war. Er versteckte sich in einem Sandloch innerhalb des Lagers, wo er zum Zeugen der Ermordung seiner Mithäftlinge im nahegelegenen Krematorium wurde. Nach 14 Tage entdeckte die SS sein Versteck im Sandloch. Werner K. entging aus ungeklärten Gründen der üblichen Hinrichtung nach einem mißlungenen Fluchtversuch und kehrte nach einiger Zeit im Strafkommando wieder in das Schlossereikommando zurück. Dort organisierte er gemeinsam mit anderen Häftlingen Widerstandshandlungen, darunter die Flucht eines Mithäftlings, der Informationen über das Lager nach England bringen konnte.
Von Auschwitz wurde Werner K. nach Sachsenhausen verschleppt, wo er sich eine schwere Bauchtyphus-Erkrankung zuzog. Als die SS das Lager Küstrin, wo die Häftlinge in einem Stickstoffwerk Zwangsarbeit verrichten mußten, vor der vorrückenden Roten Armee evakuierte, wurde Werner K. im Frühjahr 1945 nach Buchenwald deportiert. Er erlebte die Selbstbefreiung des Lagers durch die Häftlinge und die Ankunft der amerikanischen Truppen. Bald nach der Befreiung trat er der Kommunistischen Partei bei und blieb in Weimar, wo er als Bühnenbildassistent und Pressefotograf arbeitete. Nach einigen Jahren in Dresden wurde Werner K. 1952/53 aufgrund eines Parteiverfahrens fristlos entlassen und arbeitete auf dem Bau. 1956 fand er in Berlin eine Anstellung als Fotojournalist. Werner K. ist verheiratet und hat einen Sohn. Er ist der einzige Überlebende seiner Familie.
Nutzungshinweise
Das Interview mit Werner K. zeigt exemplarisch den Themenkreis der KZ-Haft auf. Wie ein großer Teil der allerdings wenigen KZ-Überlebenden blieb Werner K. als einziger seiner Familie am Leben. Von seinen Eltern fehlen sogar genaue Informationen über Verbleib und Schicksal. Anhand des Beispiels von Werner K. wird das Ausmaß des faktisch gelungenen Völkermordes deutlich; die wenigen Überlebenden bilden die Ausnahme, während mit den Ermordeten auch familiäre, soziale und kulturelle Zusammenhänge in unersetzlicher Weise verloren gingen. Gleichzeitig zeigt seine Geschichte während des Nationalsozialismus auch den langen Leidensweg vieler Häftlinge auf. Der Berliner Werner K. wurde nach der Deportation in das Ghetto Lodz von Lager zu Lager geschleppt. Die physische und psychische Quälerei der Opfer stand in allen Lagern an der Tagesordnung, im Vergleich zu Auschwitz berichtet Werner K. jedoch von einer stärkeren Solidarität und ausgeprägten politischen Handlungsweise unter den Häftlingen in Buchenwald. Unter anderem anhand dieser Unterschiede wird noch einmal der besondere Charakter der Vernichtungslager, deren Opfer aus allen Teilen Europas verschleppt waren und weder eine gemeinsame Sprache noch Weltanschauung besaßen, transparent. Aus der Verfolgungserfahrung heraus entwickelte Werner K. verstärkt ein politisches Bewußtsein. Noch 1945, kurz nach der Befreiung, trat er in die Kommunistische Partei ein und entschied sich bewußt für ein Leben in der DDR, die seiner Meinung nach den Nationalsozialismus konsequent bekämpfte.
Bei der Besprechung des Bandes im Unterricht sollte auch Raum für emotional betroffene Reaktionen der Schülerinnen und Schüler gelassen werden.
Für die Bildungsarbeit bietet sich das Interview mit Werner K. für die Behandlung der folgenden Themen an:
KZ-Haft und Widerstand,
Das Weiterleben in der SBZ bzw. DDR nach 1945,
Der schwierige Dialog zwischen den Generationen der Überlebenden und ihren Kindern.
Vorarbeiten und konkreter Einsatz des Videos in der Bildungsarbeit
1. Thema KZ-Haft und Widerstand
Anhand des Interviews mit Werner K. lassen sich der zum Teil unterschiedliche Charakter von Ghetto, Konzentrations- und Vernichtungslager herausarbeiten. Anhand des Unterschieds zwischen Auschwitz und Buchenwald kann auch das unterschiedliche Ausmaß der Verfolgung von Juden und anderen Häftlingsgruppen wie z.B. den politisch Verfolgten thematisiert werden. Hierfür bietet sich insbesondere das Beispiel des Lagers Buchenwald an, das zum Teil von politischen Häftlingen verwaltet wurde.
Folgende Fragen können in diesem Zusammenhang diskutiert werden:
Die Shoah bedeutete die Ermordung ganzer Familien, die industrielle Verwertung und physische Vernichtung noch der Leichen und die Enteignung bzw. Vernichtung des Eigentums der Opfer. Jede Spur der Ermordeten und der an ihnen begangenen Verbrechen sollte ausgelöscht werden. Für die wenigen Überlebenden des Völkermordes fehlten nach der Befreiung oft nicht nur familiäre Bezugspersonen bzw. Familienandenken wie Fotografien usw., sondern auch Gräber als konkreter Ort des Trauerns um die ermordeten Verwandten. Durch entsprechende Nachfragen sollten die Lernenden dazu aufgefordert werden, diese auch auf die Sinti und Roma zutreffende Besonderheit des rassistisch motivierten Völkermordes zu erkennen und auch in ihrer emotionalen Bedeutung für die Überlebenden nachzuvollziehen.
Für die Ausführung der von den Nationalsozialisten beschlossenen ‚Endlösung der Judenfrage‘ wurden auf polnischen Boden besondere Lager mit Massenvernichtungsanlagen (Auschwitz-Birkenau, Treblinka, Maidanek, Sobibor, Belzec und Chelmo) errichtet. Anhand dieser Tatsache, die nochmals die besondere Intensität des rassistisch motivierten Völkermordes verdeutlicht, können nicht nur die graduell unterschiedlichen Überlebensbedingungen für die verschiedenen Häftlingskategorien (Juden, Sinti und Roma, Politische, Homosexuelle, Bibelforscher, Kriminelle, Asoziale usw.) herausgearbeitet werden, sondern auch die entsprechenden Unterschiede zwischen verschiedenen Lagern (z.B. im Vernichtungslager Auschwitz und im Konzentrationslager Buchenwald).
In seinem Interview berichtet Werner K. von dem ausbleibenden Widerstand jüdischer Auschwitz-Häftlinge gegen ihre bevorstehende Ermordung. Diese Erzählung sollte in der Unterrichtssituation unter Berücksichtigung der folgenden Aspekte kontextualisiert werden. Die jüdischen Opfer der Nationalsozialisten wurden aus allen Teilen Europas in die Vernichtungslager verschleppt. Sie besaßen weder eine gemeinsame Weltanschauung, noch teilten sie eine gemeinsame Sprache. Bei ihrer Ankunft im Vernichtungslager hatten sie oftmals bereits Jahre der Gefangenschaft, des Hungerns und alltäglicher physischer und psychischer Quälereien in Ghettos und anderen Lagern hinter sich. Hinzu kam der zumeist tagelange Transport im geschlossenen und mit Menschen überfüllten Viehwaggon, ohne Essen, Trinken und ohne die Möglichkeit, die Notdurft zu verrichten. In der Regel waren die im Lager Ankommenden bereits physisch entkräftet. Angesichts dessen sowie der mit Schußwaffen und Wachhunden ausgerüsteten SS erschien ein Widerstand als aussichtslos. Viele der Deportierten ahnten zudem nichts von der ihnen bevorstehenden Ermordung, da sogar die Vernichtungsanlagen bis ins kleinste Detail, unter anderem als Duschanlagen, getarnt waren. Das starke Zusammengehörigkeitsgefühl vieler Familien führte oftmals auch dazu, daß sich Einzelne trotz ihrer Arbeitsfähigkeit freiwillig für ein Zusammenbleiben mit ihren wissentlich oder unwissentlich für die Gaskammer selektierten Angehörigen entschieden. Im Kontext des Themas Widerstand sollte jedoch gleichzeitig auf die Existenz jüdischer Widerstandsaktionen verwiesen werden. Dazu gehören nicht nur der Aufstand im Warschauer Ghetto im April 1943 und die Sprengung des Birkenauer Krematoriums IV im Herbst 1944, sondern auch der freiwillige Dienst vieler jüdischer Emigranten in den alliierten Armeen bzw. die Teilnahme von Juden am Widerstandskampf der Untergrundbewegungen (Résistance, Partisanen usw.) in den von Deutschland besetzten Ländern.
Wie prägte Werner K.s Bereitschaft zum Widerstand und seine sich entwickelnde politische Identität sein Erleben der eigenen Verfolgung als Jude?
2. Thema: Das Weiterleben in der SBZ bzw. DDR nach 1945
Aufgrund seines politischen Bewußtseins entschied sich Werner K. nach 1945 für einen Verbleib im Ostteil Deutschlands. Für eine Kontextualisierung der folgenden Fragen zu diesem Themenbereich wäre es interessant, die Nachkriegsgeschichte Werner K.s und der anderen Interviewpartner bei der Betrachtung des Videos vorerst auszuklammern. Statt dessen könnten die Schüler in der Diskussion nach ihren entsprechenden Eindrücken sowie deren Zustandekommen (u. a. aufgrund spezieller Erzählweisen, Formulierungen und angesprochener Themen) gefragt werden. Möglicherweise würden sich einige der anschließenden Fragestellungen bereits daran anknüpfen lassen.
Folgende Fragen können in diesem Zusammenhang diskutiert werden:
Welche konkreten Bedingungen herrschten in der DDR und Bundesrepublik bis 1989 beim Umgang mit dem Nationalsozialismus bzw. der Judenvernichtung vor?
Wie mag die offizielle Haltung der DDR zu diesem Thema die Perspektiven der verfolgten Juden auf ihre Verfolgungsgeschichte mit geprägt haben, und wie schlägt sich diese möglicherweise im Interview mit Werner K. nieder?
3. Thema: Der schwierige Dialog zwischen den Generationen der Überlebenden und deren Kinder
Wie Werner K. im Interview berichtet, sprach er mit seinem heranwachsenden Sohn lange Zeit nicht über die Ermordung seiner Familie. Dieser Umstand mag zunächst als erstaunlich erscheinen; verschiedene Untersuchungen haben jedoch gezeigt, daß das Schweigen über die eigene KZ-Haft und die Ermordung naher Angehöriger in den Familien der Verfolgten nicht unüblich ist. Während viele Überlebenden ihre Kinder nicht mit ihrer schrecklichen Vergangenheit belasten wollten, wagten die Kinder ihrerseits oftmals nicht danach zu fragen, aus Angst, ihre Eltern mit dem unermeßlichen Schmerz der Erinnerung zu konfrontieren. Auch in diesem Sinne wirken die Konsequenzen der Verfolgung bis in die Gegenwart fort, denn angesichts des Schweigens in der Familie können die Kinder oft kein unbelastetes Verhältnis zu ihrer Familiengeschichte und Herkunft entwickeln.
Daraus ergeben sich folgende Fragen:
Worin manifestiert sich der schwierige Dialog zwischen Werner K. und seinem Sohn über die Vergangenheit?
Wie wurde in den Familien der Schülerinnen und Schüler über die Familiengeschichte während des Nationalsozialismus gesprochen?
Auch in vielen Familien von Mitläufern und Tätern des Nationalsozialismus wird bis heute über die Vergangenheit geschwiegen. Welche Unterschiede lassen sich zwischen dem Schweigen der ehemaligen Opfer und dem der früheren Täter vermuten?
Welche Möglichkeiten liegen im Dialog über die Vergangenheit, und wie können die Schülerinnen und Schüler hierzu einen Beitrag leisten?
Schwerpunkt: deutsch-jüdische Kultur
Cathy Gelbin, Interview mit Werner K., in: Archiv der Erinnerung, 20.09.1998. <https://ade.juedische-geschichte-online.net/beitrag/ade:article-4> [20.09.2026].